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Analytiker der Seele

Hintergründe zu unserer Arbeit an LIEBELEI

Schnitzler ist ein Meister der Nebensätze, der subtilen Details, der Abgründigkeit des Smalltalks. Bei ihm geschieht alles zwischen den Zeilen. Die Vernichtung eines Menschen oder, wenn man so will, der Verlust seiner Illusionen – was für den Autor im Grunde auf dasselbe hinaus läuft – geht beinahe unmerklich vonstatten unter der brillanten Dialogführung einer gezuckerten Oberflächlichkeit. Durch Lügen beginnt sie. Lügen, die in Liebelei Schonung vor allzu viel Wahrheit sein wollen. Durch Konventionen, die Rebellionen verhindern. Durch kleine Stiche ins Herz der Seele, die letzten Endes ausblutet im Duell mit der ungeschönten Wirklichkeit.

Schnitzlers Werk ist hochmodern, insofern er uns die klaffende Abgründigkeit unter der glitzernden Patina der modernen Spaßgesellschaft zeigt. Fritz, Theodor und Mitzi leben nur im Jetzt, in der kurzen Befriedigung ihrer Konsumbedürfnisse. Sie haben längst alle Illusionen über die Liebe und jede Idee eines sinnvolleren Lebens verloren. Wie Vampire, die der Blutdurst nicht schlafen lässt, sind sie auf der ständigen Jagd nach Glück, das kaum eine Nacht währen wird. „Wer wird denn im Frühling an den August denken?“, konstatiert Mitzi denn auch offenherzig. Doch Vampire infizieren ihre Opfer, sie reißen sie mit in den Abgrund, töten ihre Seele, setzen auch sie der Leere eines untoten Lebens aus. Gestrandet auf der Wartebank der Vergänglichkeit enden sie: Christines Vater und Frau Binder (Spiegelbild der Mitzi in reiferen Jahren) haben nichts mehr zu erwarten. Das große Glück ist nur mehr ein ferner Traum, ausverkauft im Trubel der Vergnügungen. Und mit der Desillusionierung bleiben bestenfalls noch „Hilfskonstruktionen“ (Fontane), ein zwar ungeliebter aber gutsituierter Mann, oder die Liebe zu einer Tochter deren Umklammerung auch sie ersticken muss.

Vampire haben Angst vor dem Licht. Sie verbrennen darin. Sie können nur in der Dunkelheit, im Zwielicht existieren. Bei Helligkeit oder im Spiegel offenbart sich ihre Fratze, sieht man ihre blutigen Reißzähne mit denen sie ihre Opfer erlegen. Beide Ebenen waren für die Inszenierung von entscheidender Bedeutung: Die glitzernde Oberfläche einer schönen, nostalgischen Welt und ihr Gegenteil die Leere. Auch Dracula lebt in einem zwar spinnwebverhangenem, doch herrschaftlichem Schloss, trägt Frack und pomadisierte Haare und entbehrt nicht einer gewissen erotischen Ausstrahlung, dahinter aber verbirgt sich nur Elend, Verwesung und Einsamkeit. Unsere Inszenierung verlegt Schnitzlers elegante Fin de Siècle Welt in die 50er/60er Jahre, ersetzt Wiener Walzer mit Jazzmusik. In beidem liegt unter dem vorwärtstreibenden Rhythmus Traurigkeit und Tristesse. Bewegung und Statik sind zwei weitere entscheidende Momente der Inszenierung. Die „Mad Men“ – Zeit der späten 50er Jahre ist wie Schnitzlers Jahrhundertwende eine Zeit beginnender Umbrüche der kaum mehr haltbaren Konventionen. Hierin liegt vielleicht die einzige Hoffnung des Stücks. Dass sich bald alles ändern muss. Dass individuelle und gesellschaftliche Krise letzten Endes zusammengehören, dass beides erkannt und bekämpft werden kann.

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