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Die Bücher der Immoralisten

Ihnen gefallen unsere Stücke?

BÜCHER zum Lesen und Verschenken!

Die eigenen Stücke der Immoralisten gibt es für jeweils 12 Euro ausschließlich hier im Shop und im Theater zu kaufen. Es handelt sich um hochwertig illustrierte Ausgaben, die den gesamten Stücktext plus ein Nachwort der Autoren enthalten. Die Ausgaben sind reichlich bebildert und werden auf Wunsch signiert.

Bisher erhältlich:

  • Jekyll & Hyde (Kreitmeier)

  • Das Bildnis des Dorian Gray (Kreitmeier nach Oscar Wilde)

  • Axt im Kopf (Kreitmeier)

  • Die Marilyn- Tapes (Kreitmeier)

  • Hannelore (Kreitmeier)

  • Borkmann, der Kämpfer (Kreitmeier)

Schreiben Sie uns eine Email an:

info@immoralisten.de

oder holen Sie sich Ihre Ausgabe im Theater ab.

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Feature Premieren

Fräulein Julie

Fräulein Julie ist wieder verrückt! Total verrückt! Die Tochter des Grafen sucht in der Mittsommernacht das ganz große Abenteuer! Sie steigt hinab in den Keller des Schlosses und beginnt einen heißen Flirt mit dem Diener Jean! Der ist schon seit er ein Junge war verschossen in die funkelnde Adelige; doch er ist unten, sie ist oben! Er will steigen, sie will fallen! In der Mitte treffen sie sich – keiner wird die Richtung ändern; höchstens auf dem Scheitelpunkt in Flammen aufgehen!

Ein Stück der Ausrufezeichen! Ein funkelnder Dialog über die existentiellen Fragen. Ein unerhörter Drang treibt August Strindberg an als er „Fräulein Julie“ 1888 zu schreiben beginnt. Er peitscht die Sätze geradezu aufs Papier! Man spürt, es fährt ein neuer Geist hinein ins Theater! – Nach Stillstand und Kulturpause brauchen wir wieder einen solchen Funken. Die Immoralisten entzünden die Lunte und zeigen ein Feuerwerk der Gedanken und Gefühle open art auf der Terrasse ihres Theaters. Selbstverständlich unter sicheren Coronabedingungen.

„Eine große Leistung!“

Die ganze REZENSION von Bettina Schulte in der Badischen Zeitung lesen Sie HIER –>

Besetzung:

Fräulein Julie: Chris Meiser
Jean: Jochen Kruß
Kristin: Markus Schlüter

Deutsche Fassung des Textes: Florian Wetter
Regie/ Bühne: Manuel Kreitmeier
Co- Regie: Markus Schlüter

Beginn der Vorstellungen um 20.30 Uhr.
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Premieren

Wir planen eine Herbstproduktion, müssen aber wegen Corona noch abwarten, wie diese machbar sein kann.

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Premieren

Wir planen eine Frühlingsproduktion, müssen aber wegen Corona noch abwarten, wie diese machbar sein kann.

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Eine Stadt sucht einen Mörder…

In der schönen kleinen Stadt, in welcher mein Stück spielt, gibt es auch eine Vorstadt. Eine ganz miese Gegend. Hier ist alles morsch und verfallen und die Straßen sind nach berühmten Serienmördern benannt. So wie der Hintereingang von Dr. Jekylls Laboratorium eben auf eine dieser Straßen rausgeht – vorne auf dem Rathausplatz ist alles herrschaftlich und schön – so scheint es, als habe jeder Bürger dieser fiktiven Stadt auch ein Zimmer in der Vorstadt. Hier kann er ungestört die Sau rauslassen, morden und Böses tun. Hier hat Familie Hempel aus dem bekannten Reinhard-Mey-Lied Ihr Hackebeilchen unterm Bett.

Robert Louis Stevensons Novelle aus dem Jahr 1886 hielt der prüden viktorianischen Gesellschaft den Spiegel vor: Dr. Jekyll hat nämlich zwei Seelen in seiner Brust. Er ist ein angesehener Wissenschaftler, sein Ruf ist tadellos, wäre da nicht jene andere, dunkle Seite, die auch zu ihrem Recht kommen will. Mit Frauen hats der Doktor, seltsam jähzornig ist er und er bringt die Nächte in schäbigen Spelunken und Opiumhöhlen zu. Dieser Zweiteilung der Persönlichkeit des Doktors entspricht die formalen Zweiteilung der Novelle selbst. Der erste Teil ist eine Kriminalerzählung mit typischen Horrorelementen, die man gemeinhin als „gothic Horror“ bezeichnen kann. Wir erleben die Aufdeckung des Falles von Jekyll und Hyde durch des Doktors engste Freunde Utterson und Lanyon. Im zweiten Teil nun wechselt die Perspektive in die Ich- Erzählung. Jekylls großer Monolog lässt den Leser tief in die gespaltene Seele seines Protagonisten blicken und offenbart eine hoch narzisstische Persönlichkeit, die Gott spielen möchte und dabei vergisst, was den Menschen ausmacht. „Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust“ sagt bereits Faust, dessen Geschichte eng mit derjenigen von Dr. Jekyll verwandt ist. Was also ist so besonders an Stevensons Novelle? Vor allem, dass er seine Handlung im London der Gegenwart ansiedelt. Vor Stevenson war der Horror entweder in Transsylvanien oder anderswo weit weg, in anderen Kulturen und Zeiten angesiedelt. Stevensons Protagonisten dagegen sind staubige Londoner Junggesellen, Honoratioren der Gesellschaft, und doch sind sie Heuchler und Mörder. Denn nicht nur Dr. Jekyll hat Dreck am Stecken, auch die anderen vertuschen und lügen, was das Zeug hält.

Ich habe für mein Stück nun diese Elemente nebst formalem Aufbau übernommen und durch Zitate aus der Welt der Horrorliteratur und des Horrorfilms ergänzt. Natürlich gibt es Anspielungen an Kafka, den Meister des Surrealen, aber es treten ebenfalls auf: Die Prosituierte aus der „Jekyll und Hyde“ Verfilmung von 1941, der verrückte Wissenschaftler aus „Frankensteins Braut“ samt dazugehörigem Labor, der pfeifende Serienmörder aus Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, sowie dessen erstes Opfer Elsie Beckmann, die von mir durch eine dem Mörder durchaus ebenbürtige Rabenmutter ergänzt wurde. Die Welt, in der mein Stück spielt ist eine Mischung aus beschaulicher Kleinstadt und Gotham City. Die visuelle Ausgestaltung folgt der Graphic Novel. Der eigentliche Horror nämlich läuft in den Köpfen der Zuschauer ab und er liegt weit weniger in den ausgestellten Schauwerten, die prototypisch in jedem zweiten Gruselfilm vorkommen, als vielmehr in Sprache und Verhalten der scheinbar „normalen Bürger“. Diese „Normalen“ sind weitaus suspekter, als jener Mr. Hyde, der zwar böse, aber doch durchschaubar ist. Denn sie sind es, die mit zweierlei Zungen reden und dabei ungeniert mit dem Finger auf ihre Mitmenschen zeigen. So ist das eigentliche Thema meines Stückes die Spaltung unserer Gesellschaft, die Schizophrenie des Normalbürgers, der sauber zwischen Gut – und Wutbürger zu trennen versucht und doch immer wieder auf sein eigenes Janusgesicht im Spiegel blicken muss. Denn wir alle sind Jekyll und Hyde!

(Manuel Kreitmeier)

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Paradies & Hölle

Ein Stück über Lenins Zugfahrt von Zürich nach Petrograd zu schreiben, war unsere Ursprungsidee. Da sitzt ein Mann fernab der Heimat im Exil, mehrfach verbannt und eingesperrt, quasi zickzackförmig durch den Kontinent gereist, mit nur einer Idee im Kopf: die sozialistische Revolution. Das Deutsche Kaiserreich unterstützt die subversiven Umtriebe im Feindesland mit Millionen von Reichsmark, um den Gegner zu destabilisieren und so eine der lästigen Kriegsfronten loszuwerden, gestattet Lenin sowie einer Gruppe ausgewählter Exilrevolutionäre die Durchreise. Mit der Abfahrt des Zuges wird der Abzug gespannt, das Projektil rast über den Kontinent und trifft mitten ins Herz des Feindes. Soweit die Legende und soweit, so gut. Doch ist diese Zugfahrt lediglich ein Mosaiksteinchen in der Geschichte der Russischen Revolution, die eigentlich eine Folge mehrerer Revolutionen bzw. Aufstände ist. Denn die Revolution kam in Schüben. Je weiter wir recherchierten, umso klarer wurde uns, dass die wahrhaft interessante Geschichte unseres Stückes eine andere ist.

Uns geht es in dieser Arbeit nicht wie einem Historiker um die möglichst objektive Schilderung geschichtlicher Ereignisse. Als Künstler lesen wir die Geschichte subjektiv und suchen nach Mechanismen, die uns als Menschen der Gegenwart Erkenntnis über uns selbst geben können. Auf dem Spielfeld der Geschichte agieren die großen Spieler. Sie sind, durch den Strom der Zeit abgeschliffen, zu Ikonen geworden und stehen mehr für bestimmte Sachverhalte oder Prinzipien, als dass wir uns an ihre persönlichen Schicksale erinnern. Der Autor Wolfgang Hildesheimer bemerkte einmal, dass das Theater selbst bei größter Anstrengung nie so absurd sein könne, wie die Wirklichkeit. So zeigen wir unser Sujet im Gewand einer Farce – mit all ihren absurden Kleinigkeiten, auf die wir bei der Recherche gestoßen sind, und die wir als Details zur Charakterisierung unserer Protagonisten und deren Handlungen ins Spiel aufgenommen haben. Und weil wir die Ereignisschübe in Runden übertragen haben, hat jede Runde auch ihren thematischen Schwerpunkt und ihr Personal. Gleich einem russischen Roulette, wird nach jeder Runde das schwächste Glied einfach beseitigt, und ein neuer Spieler gibt den Ereignissen einen neuen Impuls.

