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1914

Hotel Europa

von Florian Wetter

Der Besuch des österreich-ungarischen Thronfolges Franz Ferdinand in Sarajevo stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Ausgerechnet den „Veitstag“ hatte man sich für die Fahrt durch die Stadt ausgesucht. An diesem Tag im Jahr 1389 wurde die serbische Armee auf dem Amselfeld von den Türken vernichtend geschlagen. Der 28. Juni 1914 ist also der 525. Jahrestag einer Demütigung. Gedemütigt fühlt sich ein Volk ohne Heimat, das verstreut auf dem Balkan lebt und sich der Regierung durch fremde Mächte beugen muss. Vor allem Österreich-Ungarn, das aus der Not eines Vielvölkerproblems die Tugend eines Vielvölkerstaats gemacht hat, und schon längst nicht mehr deren Bestandteile jonglieren kann. Überall bröckelt es. Das Reich wird zerfallen, fragt sich nur, wer die Kontrolle über die abfallenden Einzelteile bekommt.

Der Thronfolger Franz Ferdinand hat bereits Pläne, wie er den Serben zumindest etwas mehr Souveränität zugesteht. Sanktionen hatten nichts gebracht. Als die Österreicher den Serben den Hahn zudrehten, fand sich mit Frankreich sofort ein williger Kreditgeber. Die Russen wiederum begrüßen jegliche Emanzipation ihrer slawischen Brüder, die gerade als Fremde unter Fremden unter ihrem besonderen Schutz standen. Aber noch lebt der alte Kaiser Franz Joseph, längst ein Faktotum, Repräsentant einer goldenen Blütezeit der Walzerseligkeit und Zuckerbäckerei. Für die aktuelle Politik hat er nicht mehr viel übrig. Franz Ferdinand hingegen möchte ein Reformator sein, der das Kaiserreich in die Gegenwart führt, allerdings mag ihn kaum jemand – mal abgesehen vom deutschen Kaiser Wilhelm II., der ein guter Freund von ihm ist.

Das Attentat in Serbien ist zunächst eine lokalpolitische Tragödie. Serbische Separatisten der Untergrundorganisation „Schwarze Hand“, geführt von Dragutin Dimitrejević (genannt „Apis“ der Stier, nach einer altägyptischen Todesgottheit), haben den Anschlag Wochen im Voraus geplant. Unbemerkt sind Bomben und Pistolen über die bosnische Grenze geschmuggelt worden, und sieben junge Männer stehen bereit, wenn der offene Wagen mit dem Thronfolgerpaar die Hauptstraße in Sarajevo hinunterfährt.

Das ist der Auftakt: Ein absurdes Attentat, das in fast jeder Hinsicht auf absurdeste Weise misslingt. Und doch hat der Kosmos beschlossen, dass Franz Ferdinand und Sophie erschossen werden sollen, damit sich das Schicksalsrad der Welt in Gang setzen kann und alles umwälzt, was bis dahin bestehende Ordnung oder zumindest gerade noch so bestehende Ordnung ausmacht.

Doch ist Schicksal das richtige Wort? Hat Gavrilo Princip in Sarajevo wirklich den Startschuss zum Weltkrieg gesetzt?

Ja und nein. Ja, symbolisch irgendwie schon, denn Symbole sind Merksteine im Lauf der Zeit. Und nein: Dieser Krieg war in keiner Weise unvermeidlich und schicksalhaft vorherbestimmt. Er ist vielmehr das Ergebnis eines Wechselbads aus Zauderei und Aktionismus an allen wichtigen Entscheidungsorten. Wien verschläft die beherzte Revanche gegen Serbien, die alle außenstehenden Mächte toleriert hätten, weil sie aus Affekt und Ehrgefühl entsprungen wäre. Doch das Abwarten, Nichtstun, Aussitzen der Diplomaten einerseits, und der unbändige Kriegswunsch und Vergeltungsdrang einflussreicher Militärs andererseits, sind schwer miteinander vereinbar. Es ist, als würden alle in einem Wagen mit angezogener Handbremse Vollgas geben und sich dann erschrecken, wenn der Wagen beim Lösen der Bremse einen gewaltigen Satz nach vorne macht.

