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Nora oder Ein Puppenheim

Liebe ist kälter als der Tod

Ja, bei Ibsen geht es selbstsüchtig zu. Und das in nahezu all seinen Stücken. Schon der frühe Titelheld Peer Gynt handelt rein egomanisch. Er ist für Ibsen das männliche Prinzip schlechthin. Doch auch die Frauen zeigt der Autor als skrupellose Wesen: Hedda Gabler ist der Inbegriff solch einer Femme fatale. Eine Figur, die buchstäblich über Leichen geht, um ihren Willen durchzusetzen. Nora ist da anders. Sie ist keine Antiheldin. Am Ende gelingt ihr tatsächlich die Emanzipation aus einem umgreifenden Unterdrückungssystem, der Ehe mit ihrem Ehemann Helmer. Aber dennoch: Bis zu dieser Erkenntnis, dass Beziehung nur sein kann, wo Liebe herrscht und nicht Macht, handelt auch Nora ichbezogen und oberflächlich. Ibsen zeigt aber auch, dass Unterdrückung zwei Seiten hat. Der Unterdrücker und derjenige, der sich unterdrücken lässt. Der das Spiel aus Macht und Ohnmacht mitspielt. Nora lässt es zu, dass ihr Ehemann sie wie ein unmündiges Kind behandelt. Warum? Sie hat für sich eine Nische gefunden, in welcher sie sich stark und nützlich fühlt: Das Wissen, dass sie selbst das Geld besorgt hat, um Helmer einen Kuraufenthalt in Italien zu ermöglichen, der diesem das Leben gerettet hat. Dieses Geheimnis ist Noras „ganzer Stolz“. Sie erträgt die Unterdrückung, weil sie weiß, dass sie insgeheim die Stärkere ist. Sie spielt die Schwache nur. Und sie spielt diese Rolle mit Freude, weiß sie doch, dass Helmer sich dadurch stärker, männlicher, kontrollierender fühlt, und dieses Gefühl für sein „männliches Selbstverständnis“ dringend benötigt. Denn dahinter lauert der Abgrund, der Burnout. Ibsen ist ein Meister in der Schilderung von sado-masochistischen Beziehungen. Und dies nicht nur in seiner Darstellung der bürgerlichen Ehe, die bei ihm definitiv mehr Qual als Lust ist, im besten Fall Arrangement, im schlimmsten Fall die Hölle auf Erden. Auch mit den Freundschaften seiner Protagonisten ist es nicht besser bestellt. Doktor Rank, der lungenkranke Hausfreund, wird von Nora, die um sein Liebeswerben weiß, an der kurzen Leine der Demütigung gehalten und von seinem besten Freund Helmer lediglich als „dunkler Hintergrund für unser sonnenhelles Glück“ wahrgenommen. Frau Linde, der Jugendfreundin Noras, ergeht es ähnlich. Sie ist ebenfalls Publikum für Noras Erfolgsgeschichte einer „glücklichen Ehe“. Ihrerseits ist aber auch Frau Linde nicht ganz uneigennützig angereist: Sie ist pleite und hofft darauf, dass Nora ein gutes Wort für sie bei ihrem Ehemann einlegt. Es geht also nicht um das Wiedersehen mit der vermissten Freundin, sondern ganz profan um einen Job, den Nora ihr beschaffen soll. Krogstad, der Rechtsanwalt, von dem Nora das besagte Darlehen für die Kur ihres Ehemannes beschafft hat, ist in Ibsens Machtspirale ganz unten. Ihm droht die Entlassung durch Helmer. Er ist ein „Schiffbrüchiger auf einem erbarmungslosen Meer“ und droht zum zweiten Mal in seinem Leben komplett gesellschaftlich abzurutschen. Um dies zu verhindern, ist er bereit, alle um sich herum mit in die Tiefe zu reißen. Überhaupt ist die Verbindung, die Ibsen zwischen privaten und gesellschaftlichen Abhängigkeiten zieht erstaunlich. Nicht nur schildert der Autor das bürgerliche Leben als einen Strudel aus Sadismus, Ausbeutung und Bedürftigkeit. Nein er zeigt, dass der Mikrokosmos Ehe Spiegel der Gesellschaft an sich ist. Der Kapitalismus ist ein System, das die schlechtesten Eigenschaften im Menschen verstärkt, könnte Ibsens Botschaft lauten. Entweder endet man in einem Gefüge aus Leistungsdenken und Burnout (Helmer) oder kompensiert mangelnde Zuneigung mit Konsum und Narzissmus (Nora). Ibsen weiß darauf nur eine Antwort: „Das Wunderbare“ muss geschehen. „Was ist das Wunderbare?“, fragt Helmer am Ende des Stückes. Die echte Begegnung, frei von Rollenbildern, Abhängigkeiten und Egoismus, könnte die Antwort lauten. Sein statt Haben, würde der Psychologe Erich Fromm sagen. Liebe wäre ein anderes Wort hierfür. (Manuel Kreitmeier)

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