Das ist die Ausgangslage im Februar 1917: Russland hat im Krieg schwere Verluste erlitten. Es gibt kaum noch Nahrungsmittel, selbst Mehl für Brot ist kaum noch da. Zar Nikolaus II. ist so unpopulär wie nie, und das will etwas heißen. Er hat die Zarenkrone nie gewollt und flüchtet sich ins Privatleben mit seiner geliebten Familie, gibt sich aber nach außen hin aus Prinzip erneut zaristisch brutal, hart und unnachgiebig. Den Aufstand 1905, in dem tausende von Arbeitern friedlich vor das Winterpalais gezogen waren, um ihm eine Petition zu überreichen, in der sie kürzere Arbeitszeiten, eine Verfassung und freie Wahlen forderten, hat er brutal niederschlagen lassen. Zwar musste er schließlich nachgeben und das Parlament – die Duma – wurde 1906 erstmal einberufen, doch hat das neue, demokratische Staatsorgan kaum Befugnisse und geht am Gängelband des Zaren. Als am Weltfrauentag 1917 die Textilarbeiterinnen der Wyborger Vorstadt Petrograds streiken, wächst der Aufstand spontan zu einer Massendemonstration an. Bis zum Spätnachmittag sind  es etwa 100.000 Menschen, die sich nicht von gesperrten Brücken abhalten lassen, sondern einfach über die zugefrorene Newja marschieren. In den nächsten Tagen weitet sich der Aufstand aus. Es werden Hunderttausende. Die Abgeordneten der Duma versuchen, den Zaren zum Einlenken zu bewegen – es ist vor allem die Hungersnot, die die Menschen verzweifeln lässt. Der Zar befiehlt erneut die gewaltsame Niederschlagung der Unruhen, es gibt mehrere Tote – ein erneuter Blutsonntag, wie schon 1905. Immer mehr Soldaten weigern sich, gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen, und schlagen sich auf die Seite der Rebellen. Gefängnisse werden gestürmt, Geschäfte und Paläste geplündert: ein anarchischer Zustand, den keiner mehr überblicken kann. Die liberale Fraktion der Duma, angeführt von Pawel Miljukow, versucht der Krise auf diplomatischem Weg Herr zu werden. Im Taurischen Palast sind hunderte von linken Aktivisten, Arbeiter und Soldaten eingezogen, die in einem Nebenzimmer einen Soldatenrat – einen „Sowjet“ – abhalten. Am Abend dieses unüberschaubaren Tages, dem 27. Februar 1917, erklären die in der Duma verblieben zaristischen Minister ihren Rücktritt. Damit ist Russland führerlos. Die Befehle des Zaren gelten nichts mehr, und weder die Duma noch der Arbeiter- und Soldatenrat haben offizielle Regierungsbefugnisse. Miljukow beruft wenige Tage später eine provisorische Regierung auf Zeit, die von den Sowjets unter Vorbehalt geduldet wird. Bis zur Wahl will die neue Regierung versuchen, die Staatsgeschäfte zu ordnen und so dem Parlamentarismus den Weg zu ebnen. Am 8. März dankt der Zar ab und wird in Arrest genommen.

Die Wochen nach den Unruhen tragen die aufkeimende Hoffnung auf Besserung in sich. Allem voran steht der Wunsch der Menschen auf ein Ende des Krieges und eine Normalisierung der Verhältnisse, vor allem ein Ende der immer noch andauernden Hungersnot. Doch ein Ende des Krieges hieße, die Bündnisse mit den Alliierten aufzukündigen, schwere Gebietsverluste hinzunehmen und ohne jegliche Hoffnung auf Unterstützung auf sich allein gestellt zu sein. Vielleicht liegt darin der Schlüssel für die handschriftliche Notiz, die Außenminister Miljukow unter die offizielle Friedenserklärung der Regierung kritzelt, frei nach dem Motto: „Alles was sie so eben gelesen haben, hat keinerlei Gültigkeit.“ Miljukows Note wird Publik und nach öffentlichen Protesten muss der Minister zurücktreten. Auf ihn folgt der smarte Anwalt und Sozialrevolutionär Alexander F. Kerenski, der als erster und einziger Vertreter aus dem Lager der Sowjets bereit ist, Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Am 27. März besteigt Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich Lenin nennt, den Zug in Zürich. Er hatte nicht mehr auf eine Revolution zu hoffen gewagt. Doch für ihn ist klar, dass die Unruhen im Februar lediglich der Auftakt zu einer viel größeren Revolution sind. Die These von Marx leuchtet ihm völlig ein: Nach der Zerschlagung des Monarchismus und der Aristokratie als oberster Klasse, wird die Macht erst dann nach unten zu den einfachen Arbeitern, dem Proletariat, durchsickern, wenn auch die Macht der Bürgerlichen – der Bourgeoisie – zerschlagen wird. Natürlich lehnt er jegliche Unterstützung der neuen provisorischen Regierung ab. Für ihn ist die einzig logische Konsequenz ein Bürgerkrieg in Europa. Der bürgerlichen Revolution muss eine sozialistische folgen! Einen Tag nach seiner Ankunft in Petrograd verkündet er in einer Versammlung der Linken seine Thesen: Keine parlamentarische Demokratie, keine Republik nach westlichem Vorbild, dafür den Beginn einer sozialistischen Revolution. Die Genossen halten ihn für übergeschnappt. Wie soll ein Land, das aufgrund seiner rückständigen wirtschaftlichen Entwicklung noch nicht einmal ansatzweise in eine industrielle Phase eingetreten ist, plötzlich in einen spätkapitalistischen Zustand katapultiert werden, aus dessen Ende sich konsequenterweise dann der Kommunismus – die Gleichheit und freie Entfaltung aller Menschen – entwickelt? Dass Lenin mit seinen Aprilthesen durchkommt, mag der Sehnsucht nach klaren, wirkungsmächtigen Parolen geschuldet sein. Doch ist dies eine von mehreren Verrücktheiten, die Lenins Weg durch die Revolution begleiten werden.

Währenddessen ist Außen- und Kriegsminister Kerenski im Zwiespalt. In der Realpolitik angekommen, zögert auch er vor den unkalkulierbaren Folgen eines Friedens. Er wagt einen kühnen Sprung nach vorne. In einer aggressiven Sommeroffensive will er den Feind so weit zurückschlagen, dass Russland wieder Luft zum Atmen bekommt und sich so eine bessere Verhandlungsposition verschafft. Der Beginn der Juni-Offensive verläuft erfolgreich, der Feind wird schwer getroffen. Doch wenige Tage später schlagen die gegnerischen Truppen verheerend zurück. Es werden über 40.000 tote Soldaten gemeldet. Der Plan ist nach hinten losgegangen und Kerenski sieht sich nun in der bizarren Lage, diesmal selbst auf die Aufständischen in der Hauptstadt schießen zu müssen. Der Aufstand wird niedergeschlagen – es gibt niemand, der ihn organisiert und anführt. Selbst Lenin nicht. Mag sein, er ist erneut gesundheitlich angegriffen und erschöpft, mag sein, er hält die Zeit noch nicht reif genug für die Revolution. Wie auch immer, die Welle der Revolution verebbt und es kehrt so etwas wie Resignation und Apathie in der Hauptstadt ein.

Kerenski ist inzwischen Premier der geschwächten provisorischen Regierung geworden und sieht sich zunehmend zerrieben zwischen den Interessen der Rechten, die sich nach Zucht und Ordnung sehnen, dem Großkapital, das seine Fälle davonschwimmen sieht und endlich wieder klare Geschäftsgrundlagen möchte, und den diversen linken Gruppierungen, denen er doch eigentlich entstammt und zu deren Idealen er sich einst bekannt hatte. Druck bekommt er von General Kornilow, der in der Sommeroffensive erfolgreich gegen den Feind zu Felde gezogen ist. Am liebsten würde der General mit seinem Heer in die Stadt marschieren und ein für alle Mal für Ruhe und Ordnung sorgen. Doch Kerenski hält ihn im Zaum. Es kommt Ende August zu einer Machtprobe, deren Hintergründe bis heute uneindeutig bleiben, weil sich hier die Quellen und Schilderungen der Ereignisse diametral entgegenstehen. (Kerenski selbst, korrigierte sich im Laufe seines 89jähirgen Lebens in diesem Punkt mehrfach). Ein Abgeordneter der Duma überbringt Kornilow – eigenmächtig oder in Kerenskis Auftrag? – die Nachricht, Kerenski sei bereit, alle Macht auf ihn zu übertragen und einer Militärdiktatur zustimmen. Kornilow ist höchst erfreut und stellt der Regierung ein Ultimatum. Kerenski wiederum gibt sich entrüstet über die Drohungen des Generals und versetzt die Stadt in Aufruhr. Die rechten Truppen versuchen die Hauptstadt zu stürmen und schüren Angst vor einer unmittelbar bevorstehenden deutschen Invasion. Die Arbeiter und die Zivilbevölkerung der Stadt setzen sich zur Wehr. Kerenski lässt alle Arbeiter bewaffnen auch die Bolschewiki. Kornilows Revolte endet erfolglos, Kerenski Regierungszeit ist offensichtlich eine auf Abruf.

