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Die Marilyn- Tapes

Die Stadt der Engel und Tiger

von Manuel Kreitmeier

marilyn_mordDie Geschichte von Marilyn Monroe ist die Geschichte einer missglückten Emanzipation. Mir fällt kaum ein Mensch ein, der sich so um Selbstfindung bemüht hat, wie sie. Kaum ein Mensch, der so entschlossen war, wie ein Schmetterling die enge Larve des festgefügten Kokons zu durchbrechen. Was hat sie nicht alles erreicht in ihrem kurzen Leben? Fast erreicht muss man wohl sagen: von der vernachlässigten Waise zur größten Filmikone ihrer Zeit. Ikone wohlgemerkt, nicht Schauspielerin. Da waren ihr Bette Davis oder Olivia de Havilland weit voraus. Und immer wollte Marilyn einen Wandel. Ihr ganzes Leben ist geprägt von diesem Willen zur Veränderung. Bis in die letzten Tage vor ihrem Tod hat sie Pläne gemacht. Aufrichtige.

Noch die letzte Fotosession ist geprägt von dieser unfassbaren Energie und Lebensfreude, die sie hatte. Leider gab es auch die Kehrseite davon: den früh gefassten Wunsch zu Sterben, die eigenen Dämonen endlich los zu sein. Und doch überwog lange Zeit die helle, lichte Seite ihrer Persönlichkeit: Die hart arbeitende, wild entschlossene junge Frau. Marilyn wollte immer als ernsthafte Schauspielerin anerkannt werden. Sie wollte andere Rollen spielen, als diejenigen, die ihr vom Studio aufgezwungen wurden. Sie wollte einen anderen Part im Leben spielen, als den von ihr bravourös gespielten der Geliebten von Mächtigen und Reichen. Sie wollte eine emanzipierte, moderne, intelligente, politisch und literarisch gebildete Frau sein. Das war Marilyns Vision von sich selbst. Das Problem: sie selbst und die Menschen in ihrer Umgebung. Sie selbst, weil sie mit den falschen Mitteln versuchte das Richtige zu erreichen. Marilyns Trumpf war ihr Sexappeal. Eine Mischung aus erotischer Verheißung und Hilfsbedürftigkeit. Das funktionierte eigentlich immer. Damit wurde sie die Geliebte so unterschiedlicher Männer wie John F. Kennedy, Joe DiMaggio und Arthur Miller. Marilyn konnte sich nicht anders verkaufen als über Sex. Das war ihr Vokabular. Das hat sie auf der Straße, im Modell- und später Schauspielbusiness so gelernt. Das war ihre Währung. Dabei hasste sie Sex eigentlich. Es ist überliefert, dass sie nie einen Orgasmus hatte. Dass sie Sex jedenfalls ganz bewusst eingesetzt hat, um ihre Ziele von Erfolg, Ruhm und Liebe zu erreichen, ist unbestritten.

Das zweite Problem: Die Menschen, an die sie sich um Hilfe wandte. Man kann nicht sagen, dass Marilyn nicht alles versucht hätte ihre inneren Dämonen, ihre von der Mutter ererbte psychische Instabilität, ihre manische Depressivität, zu überwinden. Und es gab viele Helfer auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden. Denn darum ging es letztendlich. Wie konnte Marilyn endlich auf eigenen Beinen stehen? Mit sich selbst umgehen, arbeitsfähig sein, stark, ohne stetig auf die Hilfe anderer, auf Alkohol und Tabletten, angewiesen zu sein. Da wären zuerst der Präsident und sein Bruder zu nennen. Große, intelligente Männer. Beides hochloyale und von politischen Visionen beseelte Politiker, die leider in Liebesabenteuern weit weniger loyal waren. Von Jack Kennedy sind unzählige Affären überliefert. Er wechselte seine Gespielinnen wie Socken. Als Marilyn auf der Geburtstagsgala des Präsidenten sich vor aller Welt als dessen Hure outete, denn nichts Anderes zeigt ihr verruchtes „Happy Birthday Mister Präsident“, war Schluss. Sie musste zum Schweigen gebracht werden. Wen gab es noch in Marilyns Entourage? Den besten Freund Peter Lawford zum Beispiel: drittklassiger Schauspieler, Alkoholiker und Kuppler. Er bringt sie mit ihren zukünftigen Freiern zusammen. Er ist es, der ihr Jack Kennedy, Bobby, Sinatra und den Mafiosis in seinem Umfeld vorstellt. Sein Strandhaus ist das Liebesnest zwischen Marilyn und ihren wechselnden Geliebten. Dann gibt es noch Marilyns Psychiater Dr. Greenson. Er will Marilyn zunächst einmal helfen. Die psychisch instabile Schauspielerin hat panische Angst vor den Kameras. Ihr Selbstbewusstsein existiert eigentlich nicht. Sie fühlt sich dumm, ungebildet, untalentiert. Er baut sie auf. Behandelt sie mit Tiefenpsychologie und Tabletten. Drei Sitzungen täglich sind es am Ende. Marilyns sitzt quasi nur noch auf Dr. Greensons Couch. Oder sie nimmt Schauspielunterricht bei Lee Strasberg. Sein Ansatz: Ebenfalls ein psychologischer. Marilyn wird ihre Kindheitsdämonen auch damit nicht los. Die begabte Schauspielerin verstrickt sich in ein Schauspielsystem, das ihr zusehends Angst macht, dessen Niveau sie nicht erreichen kann und das dazu führt, dass sie am Ende glaubt, überhaupt nicht mehr vor eine Kamera treten zu können.

Marilyn endet in einem System der Abhängigkeiten, aus dem weder sie, noch die Menschen in ihrem Umfeld sie befreien können. Eigentlich ist jeder erlöst, als sie am 5. August tot aufgefunden wird. Jeder außer dem Zuschauer, dem Marilyn Monroe als Legende, nicht aber als emanzipierte Frau, als vollwertige Schauspielerin oder echte Künstlerin im Gedächtnis bleiben wird. Und doch wollte sie nichts mehr als dieses. Die Geschichte von Marilyn ist die Geschichte einer missglückten Emanzipation. Sie steht in einer Linie mit Emilia Galotti oder Ophelia.
          

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