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DAS PHÄNOMEN

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Solche Aussagen des deutschen Innenministers lassen hellhörig werden. Schon einmal hat man ähnliche Worte vernommen. In Arthur Schnitzlers 1912 geschriebenem Stück „Professor Bernhardi“ kommen sie gleich mehrfach vor. Da sagt einer der Ärzte: „Wir leben nun einmal in einem christlichen Staat, Herr Professor“. Und Minister Flint sieht ganz klar die „Verbindung von christlicher Wissenschaft und Medizin“. In einer Interpellation im Parlament stellt die klerikale Partei dann sogar die Forderung, Professor Bernhardi wegen Religionsstörung anzuklagen, und „künftighin bei der Besetzung öffentlicher Stellen ein für allemal von Persönlichkeiten abzusehen, die durch Herkunft und Charaktereigenschaften nicht in der Lage sind den angestammten Gefühlen der christlichen Bevölkerung das nötige Verständnis entgegenzubringen.“

Der Einzelfall wird zum Paradebeispiel. Ein „Wir haben es doch gewusst“ raunt es hinter vorgehalter Hand. Verbindungen werden gezogen zwischen Rasse und Charakter. Die Wölfe lauern und lechzen nach Blut. Ihr Hunger auf Menschenfleisch ist ungebrochen. Sie warten auch heute wieder darauf, das etwas geschieht – ein Terroranschlag, eine Vergewaltigung, ein Mord – etwas, das die bereits vorhandenen Vorurteile bestätigt und endlich als Argument dienen kann, den gewünschten restriktiven Maßnahmen einen pseudolegitimen Anstrich zu verpassen. Denn Rassismus ist etwas tief Verankertes im Menschen. Etwas, das aus Urzeiten stammt, aus einer archaischen Zeit, in welcher der Mensch den Menschen noch nicht als Bruder erkannt hat. Aus den Zeiten von Kain und Abel. Rassismus ist ein irrationales Gelübte aus Dummheit und Hass, geboren aus dem Minderwertigkeitsgefühl des Verlierers, des Zukurzgekommenen.  Im Kern hat er immer etwas Wildes, Unbeherrschtes. Erst staatlich verankerter Rassismus kann mit Ordnung und Legitimation einhergehen, kann Eisenbahnwägen rollen lassen im Namen der Volksreinheit. Zuerst aber wächst dieser Rassismus wie ein Krebs in uns. An den Rändern der Gesellschaft. In den Vorstädten. In den Winkeln, den Windungen des Unterbewussten. Er ist lange da, bevor er ausbricht und die ersten Symptome zeigt. Doch schon bald nagt er sich in den letzten Fleck des Lebendigen und verschlingt das Gesunde und Anständige mit seiner Vernichtungswut.

Auch Professor Bernhardi, einst angesehener und verdienter Direktor einer Privatklinik, wird suspendiert und zum Musterbeispiel eines Juden erklärt, der allein durch seine rassische Zugehörigkeit nicht in der Lage sein kann, die christlichen Patienten der Klinik angemessen zu behandeln. Religion wird vorgeschützt. Eigentlich geht es um Rassismus. Rassismus ist ein schleichendes Phänomen. Der Dichter und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hat darüber einmal ein Lied gemacht. Darin beschreibt er eindrücklich, wie aus Vorurteilen Stigmatisierungen werden, wie Ressentiments zu Hass und am Ende zu Pogromen führen:
„Nur weil kein Mensch derselbe ist / Und weiß und schwarz und gelbe ist / Wird er verbrannt ob Frau ob Mann / Und das fängt schon von klein auf an.“
Und nur eine Lösung kann es hiergegen geben: Der Bruder muss den Bruder zu verstehen suchen. Er muss im Anderen sich selbst erkennen. Liebe ist immer die Lösung. Humanismus ist immer die Lösung. Vorurteile und Hass niemals.

Und Hüsch dichtet zu Ende:

„Dann nehmt euch alle an die Hand / Und nehmt auch den der nicht erkannt / Dass früh schon in uns allen brennt / Das was man den Faschismus nennt. / Nur wenn wir eins sind überall / Dann gibt es keinen neuen Fall / Von Auschwitz bis nach Buchenwald / Und wer’s nicht spürt der merkt es bald. / Nur wenn wir in uns alle sehn / Besiegen wir das Phänomen. / Nur wenn wir alle in uns sind / Fliegt keine Asche mehr im Wind.“
(Text: Manuel Kreitmeier / Foto: tisento.de)

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