Lenins Bolschewiki, einst eine radikale Splittergruppe der Linken, sind die Gewinner der Stunde. Sie gewinnen immer mehr an Zulauf. Mitte Oktober ist die Partei auf mehr als 200.000 Mitglieder angewachsen. Kerenski ist noch immer damit beschäftigt, die rechten Kräfte zu bändigen. Er gibt den Befehl, die näher rückenden Truppen an die Front zu verlegen. Doch die Soldaten verweigern den Befehl. Sie haben den Krieg satt! Der charismatische und rhetorische brillante Lew D. Trotzki installiert ein „Militärisches Revolutionskomitee“ im Sowjet und legt den „Schutz der revolutionären Ordnung vor konterrevolutionären Angriffen“ in deren Hände. Damit hat Trotzki auf raffinierte Weise die revolutionäre Regierung Kerenskis als „konterrevolutionär“ (also der Revolution entgegengerichtet) umgedeutet und überredet die Soldaten zum Aufstand. Er installiert seine Männer an allen zentralen Schlüsselpositionen und lässt die Regierungsgebäude stürmen. Am 25. Oktober kontrollieren die Bolschewiki die Stadt. Lenin erklärt eine neue Regierung, den Rat der Volkskommissare – einen Ausdruck, den er der so bewunderten Französischen Revolution entlehnt. Kerenski gelingt im letzten Moment die Flucht aus der Hauptstadt.

In den folgenden Jahren werden die Bolschewiki unter Lenins Führung das Land vollkommen umgestalten. Der Phase der sozialistischen Revolution folgt die Diktatur des Proletariats. Ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, in dem die letzten Reste der alten Ordnung beseitig werden, damit ein geklärter, reiner Zustand der Gleichheit einkehren kann. Die Mittel hierzu sind schmerzhaft, aber notwendig. Lenin versucht immer wieder korrigierend einzugreifen und bessert seine Thesen nach. Der Totalitarismus aber ist schon längst an der Tagesordnung. Die Geheimpolizei Tscheka verbreitet Angst und Schrecken, Konterrevolutionäre jeglicher Couleur werden „gesäubert“, Gulags zur Umerziehung falscher Denkmuster installiert. Aus der Gleichheit aller ist die Diktatur durch die einzige und eine Partei geworden, die naturgesetzmäßig die Gleichheit aller vertritt und deren Repräsentanten eine Clique scheinbar besonders Befähigter ist.

Lenin treffen 1922 mehrere Schlaganfälle. Er sitzt nunmehr hilflos im Rollstuhl und diktiert mit letztem Willen über Zeichen seine Instruktionen. Sein Nachfolger bringt sich bereits in Stellung: Genosse Stalin – ein Mann, mit dem niemand gerechnet hat – bringt sukzessive seine Männer in Position und wartet auf die Machtübernahme. Als Lenin 1924 stirbt ist er bereit. Er nennt Trotzki den falschen Termin zu Lenins Beerdigung und verliest am Grab ein gefälschtes Testament, das ihn zu Lenins legitimen Nachfolger macht.
Wichtige Quellen:

  • Meridale, Cathrine: „Lenins Zug – Reise in die Revolution“, S. Fischer, 2017.
  • Deutsches Historische Museum und Schweizerisches Nationalmuseum (Hrsg.): „1917 Revolution – Russland und die Folgen“ , Sandstein Verlag, 2017.
  • Ruge, Wolfgang: „Lenin. Vorgänger Stalins. Eine politische Biografie.“, Matthes & Seitz Berlin, 2010.
  • Lenin, Wladimir Iljitsch: „Vom Februar zum Oktober. Texte über die Russische Revolution.“, Manifest Verlag, 2017.
  • Wunderer, Hartmann (Hrsg.): „Die russische Revolution“, Reclam 2014.
  • Hellman, Manfred: „Die russische Revolution 2017. Von der Abdankung des Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki“, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1964.
  • GEO Epoche: „Die russische Revolution“, Gruner & Jahr, 2017.
  • „Die Kerenski -Memoiren. Russland und der Wendepunkt der Geschichte.“, Paul Zsolnay Verlag, 1966.
  • Trotzki, Leo: „Mein Leben. Versuch einer Autobiografie.“, S. Fischer Verlag, 1930.
  • Trotzki, Leo: „Geschichte der russischen Revolution“, S. Fischer Verlag, 1967.
  • Weber, Hermann: „Lenin. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten.“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1970.
  • Munch, Jorgen Larsen: „The Kornilow Revolt. A Critical Examination of Sources and Research.”, Aarhus University Press, 1987.
  • “Good-bye, Vladimir Iljitisch Uljanow, genannt Lenin.”, ARTE, 2017.
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Hotel Europa

Der Besuch des österreich-ungarischen Thronfolges Franz Ferdinand in Sarajevo stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Ausgerechnet den „Veitstag“ hatte man sich für die Fahrt durch die Stadt ausgesucht. An diesem Tag im Jahr 1389 wurde die serbische Armee auf dem Amselfeld von den Türken vernichtend geschlagen. Der 28. Juni 1914 ist also der 525. Jahrestag einer Demütigung. Gedemütigt fühlt sich ein Volk ohne Heimat, das verstreut auf dem Balkan lebt und sich der Regierung durch fremde Mächte beugen muss. Vor allem Österreich-Ungarn, das aus der Not eines Vielvölkerproblems die Tugend eines Vielvölkerstaats gemacht hat, und schon längst nicht mehr deren Bestandteile jonglieren kann. Überall bröckelt es. Das Reich wird zerfallen, fragt sich nur, wer die Kontrolle über die abfallenden Einzelteile bekommt.

Der Thronfolger Franz Ferdinand hat bereits Pläne, wie er den Serben zumindest etwas mehr Souveränität zugesteht. Sanktionen hatten nichts gebracht. Als die Österreicher den Serben den Hahn zudrehten, fand sich mit Frankreich sofort ein williger Kreditgeber. Die Russen wiederum begrüßen jegliche Emanzipation ihrer slawischen Brüder, die gerade als Fremde unter Fremden unter ihrem besonderen Schutz standen. Aber noch lebt der alte Kaiser Franz Joseph, längst ein Faktotum, Repräsentant einer goldenen Blütezeit der Walzerseligkeit und Zuckerbäckerei. Für die aktuelle Politik hat er nicht mehr viel übrig. Franz Ferdinand hingegen möchte ein Reformator sein, der das Kaiserreich in die Gegenwart führt, allerdings mag ihn kaum jemand – mal abgesehen vom deutschen Kaiser Wilhelm II., der ein guter Freund von ihm ist.

Das Attentat in Serbien ist zunächst eine lokalpolitische Tragödie. Serbische Separatisten der Untergrundorganisation „Schwarze Hand“, geführt von Dragutin Dimitrejević (genannt „Apis“ der Stier, nach einer altägyptischen Todesgottheit), haben den Anschlag Wochen im Voraus geplant. Unbemerkt sind Bomben und Pistolen über die bosnische Grenze geschmuggelt worden, und sieben junge Männer stehen bereit, wenn der offene Wagen mit dem Thronfolgerpaar die Hauptstraße in Sarajevo hinunterfährt.

Das ist der Auftakt: Ein absurdes Attentat, das in fast jeder Hinsicht auf absurdeste Weise misslingt. Und doch hat der Kosmos beschlossen, dass Franz Ferdinand und Sophie erschossen werden sollen, damit sich das Schicksalsrad der Welt in Gang setzen kann und alles umwälzt, was bis dahin bestehende Ordnung oder zumindest gerade noch so bestehende Ordnung ausmacht.

Doch ist Schicksal das richtige Wort? Hat Gavrilo Princip in Sarajevo wirklich den Startschuss zum Weltkrieg gesetzt?

Ja und nein. Ja, symbolisch irgendwie schon, denn Symbole sind Merksteine im Lauf der Zeit. Und nein: Dieser Krieg war in keiner Weise unvermeidlich und schicksalhaft vorherbestimmt. Er ist vielmehr das Ergebnis eines Wechselbads aus Zauderei und Aktionismus an allen wichtigen Entscheidungsorten. Wien verschläft die beherzte Revanche gegen Serbien, die alle außenstehenden Mächte toleriert hätten, weil sie aus Affekt und Ehrgefühl entsprungen wäre. Doch das Abwarten, Nichtstun, Aussitzen der Diplomaten einerseits, und der unbändige Kriegswunsch und Vergeltungsdrang einflussreicher Militärs andererseits, sind schwer miteinander vereinbar. Es ist, als würden alle in einem Wagen mit angezogener Handbremse Vollgas geben und sich dann erschrecken, wenn der Wagen beim Lösen der Bremse einen gewaltigen Satz nach vorne macht.

