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Kafka Der Bau

Der Zündfunke

von Manuel Kreitmeier

Um Sicherheit und die Erschütterung dieser Sicherheit geht es in vielen Texten Franz Kafkas. Zumeist befindet sich der Protagonist in einem System, das er nicht versteht, und aus dem es letztlich kein Entrinnen gibt. Das System – eine Stadt, ein Gericht, eine Familie – verschlingt den sich nur halbherzig wehrenden Protagonisten mit Haut und Haaren. Und nicht einmal die Gründe für seine eigene Vernichtung dürfen ihm als Erleuchtung kommen. Ist es, weil er ein Außenseiter ist? Ein Fremder im Dorf? Ergeben die Begründungen für seine Verdächtigung und Vernichtung deswegen für ihn keinen Sinn, weil er die Ideologie hinter dem System nicht versteht? Das wäre zu einfach. Es ist vielmehr das Wegschauen aller, die den vermeintlich Anderen zum Anderen und damit zum Opfer machen. Es sind die Feindbilder, begründet aus Angst und Paranoia in den Köpfen der Menschen, die irgendwann wie ein Golem leibhaftig vor dem Schöpfer stehen. Der Krieg, der Holocaust sind Maschinerien, die von solchen Golems betrieben werden. Sicher: der Einzelne wird hierin zum Beteiligten. Das Ganze jedoch, ist ein System, das auch er nicht versteht. Die Wetterzeichen stehen auf Sturm. Man sieht das Schreckliche herannahen. Die Maschine nimmt Gestalt an. Der Zündfunke glimmt. Hier gilt es einzugreifen. An diesem Moment. Wenn sie erst einmal zum Laufen gebracht wurde, ist sie kaum mehr zu stoppen. Dann teilt sich die Welt wieder in eine von Tätern und Opfern. Eine solche Maschinerie – Kafka selbst beschreibt sie in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“ – ist das Grauen der Moderne, die Kafka wie kein anderer zu beschreiben imstande war.

 

Und Heute? Leben wir – wie Kafka – nicht auch in einer Zeit, in der die Wetterfahnen bedenklich zu flattern beginnen? Der Sturm ist noch nicht da. Noch steht der Steuermann der Demokratie auf seinem Posten und steuert das schwankende Schiff sicher in den nächsten Hafen. Doch meutern bereits Teile der Besatzung. Regeln werden umgeschrieben. Was heute noch an Werten gilt, ist morgen kryptische Schrift. Der Lotse verlässt das Schiff. Der neue Steuermann – ein Populist oder ein selbsternannter Diktator ist an Bord. Und wer ist bereit sich ihm entgegenzustellen?

 

Kafkas Texte – zumal die ganz späten, kurzen, unbekannteren Stücke aus dem Nachlass – erzählen diese Geschichte der Erschütterung vor dem Sturm auf grandiose Weise. Den Moment; wenn die Maschine anspringt wird hier in Bildern und Metaphern heraufbeschworen und erlebbar gemacht. Beispielsweise die einsetzende Paranoia des Tiers in der Erzählung „Der Bau“, das sich eine scheinbar uneinnehmbare Festung mit allen erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen erschaffen hat und dennoch das Nahen des Schrecklichen empfindet, das vielleicht nur in ihm selbst lodert.  Paranoia entsteht, wo Sicherheit übertrieben, Abschottung der Freiheit vorgezogen, Feindbilder etabliert werden. Auch in der Erzählung „Der Nachbar“ ist plötzlich ein unbekannter Fremder aus dem Nachbarbüro der erklärte Feind des Protagonisten. Er kennt den Nachbarn nicht. Er weiß nichts von ihm, aber er unterstellt ihm das Schlimmste. So entsteht Hass. So entsteht jegliche Form von vorgeschobener Gefahr, die plötzlich einer ganzen Rasse oder eine ganze Religion oder sexuelle Orientierung unterstellt wird.
Diese Texte, die Hilflosigkeit und Ohnmacht beschreiben – Erzählungen wie „Der Geier“ oder „Der Steuermann“ werden in unserem Projekt Texten gegenübergestellt, die aus scheinbaren Opfern Täter werden lassen. Dort, wo bei Kafka aktives Handeln entsteht, folgt zumeist ein Mord, beziehungsweise das Grauen zieht ein in die Stadt. Am Ende der Erzählung „Ein Brudermord“ erschlägt der Protagonist Schmah (Kain) seinen Zechbruder Wese (Abel). Gründe hierfür nennt Kafka keine. Der Mord muss stattfinden, weil zwei Menschen sich begegnet sind. Weil sich etwas in ihrem Kopf gebildet hat – ein Krebsgeschwür aus Verleumdung, Vorurteil und Hass. Wir sind es, die den Schlüssel drehen. Der Zündfunke glimmt. Die Maschine springt an.

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