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Schuld und Sühne

Das Drama des begabten Kindes

von Florian Wetter

Raskolnikoff – unser Held – ist ein Mörder. Wenn wir ihm zum ersten Mal begegnen, hat er die Tat noch nicht begangen. Doch wir wissen sofort: Es brodelt schon lange in ihm, und die Tat – die große Tat – ist längst mehr als nur ein flüchtiger Blitz auf der Leinwand seiner Gedanken.  Sein Geisteszustand ist überreizt, fast hypochondrisch. Die Miete für sein kümmerliches Zimmer kann er nicht mehr zahlen, versucht der Wirtin aus dem Weg zu gehen, denn er schuldet ihr das Geld für die letzten Monatsmieten. Überhaupt kann er sich nichts mehr kaufen. Er besitzt nur noch wenig, und von dem Wenigen hat er fast schon alles verpfändet und kaum etwas dafür bekommen. Das geht nicht nur ihm so. Die Welt ist ein fremdes Land. In ihr kämpfen die Insassen ums Überleben, die meisten für sich. Doch Raskolnikoff ist ein Hoffnungsträger. Intelligent, gutaussehend, sensibel und – was am Wichtigsten ist – begabt mit einem Gespür für Richtig und Falsch. Deswegen ist er wohl auch aus der Provinz nach St. Petersburg gekommen, um Juristerei zu studieren. Die Welt zu einer gerechteren zu machen! Und tief in ihm, mit der Muttermilch eingesogen und von Mutter und Schwester herangenährt: das Gefühl um die Befähigung zu etwas Großem. Er kann ein besonderer Mensch sein. Oder vielmehr: Er kann überhaupt Mensch sein! Ein Wesen, das diese Bezeichnung verdient. Nicht nur eine kleine, miese Dreckslaus, die auf dem Planeten zwischen Müll und Auswurf herumkriecht. Es gibt für Raskolnikoff nur das – Mensch oder Laus. Gigantisch oder jämmerlich.

Das ist also unser Held. Ein gedemütigter Narzist, der zurückschlägt; der stellvertretend Rache nimmt an einer Gesellschaft, die auf den Schwachen herumtrampelt und die Reichen immer reicher werden lässt. Ja, könnten wir sagen, diese alte Wucherin hat es nicht anders verdient, als zu sterben. Sie ist eine Eiterblase, die aufgestochen werden muss, damit die Welt heilen kann. Doch ihre hilflose, behinderte Schwester quasi als Kollateralschaden ins Jenseits zu befördern, das geht zu weit. Und schon sitzen wir in der moralischen Falle, die uns Dostojekwski gleich zu Anfang gestellt hat. Auch wir ertappen uns bei der Überlegung, was wertes und was unwertes Leben sei und sind auf Raskolnikoffs Denkspur eingebogen.

Jetzt kommt die Ablehnung. Der eine Mord wäre noch nachvollziehbar gewesen. Der andere – an einer Unschuldigen! – nein, das geht zu weit. Wir müssen Raskolnikoff nun ablehnen! Das ist ein armer Irrer, ein verrückter, verhaltensgestörter Psychopath und skrupelloser Mörder, über den nun wir unsererseits mit verschränkten Armen und von höherer Warte aus richten dürfen. Das ist Dostojewskis zweite Falle.

Um sie herum baut er uns eine Welt der Spiegel. Wir erkennen in all den Figuren Züge unserer eigenen Persönlichkeit und beobachten Raskolnikoff dabei, wie auch er sich in all den anderen widerspiegelt – in Möglichkeiten, wie sein Leben seinen Lauf nehmen könnte, denn er steht noch ganz am Anfang. Jeder hier hat seinen Preis gezahlt und seine Entscheidung getroffen – dem Leben die Weichen gestellt. Zum Besseren oder zum Schlechteren? Das spielt keine Rolle. Die entscheidende Frage ist eine transzendente. Die junge Sonja, die schicksalshaft Raskolnikoffs Weg kreuzt, steht für den Ausweg ins Licht. In eine Welt des Du, die sich grundlegend vom Spiegelkabinett der Selbstbezogenheit unterscheidet. Sonja gibt Raskolnikoff nicht verloren, denn sie erkennt das Gute unter all dem Schrecklichen. Sie versteht instinktiv sein Leiden, der überbordenden Erwartung der anderen und sich selbst nicht gerecht zu werden. Die Demütigung, trotz höherer Bestimmung ganz unten zu sein. Die Hybris der höheren Bestimmung ist Raskolnikoffs Falle und lässt ihn zum Mörder werden. Und dennoch gibt Dostojewksi seine Figur nie auf. Anders als andere seiner Romanhelden darf Raskolnikoff überleben und bekommt eine zweite Chance. Er akzeptiert seine Strafe, akzeptiert das Unten, und wird frei. Vielleicht kann er tatsächlich eine Sonne werden, die das Leben anderer erhellt. Zumindest findet er endlich zu sich selbst.

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