Wilhelm II., Kaiser des Deutschen Reichs von Gottesgnaden, ist ein großer Freund vom Vollgasgeben. Zumindest nach außen hin posaunt er gerne große Parolen von Stärke, liebt Protzprunk, Regatten, Aufmärsche – jegliche Arten der Potenzgeste, die sein angefressenes Ego aufplustern. Komplikationen bei der Geburt schädigten sein linkes Armnervgeflecht, ein ausgeprägter muskulärer Schiefhals zeichnet ihn so vom ersten Atemzug an. Er wird diese Behinderung immer zu verbergen suchen und kompensiert es mit dem Gebaren von Stärke. Er möchte gerne der sein, der sagt wo’s langgeht. Daher umgibt er sich mit mediokren Ratgebern, die im entscheidenden Moment immer nach seiner Pfeife tanzen. Die „absolute Bündnistreue“ zu Österreich, die er beim Lunch so nebenbei ausquatscht, und die als „Blankoscheck“ später in die Geschichte eingeht, ist einer der kriegsentscheidenden Faktoren. Bündnisse sind schnell geschlossen, aus mehr oder weniger Kalkül. Wenn sie greifen, sind sie wie eine tödliche Henkerschlinge. Wilhelm II. ist nicht der einzige, der paktiert. Nur paktiert er einseitig. Russland, das sich auf die Seite der Serben gestellt hat, ist mit Frankreich verbündet und zumindest offiziell mit den Engländern (wobei diese eher aus Furcht vorm russischen Einfluss in den kolonialen Brennpunkten die Nähe der ihnen eher fremden Nation suchen).

Deutschland liegt mitten in Europa. Reichskanzler Bismarck hatte unter Wilhelm I. stets die Gefahr eines Zweifrontenkriegs vorausgesehen und geschickte Bündnispolitik betrieben, um einen solchen zu verhindern. Lediglich Frankreich sollte isoliert bleiben, mit Erfolg. Doch Wilhelm II., hat all dies rückgängig gemacht und sich komplett auf das Bündnis mit Österreich-Ungarn konzentriert. Er hat keine Ahnung von Diplomatie und Bündnispolitik. Sein Vetter Nikolaus II. auch nicht.

Nikolaus ist ein Privatmann. Ein liebevoller Familienvater, der stets in Sorge um seinen bluterkranken Sohn Alexej ist. An Politik ist er nicht interessiert. Revolution wälzt die alten Strukturen um. Notgedrungen musste er 1905 einem allgemeinen Wahlrecht und damit einer konstitutionellen Monarchie zustimmen. Seine Autorität schwindet zunehmend. Der Rückzug ins Privatleben kommt ihm so nur gelegen.

Russland, Deutschland, Österreich – in diesen drei wichtigen Kaiserreichen spielen sich ähnliche Prozesse ab: Herausschieben von überfälligen Entscheidungen, falsche bzw. ungesicherte Mutmaßungen über die Absichten der anderen, Angst vor militärischer Unterlegenheit im Glauben an die militärische Überlegenheit des anderen, Verpflichtungen durch Bündniszusicherungen und das Wissen, dass die eigene Macht auf töneren Füßen steht.

Für unser Stück war sehr schnell klar: Das wird ein Balanceakt zwischen absurder Komik und Apokalypse. Ein Historienstück à la Hollywood zu machen, war nie unsere Absicht. Unsere Weltbühne hier ist ein perverses Kasperletheater. Hier sind die Kostüme so, wie man sich die Leute heute vorstellt, nicht wie sie wirklich ausgesehen haben. Hier müssen die Leute miteinander telefonieren, damit nicht Tage vergehen, bis das nächste Telegramm eintrudelt. Wir raffen viel Zeit, die ungenutzt verstreicht – vom 28. Juni bis zur Kriegserklärung an Russland am 1. August gibt es genügend Leerlauf und Nichtstun, dann wieder Tage an denen sich die Ereignisse überschlagen. Wir gehen von Bild zu Bild. Jede Momentaufnahme, jede Episode, ist der Versuch, einen Aspekt des Ganzen aufzuzeigen. Alles zu wissen, alles zu verstehen ist unmöglich. Das Gezeigte muss immer unvollständig bleiben.

Zu verstehen, was damals gelaufen ist, heißt, zu verstehen wie so etwas laufen kann. Der Blick zurück in die Vergangenheit ist kein Blick der Prophezeiung in die Kristallkugel. Kein „So war es einst, so wird es wieder sein!“. Es ist ein Blick in den Spiegel, auf der Suche nach Erkenntnis. Aus der Geschichte lernen ist eine spröde Formulierung – im Alten nach dem Zukünftigen zu wühlen, hat keinen Mehrwert. Aber Vergangenes zu betrachten, zu analysieren, zu erforschen – den Kopf zu schütteln, zu lachen, es nicht glauben wollen, dass es wirklich so gewesen ist, geschockt sein, und die Erkenntnis zu bekommen, so etwas nicht mehr zuzulassen, ist unser Appell als Künstler an Sie.


Wichtige Quellen: Sean McMeekin: Juli 1914 – Der Countdown in den Krieg, Europa Verlag 2014., Christopher Clark: Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, Deutsche Verlags-Anstalt 2014., Imanuel Geiss (Hrsg.): Die europäische Krise und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, DTV 1965., Karl Kautsky: Wie der Weltkrieg entstand, Paul Cassirer 1919.

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Der Zündfunke

Um Sicherheit und die Erschütterung dieser Sicherheit geht es in vielen Texten Franz Kafkas. Zumeist befindet sich der Protagonist in einem System, das er nicht versteht, und aus dem es letztlich kein Entrinnen gibt. Das System – eine Stadt, ein Gericht, eine Familie – verschlingt den sich nur halbherzig wehrenden Protagonisten mit Haut und Haaren. Und nicht einmal die Gründe für seine eigene Vernichtung dürfen ihm als Erleuchtung kommen. Ist es, weil er ein Außenseiter ist? Ein Fremder im Dorf? Ergeben die Begründungen für seine Verdächtigung und Vernichtung deswegen für ihn keinen Sinn, weil er die Ideologie hinter dem System nicht versteht? Das wäre zu einfach. Es ist vielmehr das Wegschauen aller, die den vermeintlich Anderen zum Anderen und damit zum Opfer machen. Es sind die Feindbilder, begründet aus Angst und Paranoia in den Köpfen der Menschen, die irgendwann wie ein Golem leibhaftig vor dem Schöpfer stehen. Der Krieg, der Holocaust sind Maschinerien, die von solchen Golems betrieben werden. Sicher: der Einzelne wird hierin zum Beteiligten. Das Ganze jedoch, ist ein System, das auch er nicht versteht. Die Wetterzeichen stehen auf Sturm. Man sieht das Schreckliche herannahen. Die Maschine nimmt Gestalt an. Der Zündfunke glimmt. Hier gilt es einzugreifen. An diesem Moment. Wenn sie erst einmal zum Laufen gebracht wurde, ist sie kaum mehr zu stoppen. Dann teilt sich die Welt wieder in eine von Tätern und Opfern. Eine solche Maschinerie – Kafka selbst beschreibt sie in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“ – ist das Grauen der Moderne, die Kafka wie kein anderer zu beschreiben imstande war.

 

Und Heute? Leben wir – wie Kafka – nicht auch in einer Zeit, in der die Wetterfahnen bedenklich zu flattern beginnen? Der Sturm ist noch nicht da. Noch steht der Steuermann der Demokratie auf seinem Posten und steuert das schwankende Schiff sicher in den nächsten Hafen. Doch meutern bereits Teile der Besatzung. Regeln werden umgeschrieben. Was heute noch an Werten gilt, ist morgen kryptische Schrift. Der Lotse verlässt das Schiff. Der neue Steuermann – ein Populist oder ein selbsternannter Diktator ist an Bord. Und wer ist bereit sich ihm entgegenzustellen?

 

Kafkas Texte – zumal die ganz späten, kurzen, unbekannteren Stücke aus dem Nachlass – erzählen diese Geschichte der Erschütterung vor dem Sturm auf grandiose Weise. Den Moment; wenn die Maschine anspringt wird hier in Bildern und Metaphern heraufbeschworen und erlebbar gemacht. Beispielsweise die einsetzende Paranoia des Tiers in der Erzählung „Der Bau“, das sich eine scheinbar uneinnehmbare Festung mit allen erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen erschaffen hat und dennoch das Nahen des Schrecklichen empfindet, das vielleicht nur in ihm selbst lodert.  Paranoia entsteht, wo Sicherheit übertrieben, Abschottung der Freiheit vorgezogen, Feindbilder etabliert werden. Auch in der Erzählung „Der Nachbar“ ist plötzlich ein unbekannter Fremder aus dem Nachbarbüro der erklärte Feind des Protagonisten. Er kennt den Nachbarn nicht. Er weiß nichts von ihm, aber er unterstellt ihm das Schlimmste. So entsteht Hass. So entsteht jegliche Form von vorgeschobener Gefahr, die plötzlich einer ganzen Rasse oder eine ganze Religion oder sexuelle Orientierung unterstellt wird.
Diese Texte, die Hilflosigkeit und Ohnmacht beschreiben – Erzählungen wie „Der Geier“ oder „Der Steuermann“ werden in unserem Projekt Texten gegenübergestellt, die aus scheinbaren Opfern Täter werden lassen. Dort, wo bei Kafka aktives Handeln entsteht, folgt zumeist ein Mord, beziehungsweise das Grauen zieht ein in die Stadt. Am Ende der Erzählung „Ein Brudermord“ erschlägt der Protagonist Schmah (Kain) seinen Zechbruder Wese (Abel). Gründe hierfür nennt Kafka keine. Der Mord muss stattfinden, weil zwei Menschen sich begegnet sind. Weil sich etwas in ihrem Kopf gebildet hat – ein Krebsgeschwür aus Verleumdung, Vorurteil und Hass. Wir sind es, die den Schlüssel drehen. Der Zündfunke glimmt. Die Maschine springt an.