Wilhelm II., Kaiser des Deutschen Reichs von Gottesgnaden, ist ein großer Freund vom Vollgasgeben. Zumindest nach außen hin posaunt er gerne große Parolen von Stärke, liebt Protzprunk, Regatten, Aufmärsche – jegliche Arten der Potenzgeste, die sein angefressenes Ego aufplustern. Komplikationen bei der Geburt schädigten sein linkes Armnervgeflecht, ein ausgeprägter muskulärer Schiefhals zeichnet ihn so vom ersten Atemzug an. Er wird diese Behinderung immer zu verbergen suchen und kompensiert es mit dem Gebaren von Stärke. Er möchte gerne der sein, der sagt wo’s langgeht. Daher umgibt er sich mit mediokren Ratgebern, die im entscheidenden Moment immer nach seiner Pfeife tanzen. Die „absolute Bündnistreue“ zu Österreich, die er beim Lunch so nebenbei ausquatscht, und die als „Blankoscheck“ später in die Geschichte eingeht, ist einer der kriegsentscheidenden Faktoren. Bündnisse sind schnell geschlossen, aus mehr oder weniger Kalkül. Wenn sie greifen, sind sie wie eine tödliche Henkerschlinge. Wilhelm II. ist nicht der einzige, der paktiert. Nur paktiert er einseitig. Russland, das sich auf die Seite der Serben gestellt hat, ist mit Frankreich verbündet und zumindest offiziell mit den Engländern (wobei diese eher aus Furcht vorm russischen Einfluss in den kolonialen Brennpunkten die Nähe der ihnen eher fremden Nation suchen).

Deutschland liegt mitten in Europa. Reichskanzler Bismarck hatte unter Wilhelm I. stets die Gefahr eines Zweifrontenkriegs vorausgesehen und geschickte Bündnispolitik betrieben, um einen solchen zu verhindern. Lediglich Frankreich sollte isoliert bleiben, mit Erfolg. Doch Wilhelm II., hat all dies rückgängig gemacht und sich komplett auf das Bündnis mit Österreich-Ungarn konzentriert. Er hat keine Ahnung von Diplomatie und Bündnispolitik. Sein Vetter Nikolaus II. auch nicht.

Nikolaus ist ein Privatmann. Ein liebevoller Familienvater, der stets in Sorge um seinen bluterkranken Sohn Alexej ist. An Politik ist er nicht interessiert. Revolution wälzt die alten Strukturen um. Notgedrungen musste er 1905 einem allgemeinen Wahlrecht und damit einer konstitutionellen Monarchie zustimmen. Seine Autorität schwindet zunehmend. Der Rückzug ins Privatleben kommt ihm so nur gelegen.

Russland, Deutschland, Österreich – in diesen drei wichtigen Kaiserreichen spielen sich ähnliche Prozesse ab: Herausschieben von überfälligen Entscheidungen, falsche bzw. ungesicherte Mutmaßungen über die Absichten der anderen, Angst vor militärischer Unterlegenheit im Glauben an die militärische Überlegenheit des anderen, Verpflichtungen durch Bündniszusicherungen und das Wissen, dass die eigene Macht auf töneren Füßen steht.

Für unser Stück war sehr schnell klar: Das wird ein Balanceakt zwischen absurder Komik und Apokalypse. Ein Historienstück à la Hollywood zu machen, war nie unsere Absicht. Unsere Weltbühne hier ist ein perverses Kasperletheater. Hier sind die Kostüme so, wie man sich die Leute heute vorstellt, nicht wie sie wirklich ausgesehen haben. Hier müssen die Leute miteinander telefonieren, damit nicht Tage vergehen, bis das nächste Telegramm eintrudelt. Wir raffen viel Zeit, die ungenutzt verstreicht – vom 28. Juni bis zur Kriegserklärung an Russland am 1. August gibt es genügend Leerlauf und Nichtstun, dann wieder Tage an denen sich die Ereignisse überschlagen. Wir gehen von Bild zu Bild. Jede Momentaufnahme, jede Episode, ist der Versuch, einen Aspekt des Ganzen aufzuzeigen. Alles zu wissen, alles zu verstehen ist unmöglich. Das Gezeigte muss immer unvollständig bleiben.

Zu verstehen, was damals gelaufen ist, heißt, zu verstehen wie so etwas laufen kann. Der Blick zurück in die Vergangenheit ist kein Blick der Prophezeiung in die Kristallkugel. Kein „So war es einst, so wird es wieder sein!“. Es ist ein Blick in den Spiegel, auf der Suche nach Erkenntnis. Aus der Geschichte lernen ist eine spröde Formulierung – im Alten nach dem Zukünftigen zu wühlen, hat keinen Mehrwert. Aber Vergangenes zu betrachten, zu analysieren, zu erforschen – den Kopf zu schütteln, zu lachen, es nicht glauben wollen, dass es wirklich so gewesen ist, geschockt sein, und die Erkenntnis zu bekommen, so etwas nicht mehr zuzulassen, ist unser Appell als Künstler an Sie.


Wichtige Quellen: Sean McMeekin: Juli 1914 – Der Countdown in den Krieg, Europa Verlag 2014., Christopher Clark: Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, Deutsche Verlags-Anstalt 2014., Imanuel Geiss (Hrsg.): Die europäische Krise und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, DTV 1965., Karl Kautsky: Wie der Weltkrieg entstand, Paul Cassirer 1919.

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