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Das Drama des begabten Kindes

Raskolnikoff – unser Held – ist ein Mörder. Wenn wir ihm zum ersten Mal begegnen, hat er die Tat noch nicht begangen. Doch wir wissen sofort: Es brodelt schon lange in ihm, und die Tat – die große Tat – ist längst mehr als nur ein flüchtiger Blitz auf der Leinwand seiner Gedanken.  Sein Geisteszustand ist überreizt, fast hypochondrisch. Die Miete für sein kümmerliches Zimmer kann er nicht mehr zahlen, versucht der Wirtin aus dem Weg zu gehen, denn er schuldet ihr das Geld für die letzten Monatsmieten. Überhaupt kann er sich nichts mehr kaufen. Er besitzt nur noch wenig, und von dem Wenigen hat er fast schon alles verpfändet und kaum etwas dafür bekommen. Das geht nicht nur ihm so. Die Welt ist ein fremdes Land. In ihr kämpfen die Insassen ums Überleben, die meisten für sich. Doch Raskolnikoff ist ein Hoffnungsträger. Intelligent, gutaussehend, sensibel und – was am Wichtigsten ist – begabt mit einem Gespür für Richtig und Falsch. Deswegen ist er wohl auch aus der Provinz nach St. Petersburg gekommen, um Juristerei zu studieren. Die Welt zu einer gerechteren zu machen! Und tief in ihm, mit der Muttermilch eingesogen und von Mutter und Schwester herangenährt: das Gefühl um die Befähigung zu etwas Großem. Er kann ein besonderer Mensch sein. Oder vielmehr: Er kann überhaupt Mensch sein! Ein Wesen, das diese Bezeichnung verdient. Nicht nur eine kleine, miese Dreckslaus, die auf dem Planeten zwischen Müll und Auswurf herumkriecht. Es gibt für Raskolnikoff nur das – Mensch oder Laus. Gigantisch oder jämmerlich.

Das ist also unser Held. Ein gedemütigter Narzist, der zurückschlägt; der stellvertretend Rache nimmt an einer Gesellschaft, die auf den Schwachen herumtrampelt und die Reichen immer reicher werden lässt. Ja, könnten wir sagen, diese alte Wucherin hat es nicht anders verdient, als zu sterben. Sie ist eine Eiterblase, die aufgestochen werden muss, damit die Welt heilen kann. Doch ihre hilflose, behinderte Schwester quasi als Kollateralschaden ins Jenseits zu befördern, das geht zu weit. Und schon sitzen wir in der moralischen Falle, die uns Dostojekwski gleich zu Anfang gestellt hat. Auch wir ertappen uns bei der Überlegung, was wertes und was unwertes Leben sei und sind auf Raskolnikoffs Denkspur eingebogen.

Jetzt kommt die Ablehnung. Der eine Mord wäre noch nachvollziehbar gewesen. Der andere – an einer Unschuldigen! – nein, das geht zu weit. Wir müssen Raskolnikoff nun ablehnen! Das ist ein armer Irrer, ein verrückter, verhaltensgestörter Psychopath und skrupelloser Mörder, über den nun wir unsererseits mit verschränkten Armen und von höherer Warte aus richten dürfen. Das ist Dostojewskis zweite Falle.

Um sie herum baut er uns eine Welt der Spiegel. Wir erkennen in all den Figuren Züge unserer eigenen Persönlichkeit und beobachten Raskolnikoff dabei, wie auch er sich in all den anderen widerspiegelt – in Möglichkeiten, wie sein Leben seinen Lauf nehmen könnte, denn er steht noch ganz am Anfang. Jeder hier hat seinen Preis gezahlt und seine Entscheidung getroffen – dem Leben die Weichen gestellt. Zum Besseren oder zum Schlechteren? Das spielt keine Rolle. Die entscheidende Frage ist eine transzendente. Die junge Sonja, die schicksalshaft Raskolnikoffs Weg kreuzt, steht für den Ausweg ins Licht. In eine Welt des Du, die sich grundlegend vom Spiegelkabinett der Selbstbezogenheit unterscheidet. Sonja gibt Raskolnikoff nicht verloren, denn sie erkennt das Gute unter all dem Schrecklichen. Sie versteht instinktiv sein Leiden, der überbordenden Erwartung der anderen und sich selbst nicht gerecht zu werden. Die Demütigung, trotz höherer Bestimmung ganz unten zu sein. Die Hybris der höheren Bestimmung ist Raskolnikoffs Falle und lässt ihn zum Mörder werden. Und dennoch gibt Dostojewksi seine Figur nie auf. Anders als andere seiner Romanhelden darf Raskolnikoff überleben und bekommt eine zweite Chance. Er akzeptiert seine Strafe, akzeptiert das Unten, und wird frei. Vielleicht kann er tatsächlich eine Sonne werden, die das Leben anderer erhellt. Zumindest findet er endlich zu sich selbst.

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Die Stadt der Engel und Tiger

marilyn_mordDie Geschichte von Marilyn Monroe ist die Geschichte einer missglückten Emanzipation. Mir fällt kaum ein Mensch ein, der sich so um Selbstfindung bemüht hat, wie sie. Kaum ein Mensch, der so entschlossen war, wie ein Schmetterling die enge Larve des festgefügten Kokons zu durchbrechen. Was hat sie nicht alles erreicht in ihrem kurzen Leben? Fast erreicht muss man wohl sagen: von der vernachlässigten Waise zur größten Filmikone ihrer Zeit. Ikone wohlgemerkt, nicht Schauspielerin. Da waren ihr Bette Davis oder Olivia de Havilland weit voraus. Und immer wollte Marilyn einen Wandel. Ihr ganzes Leben ist geprägt von diesem Willen zur Veränderung. Bis in die letzten Tage vor ihrem Tod hat sie Pläne gemacht. Aufrichtige.

Noch die letzte Fotosession ist geprägt von dieser unfassbaren Energie und Lebensfreude, die sie hatte. Leider gab es auch die Kehrseite davon: den früh gefassten Wunsch zu Sterben, die eigenen Dämonen endlich los zu sein. Und doch überwog lange Zeit die helle, lichte Seite ihrer Persönlichkeit: Die hart arbeitende, wild entschlossene junge Frau. Marilyn wollte immer als ernsthafte Schauspielerin anerkannt werden. Sie wollte andere Rollen spielen, als diejenigen, die ihr vom Studio aufgezwungen wurden. Sie wollte einen anderen Part im Leben spielen, als den von ihr bravourös gespielten der Geliebten von Mächtigen und Reichen. Sie wollte eine emanzipierte, moderne, intelligente, politisch und literarisch gebildete Frau sein. Das war Marilyns Vision von sich selbst. Das Problem: sie selbst und die Menschen in ihrer Umgebung. Sie selbst, weil sie mit den falschen Mitteln versuchte das Richtige zu erreichen. Marilyns Trumpf war ihr Sexappeal. Eine Mischung aus erotischer Verheißung und Hilfsbedürftigkeit. Das funktionierte eigentlich immer. Damit wurde sie die Geliebte so unterschiedlicher Männer wie John F. Kennedy, Joe DiMaggio und Arthur Miller. Marilyn konnte sich nicht anders verkaufen als über Sex. Das war ihr Vokabular. Das hat sie auf der Straße, im Modell- und später Schauspielbusiness so gelernt. Das war ihre Währung. Dabei hasste sie Sex eigentlich. Es ist überliefert, dass sie nie einen Orgasmus hatte. Dass sie Sex jedenfalls ganz bewusst eingesetzt hat, um ihre Ziele von Erfolg, Ruhm und Liebe zu erreichen, ist unbestritten.

Das zweite Problem: Die Menschen, an die sie sich um Hilfe wandte. Man kann nicht sagen, dass Marilyn nicht alles versucht hätte ihre inneren Dämonen, ihre von der Mutter ererbte psychische Instabilität, ihre manische Depressivität, zu überwinden. Und es gab viele Helfer auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden. Denn darum ging es letztendlich. Wie konnte Marilyn endlich auf eigenen Beinen stehen? Mit sich selbst umgehen, arbeitsfähig sein, stark, ohne stetig auf die Hilfe anderer, auf Alkohol und Tabletten, angewiesen zu sein. Da wären zuerst der Präsident und sein Bruder zu nennen. Große, intelligente Männer. Beides hochloyale und von politischen Visionen beseelte Politiker, die leider in Liebesabenteuern weit weniger loyal waren. Von Jack Kennedy sind unzählige Affären überliefert. Er wechselte seine Gespielinnen wie Socken. Als Marilyn auf der Geburtstagsgala des Präsidenten sich vor aller Welt als dessen Hure outete, denn nichts Anderes zeigt ihr verruchtes „Happy Birthday Mister Präsident“, war Schluss. Sie musste zum Schweigen gebracht werden. Wen gab es noch in Marilyns Entourage? Den besten Freund Peter Lawford zum Beispiel: drittklassiger Schauspieler, Alkoholiker und Kuppler. Er bringt sie mit ihren zukünftigen Freiern zusammen. Er ist es, der ihr Jack Kennedy, Bobby, Sinatra und den Mafiosis in seinem Umfeld vorstellt. Sein Strandhaus ist das Liebesnest zwischen Marilyn und ihren wechselnden Geliebten. Dann gibt es noch Marilyns Psychiater Dr. Greenson. Er will Marilyn zunächst einmal helfen. Die psychisch instabile Schauspielerin hat panische Angst vor den Kameras. Ihr Selbstbewusstsein existiert eigentlich nicht. Sie fühlt sich dumm, ungebildet, untalentiert. Er baut sie auf. Behandelt sie mit Tiefenpsychologie und Tabletten. Drei Sitzungen täglich sind es am Ende. Marilyns sitzt quasi nur noch auf Dr. Greensons Couch. Oder sie nimmt Schauspielunterricht bei Lee Strasberg. Sein Ansatz: Ebenfalls ein psychologischer. Marilyn wird ihre Kindheitsdämonen auch damit nicht los. Die begabte Schauspielerin verstrickt sich in ein Schauspielsystem, das ihr zusehends Angst macht, dessen Niveau sie nicht erreichen kann und das dazu führt, dass sie am Ende glaubt, überhaupt nicht mehr vor eine Kamera treten zu können.

Marilyn endet in einem System der Abhängigkeiten, aus dem weder sie, noch die Menschen in ihrem Umfeld sie befreien können. Eigentlich ist jeder erlöst, als sie am 5. August tot aufgefunden wird. Jeder außer dem Zuschauer, dem Marilyn Monroe als Legende, nicht aber als emanzipierte Frau, als vollwertige Schauspielerin oder echte Künstlerin im Gedächtnis bleiben wird. Und doch wollte sie nichts mehr als dieses. Die Geschichte von Marilyn ist die Geschichte einer missglückten Emanzipation. Sie steht in einer Linie mit Emilia Galotti oder Ophelia.
          

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Hin und Her

Ferdinand Havlicek wird des Landes verwiesen, weil er bankrott ist. Zurück in sein Geburtsland kann er nicht, weil er die Antragsfrist versäumt hat. Nun tappt er auf einer Brücke im Niemandsland zwischen beiden Grenzen hin und her. Spielt den Boten für die Tochter des einen Grenzers, die sich ins gegenüberliegende Grenzorgan verliebt hat. Und findet sich wieder in einer bizarren Wunderwelt aus Bürokratie, Liebe, Weltpolitik und Rauschgiftschmuggelei, immer auf der Suche nach einer Heimat, die es doch irgendwo hinter einer dieser Grenzen geben muss …

Wie durch eine Zeitmaschine herübergebeamt, zeigt uns Horváths Komödie von 1934 ein Spiegelbild unserer Gegenwart und verhandelt dabei in seiner unnachahmlichen Weise ein drängendes Thema der Zeit im Gewand einer erfrischenden Satire. – Für die Immoralisten ein perfekter Stoff fürs diesjährige Sommerspektakel auf einer Brücke im Nirgendwo!

Die Hälfte der Plätze ist beim OpenAir überdacht. Sollte die Vorstellung aufgrund der Wetterlage unzumutbar sein, behalten wir uns vor nicht zu spielen. Karten können dann nach Wunsch umgetauscht werden.

Besetzung:

Ferdinand Havlicek: Jochen Kruß
Thomas Szamek, ein Grenzorgan: Daniel Leers
Eva, dessen Tochter: Soramonich Sam
Konstantin, auch ein Grenzorgan: Sebastian Ridder
Mrschitzka, ein Gendarm: Antonio Denscheilmann
Frau Hanusch/ X, der Chef der Regierung auf dem rechten Ufer: Anna Tomicsek
Ein Privatpädagoge/ Schmugglitschinski, ein Oberschmuggler: Uli Winterhager
Frau des Privatpädagogen/ Y, der Chef der Regierung auf dem linken Ufer/
Frau Leda: Florian Wetter

Regie: Manuel Kreitmeier
Bühne: Florian Wetter

Premiere am 14. Juli 2016, um 20.30 Uhr!

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Zurück in die Zukunft

Ein selbstherrlicher Diktator lenkt das Geschick einer ganzen Nation mit Willkür, Grandezza und der notwendigen Prise Populismus, eine Gruppe Andersdenkender verschwört sich, will den Wandel, stürzt den Diktator und hinterlässt ein Trümmerfeld aus dem ein noch viel schrecklicherer Machthaber wie Phoenix aus der Asche steigt. Dieses Muster legt den Schluss nahe, Revolutionen seien von vornherein zum Scheitern verurteilt. Schließlich könne aus dem Nährboden totalitärer Strukturen kein echter Wandel hervorgehen, da in ihm Demokratie nicht als Saatgut angelegt ist. Ein fatalistischer Schluss, der jede Rebellion gegen Diktatur unsinnig machen würde.

In der Tat finden sich historisch viele Belege dafür, dass sich Umwälzung oft genauso abspielt, wie eben in groben Zügen geschildert – die Französische Revolution (1789) oder die Russische Revolution (1917) sind prominente Belege hierfür. Doch im Beispiel von Julius Cäsars Fall und Ende gibt es eine entscheidende Variante: Die Römer hatten bereits um 509 v.Chr. mit Tarquinius Superbus den letzten König vertrieben und sich im Laufe der Jahrhunderte eine stabile Republik aufgebaut, in der die Vorherrschaft der Aristokratie allmählich zurückgedrängt wurde. Doch viele hundert Jahre später ist die Republik durch innen- und außenpolitische Unruhen sowie mehrere Kriege empfindlich geschwächt. Julius Cäsar – genialer Politiker, Stratege und Heerführer, schließlich letzter, verbleibender popularer Konsul – beginnt 49 v.Chr. quasi als Befreiungsschlag den Bürgerkrieg, erobert schließlich Rom und ganz Italien. Nach seiner Rückkehr aus Ägypten lässt er sich 46 v. Chr. für zehn Jahre zum Diktator ernennen – ein Amt, das in der Republik eigentlich nur im Ausnahmezustand und auf ein halbes Jahr begrenzt eingenommen werden konnte.

Nach seiner Ermordung an den Iden des März (15. März) 44 v.Chr. durch eine Gruppe verschworener Senatoren, fliehen die Hauptakteure Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Langius aus Rom. Beide begehen nach verlorenen Schlachten gegen Marcus Antonius sowie Cäsars Ziehsohn Octavius zu Philippi Selbstmord. Antonius und Octavius werden zu Rivalen und bekriegen sich ihrerseits. Antonius unterliegt und Octavius wird 31 v.Chr. der erste römische Kaiser Augustus. Damit zeigt sich deutlich, dass selbst aus demokratischen Bestrebungen heraus totalitäre Strukturen entstehen und erstarken können.

Ein Alarmzeichen für uns und Ausgangspunkt unserer Überlegung: So sicher haben wir uns geglaubt, dass wir durch die Erfahrung unserer Geschichte Totalitarismus und Nationalismus überwunden haben. Doch wir sehen in unseren europäischen Nachbarländern und selbst in unserem eigenen Land, dass starke Gebärden wieder im Kommen sind; dass terroristische Anschläge wieder präsidiale Ausnahmerechte ermöglichen und immer stärker in die bürgerlichen Freiheitsrechte eingegriffen wird. Erzählen wir die Geschichte Cäsars für uns und unser Land neu, so lassen sich Parallelen in einer fiktiven Zukunft zeichnen. Demokratie ist altbacken und unerträglich verkrustet geworden, Heroismus und Nationalismus wirken dagegen erfrischend sexy und belebend. Die heroische Pose des nationalen Superhelden hat den bürokratischen Verwaltungsapparat abgelöst – Superschwert zerbröselt Leibnizkeks. Doch wie all die Diktatoren der Jahrhunderte ist auch dieser Cäsar nur ein schwächliches Männchen, dessen Superkraft allein auf Schreckensherrschaft, Inszenierung und Massenspektakel beruht.

Die Revolution gegen diesen Granden misslingt hier nicht, weil Revolutionen im Allgemeinen zum Scheitern verurteilt sind. Sie scheitert an der Eigennützigkeit des Cassius und der fast schon naiven Selbstlosigkeit des Brutus. Cassius weiß, dass ein Umsturz nur dann gelingen kann, wenn alle Störfaktoren beseitigt sind. Aber Brutus, der sich selbst als wandelnder kategorischer Imperativ begreift, schreckt vor der Notwendigkeit zurück, bis zum Äußersten zu gehen. Moralisch konsequent, doch strategisch fatal: Antonius bleibt verschont, mehr noch: Er darf dem Cäsar die Totenrede halten.

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Der große Gatsby

„Sie zogen von Ort zu Ort, immer dorthin wo Polo gespielt wurde und die Leute zusammen reich waren“

Der junge Nick Caraway mietet jobbedingt ein Haus auf Long Island, direkt neben dem beeindruckenden Anwesen des Millionärs Gatsby. Die Nächte sind erfüllt vom Lärm der Glamourparties, denen der Gastgeber auf geheimnisvolle Art fern bleibt. Als Nick dem Magnaten durch Zufall begegnet, offenbart sich eine schicksalhafte Verbindung: Vor Jahren hatte Gatsby eine Affäre mit Nicks Cousine Daisy, die inzwischen mit einem grobschlächtigen Playboy verheiratet ist. Gatsby ist  immer noch besessen von ihr und dem Gedanken, sie durch den Erwerb von möglichst viel Prestige und Besitz zurückzugewinnen. Er bittet Nick ein Treffen zu arrangieren, um die Beziehung wieder aufleben zu lassen – eine folgenschwere Entscheidung.

F. Scott Fitzgeralds Roman von 1925 ist ein unsterblicher Bilderbogen über den Geist des Jazz Age  und die Roaring Twenties. Konsum und Luxus sind hohle Pappfassaden, in denen das Glück niemals beheimatet war. Wir erzählen diese zeitlose Parabel über die Projektionen von Liebe in einer eigenen Dramatisierung neu.

Lesen Sie hier die Kritik der Badischen Zeitung.

BEI REGEN:

Die Zuschauerplätze sind teilweise überdacht. Bei leichtem Regen wird gespielt. Sollte es gewittern oder stark regnen muss unterbrochen oder bei anhaltendem starken Regen abgebrochen werden. Nach Beginn der Vorstellung kann keine Erstattung des Eintrittsgeldes mehr erfolgen.

Besetzung:
Jay Gatsby: Sebastian Ridder
Daisy Buchanan: Chris Meiser
Nick Carraway: Jochen Kruß
Tom Buchanan/ Meyer-Wolfsheim: Florian Wetter
Jordan Baker: Natalja Althauser
George B. Wilson/ Eulenmann/ Butler: Uwe Gilot
Myrtle Wilson: Anna Tomicsek
Klipspringer (The Piano Man): Manuel Kreitmeier

Übersetzung/ Dramaturgie:
Tanja Trentmann

Dramatisierung/ Regie/ Bühne:
Manuel Kreitmeier

Open- Air ab 9. Juli 2015

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Spielzeit 2015/16

Willkommen!

Theater ist ein Spiegel. Er reflektiert, was war, was ist und was sein könnte. Um uns spitzt sich die Lage zu – immer mehr Konflikte, Extremismus, Krisen – und doch umgibt uns eine süße Wolke der Harmoniesucht. Zivilisation ist ein hohes Gut. Doch sie steht auf dem Spiel. Das ist das Thema unserer Spielzeit: die dünne Haut der Zivilisation!

Der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald war ein brillanter Beobachter seiner Zeit. In trügerischer Leichtigkeit entlarvt er in seinem Roman DER GROßE GATSBY die Oberflächlichkeit von Reichtum und Luxus. Unser Sommer-OpenAir zeigt diese zeitlose Parabel in eigener Dramatisierung mit einem riesigen leeren Swimmingpool.

Unser Herbst beginnt mit einer Uraufführung. AGGROPOLIS ist die virtuelle Stadt, in der all das ausgelebt wird, was im politisch korrekten Alltag unterdrückt werden muss. Der ganze Spleen, die ganze Wut über all das, was wir sonst herunterschlucken. – Eine brandaktuelle und böse Satire über den virtuellen Menschen im 21. Jahrhundert.

Zwar gab es im alten Rom noch kein Internet, aber die alte Raffinesse der Intrigen und Machtspiele steht der heutigen in nichts nach. Einst war JULIUS CÄSAR Gleicher unter Gleichen, doch sein Ruhm ist ihm zu Kopf gestiegen. Jetzt muss er weg. Die Senatoren von Rom schmieden ein dunkles Mordkomplott und besiegeln damit ungewollt das Ende der Republik.

DIE KLEINEN FÜCHSE zerstören die Weinberge. Sie sind die Metapher in Lillian Hellmans Theaterstück, das 1941 mit Bette Davis verfilmt wurde. Im Zentrum steht eine Südstaatenfamilie in den Gründerjahren des Kapitalismus. Ihre weibliche Hauptfigur schreckt dabei vor keinem Mittel zurück, sich ihren gleichberechtigten Status in der chauvinistischen Männergesellschaft zu erkämpfen und entlarvt, dass Geld dicker ist als Blut.

Doch kein Thema ist aktueller als der Terrorismus. Das ganze Ausmaß dieser Spirale von Gewalt und Gegengewalt offenbart sich im spektakulärsten Verfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte – dem Prozess gegen die Drahtzieher der RAF: Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe. Die Wiederaufnahme unserer gefeierten Eigenproduktion STAMMHEIM beschließt im Frühjahr unsere Saison.

Eine umtriebige und hochpolitische Spielzeit – wir freuen uns auf Sie!

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Boote gegen den Strom

Dem Luxus verfallen, ständig bedroht von finanziellen Sorgen und Alkoholabstürzen schuf Francis Scott Fitzgerald einige der bedeutendsten Romane und Erzählungen der amerikanischen Literatur. Der große Gatsby – das ist natürlich der Autor selbst: Einer, der sich seine eigene Biografie ausgedacht und früh beschlossen hat, reich und berühmt zu werden. Auch das Wissen um das Scheitern dieses Traums gehörte von Anfang an mit dazu. So wurde Fitzgerald, der sich mit seinem ersten Roman „Diesseits vom Paradies“ aufmachte seinen „Amerikanischen Traum“ zu leben, bereits mit „Der große Gatsby“ – seinem zweiten Roman – zum Chronisten von dessen Untergang.

Und doch handelt der Roman letztlich vom Hoffen. Der „romantischen Bereitschaft zu Hoffen“, wie Fitzgerald die Haltung seines Protagonisten zum Leben beschreibt. Hoffen auf etwas, das unerreichbar scheint – vielleicht unerreichbar ist – und dennoch als Ziel postuliert werden muss. Gatsby als Figur verkörpert das Prinzip „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Das ist Amerika. Das ist der unerschütterliche Optimismus des „Yes, we can“, dessen Grundfesten in der amerikanischen Verfassung liegen, dessen goldenes Zeitalter die „Roaring Twenties“ sind mit ihrem Swing aus Luxus, Reichtum und Glamour, der drohenden Wirtschaftskrise und dem aufkommenden Faschismus im Rücken. Auch davon handelt das Buch. Von den kleinen Erschütterungen, die den Riss der Geschichte ausmachen werden: Tom Buchanan, Gatsbys Gegenspieler, ist erklärter Rassist. Gatsby selbst ist über zwielichtige Geschäfte mit Gangstern an Geld gekommen. Wilson – der Bewohner des „Tals der Asche“ – ist bereits das personifizierte Scheitern des „Amerikanischen Traums“ schlechthin. Seine Tankstelle steht auf dem Schutthaufen der Gesichtslosen, der Underdogs, der Traumleichen. Geld jedenfalls ist hier nicht zu machen. Glück und Erfolg – für Fitzgerald unbedingt Synonyme – gibt es hier nicht.

Will man solch ein gewaltiges Buch – gewaltig trotz seiner Kürze von etwa 150 Seiten im Original – für die Bühne adaptieren, steht man schnell vor erheblichen Schwierigkeiten. Denn „Der große Gatsby“ ist ein Buch, das vor allem eine bestimmte Atmosphäre atmet, das sich über Geruch und Geschmack erzählt, nicht über einen spektakulären Handlungsverlauf. Woher kommt der ganz eigene Charakter dieses Buches? Er liegt in der Haltung, in der Bewertung und Beschreibung des Erzählers Nick Carraway. Deshalb muss jede Adaption – inklusiver zahlreicher Verfilmungen – misslingen, die diesen Sachverhalt außer Acht lässt. Der Erzähler ist das Salz in der Suppe dieser Geschichte. Und Nick ist natürlich auch Fitzgerald – die andere Seite des Autors – der Chronist, der ewige Voyeur, der Teil hat am Partyleben und sich dennoch immer außen fühlt – nur Zuschauer ist. Der zu kompliziert ist, um einfach mitmachen zu können, der dem Strudel des Untergangs macht – und handlungslos zusehen muss, dafür allerdings wunderbar poetische Beschreibungen für diesen Komplettverlust an Glück bereithält.

Und natürlich darf auch Gott im Buch nicht fehlen. Ein Gott der Hoffnung selbstverständlich: Eine riesige Werbetafel, die „Augen von Dr. T.J. Eckleburg“, die über der Aschelandschaft als Symbol der Erlösung thronen: „Morgen rennen wir schneller, strecken uns höher ….und dann – eines schönen Morgens – Und so kämpfen wir uns voran, Boote gegen den Strom, unablässig der Vergangenheit zu.“

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Theater macht Spaß !

Jeden Montag um 19 Uhr

Der Workshop richtet sich an alle, die ihr schauspielerisches Handwerkzeug erweitern, üben oder einfach in die Schauspielerei hineinschnuppern möchten. Mittlerweile hat sich eine regelmäßige Gruppe gebildet, die ihr erstes Bühnenprojekt am 15. Oktober mit „Mensch oder Schwein?“ vorstellen wird. Der Workshop bleibt natürlich offen für weitere TeilnehmerInnen.

Kursleitung: Markus Schlüter, Manuel Kreitmeier

Montag, 19-21.00 im Theater der Immoralisten.

Teilnehmergebühr: 10 Euro pro Termin
Anmeldung unter info@immoralisten.de

Foto: Frank Müller/ tisento.de
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Mission Rose

Odoardo Galotti – welch ein Mann! Superheld auf „Mission Mensch“ oder besser „Mission Rose“: Vater einer unterm Glassturz herangezogenen Tochter, deren Natur er nicht versteht. Denn im Gut/Böse-Kaleidoskop fallen alle schwarzen und weißen Teilchen eindeutig auf ihre Positionen und trennen das Lichte vom Dunklen.

Doch das wahre Wesen des Universums erfasst er nicht, dieser Galotti-Mensch mit seinen klaren Vorstellungen von Moral und Logik. Seine Odyssee wird dort endlos, wo der Raum sich zu krümmen beginnt und das Unerwartete alle Grenzen der Vorstellungskraft sprengt.

So irdisch Lessings Stück über royale Willkür und bürgerliche Moralverstrickung von 1772 auch anhebt, umso flimmernder wird bei genauerem Hinschauen seine universale Aussagekraft für die Frage nach der Tragweite menschlicher Existenz. Denn schwarz und weiß sind die Figuren dieses Dramas nur auf den ersten Blick, vielmehr stehen sie für energetische Prinzipien, die letztendlich doch alle Teil desselben Kosmos und voneinander untrennbar sind. Wie das Schachbrett bedingen sich Hell und Dunkel und ergeben nur im Miteinander einen Sinn.

Alles ist verbunden, das lernt der Prinz in kleinen bitteren Lektionen von seinem Diener Marinelli – die Tat ist bereits mit dem Wunsch vollbracht. Kaum ausgesprochen fällt auch schon der Schuss, kaum herbeigewünscht ist die Angebetete auch schon da. Nur der Preis ist nicht ausgemacht, weil nicht angefragt. Der Prinz wünscht verantwortungslos und flüchtete sich durchs Hintertürlabyrinth, wenn die Rechnung kommt. Der Blankopassierschein lässt dem zerstörerischen Prinzip Marinelli allen Freiraum zu schalten und walten wie es will. Nur möchte dieses auch in seiner ganzen genialen Effizienz verstanden werden. Und das kann es nur von etwas Ebenbürtigen.

Die Gräfin Orsina ist die Energie, die nach der Zerstörung übrig geblieben ist: chaotisch, brillant, abgrundtief. Sie ist das schwarze Loch, das den Raum zum Nullpunkt krümmt. Sie versteht Marinelli, weil sie mehr ist als er und er sie deswegen nicht dienstbar machen kann.

Das Gegenbild zur Zerstörung ist Emilia, ein Lichtwesen, blank, rein, voller Drang, lebendig zu sein. Doch wie lebendig sein, wie sich ausbreiten können, wenn das Lebensvorbild die Enge ist? Wie die eigenen Sehnsüchte stillen können, wenn die abstrakte Idee von Unschuld allem übergestülpt ist? Die Frage nach der Unschuld ist hier keine sexuelle. Nicht weil Emilia, den Prinzen auch begehren, sogar lieben könnte, ist sie an ihrem eigenen Untergang mitverantwortlich, sondern weil es ihr nicht gelingt, die eigene Natur gegen den Widerstand ihrer Umgebung durchzusetzen. Ihre Mutter ist das vorgelebte Beispiel dieser Unfreiheit, des Arrangierens mit den engen vier Wänden. Sie sitzt zu Hause, damit der Superheld durch den Weltraum tappen kann.

Doch wie in Stanley Kubricks „2001, A Space Odyssey” versteht der Entdecker nicht was er sieht. Wie kann er auch? Er müsste sich selbst auf eine neue Existenzstufe hieven. Dass er aber das auslöscht, was ihn eigentlich retten könnte, ist die eigentliche Ironie an der Sache.

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Das Gespenst der Freiheit

Unsere neue Spielzeit hat einen besonderen Protagonisten. Seit Urzeiten spukt es durch alle Länder und Welten – das Gespenst der Freiheit.

Rastlos und unerlöst, weil jede neue Tür die es auftut, gleichzeitig unzählige andere schließt. Die Frage, warum wir uns nicht frei fühlen, obwohl wir doch alle Möglichkeit dazu hätten, hat uns umgetrieben. Sie führt uns in aufregende Räume mit „No Exit“ – Schild, in denen wir unsere eigenen Konzepte auf die Probe stellen können. Doch kein Angst vorm geschlossenen Raum: unsere Ausstattung ist ein tapferes Herz und viel Humor!

Eine neue Chance ist ein besonderes Geschenk der Freiheit. Ein himmlisches Kaffeekränzchen aus liebem Gott, Petrus und der heiligen Magdalena beschließt, drei Selbstmörder wieder zurück auf die Erde zu schicken. Mit neuer Ausstattung sollen sie ihr Lebensglück finden. Einen Haken hat die Sache: EHEN WERDEN IM HIMMEL GESCHLOSSEN, doch geführt werden sie auf der Erde.

Ihre Freiheit bereits verloren haben die vier RAF-Drahtzieher Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe in unserer Neuproduktion STAMMHEIM. In diesem Stuttgarter Gefängnis sitzen die vier Terroristen während ihres Prozesses ein, sind aber schon lange Geiseln ihrer eigenen Ideologie geworden. In der Arena hinter Gittern liefern sich den finalen Endkampf.

In den Klauen seines rigorosen Moralkonzepts ist auch der Vater von EMILIA GALOTTI. Lieber die Blume brechen, als sie vom Wind entblättern zu lassen, sein Motto. Krasse Haltung? Nein, nur konsequente Reaktion auf eine Feudalherrschaft der Willkür, der er sich unterjochen muss.

Wobei das Joch nicht beschränkt ist auf politische Herrschaftssysteme: Gerade BERNARDA ALBAS HAUS ist der Inbegriff des familiären Hochsicherheitstrakts. Hier hat eine alte Matriarchin ihre Töchter vakuumverpackt, um sie vor den bösen Männern draußen zu bewahren. Doch Sehnsucht lässt sich nicht unterdrücken: sie will ihre Ketten sprengen.

Was ist also Freiheit? Materielle Unabhängigkeit? DER GROßE GATSBY hat sie erreicht und sich damit einbetoniert in eine Überfülle von Besitz. Angehäuft aus Liebe zu der Frau seines Lebens, der er nie nahe sein wird. Denn für sie zählt die Projektion von Luxus allein, für ihn die von Liebe.

Eine rastlose und wahrhaft immoralistische Spielzeit – wir freuen uns darauf und auf Sie!

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Die Sau auf dem Rad

Das große Märchenbuch wird aufgeklappt, in der Luft ist ein Singen und Klingen und die Donau walzert pappsüß vor sich hin. Das ist Idylle, hier kann der Mensch sein – so wie er ist, fesch, pfundig, Herz am rechten Fleck. Das Volksstück im 20. Jahrhundert als Ausdrucksform des modernen Theaters? Das wirkt schon wie ein Widerspruch in sich. Nestroys scharfe Zunge hängt als niedliches Kuriosum in der Jausenstation, wo sich der Kleingeist an seinen eigenen liebenswerten Schrullen erfreut.

Doch Horváth ist ein radikaler Theaterinnovator und erkennt das Potential, das in dem Genre steckt. Das Grauen kommt aus der Provinz und Provinzialität, wo der Mensch noch Vieh sein darf und sich nur durch einen Spiegel die eigene Fratze blicken kann. Konsequent setzt also Horváth dort an, wo Arthur Schnitzler aufgehört hat. Der Bildungsjargon des Kleinbürgertums ersetzt den Dialekt: Das Geplappere über das, wie die Welt halt so ist, was man halt so macht und was nicht, über die Planetenbahnen, die neusten Kampfkunsttechniken, Religionstrends und die Qualität der Blutwurst bilden die Hülsen, in denen Momente der Erkenntnis geradezu deplatziert aufpoppen.

Das wäre schon was mit der Erkenntnis, denn – das ist das Motto, das Horváth seinem Stück voranschreibt: „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“ Dummheit, jene „charmante Niedertracht“, ist die Grundausstattung des Kleinbürgers. Und das hat nichts mit Liebenswürdigkeit zu tun, denn vergessen wir nicht, wir stehen am Vorabend der Machtergreifung Hitlers, eben auch einer jener Provinzler mit dem Herz am „rechten“ Fleck: „Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint!“ (A. Hitler: „Mein Kampf“)

Doch wir wollen kein Museumstück präsentieren und uns mit entrüsteter Überlegenheit am erhobenen Zeigefinger lecken. Die Sehnsucht nach der Blutwurst und dem Abstechen der Sau ist auch uns geblieben und wir können uns nur immer wieder am Riemen reißen, um unserer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) zu entkommen, die den schmalen Grad zwischen Mensch- und Viehsein bildet. Die Schärfe in Horváth Text liegt in den Zwischentönen, den ätzenden Bitterstoffen, die er im pappigen Sirup verklebt. Seine Regieanweisungen enthüllen den wahren Charakter des gräulichen Zuckergebäcks. Dies zu zeigen ist Ausgangspunkt unseres künstlerischen Konzepts. Ein Zeremonienmeister am Schalthebel dieses perversen Reigens fremdbestimmt mit Horváths Originalanweisungen die Akteure und diktiert ihnen im Übrigen auch die Pausen: Stille ist der Moment, wenn die Phrasen versagen und die unbewussten Triebe und Empfindungen ins Vorbewusste blubbern.

Aufgeschraubt auf sein Schicksalsrad ist bei uns das willige Schlachtvieh Mensch. Wie fremdgesteuerte Roboter kleben die Akteure in ihrer stillen Straße im achten Bezirk, verbringen ihr Leben mit Ritualen, die sie für selbstbestimmt halten. Doch was ist schon Selbstbestimmung? Und inwiefern ist der Mensch überhaupt dafür geschaffen? Den Versuch einer Antwort gibt Horváth in der Gegenüberstellung seiner beiden weiblichen Hauptfiguren: Marianne beschließt zwar, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, handelt aber naiv und aus verkitschter Illusion. Valerie reagiert pragmatisch auf die wechselnden Konstellationen ohne daran ihr Seelenheil festzumachen – wohl die schmerzfreiere Haltung in einer Welt, die keinen wirklichen Sinn macht und über die ein Gott wacht, der ein Scherzkeks ist.

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Bernarda Albas Haus

„Wenn einer mit dem Meer nicht fertig wird, dreht er ihm den Rücken zu, damit er es nicht sehen muss.“

Die Matriarchin Bernarda Alba hat nach dem Tod ihres Mannes die Trauer über ihre Familie verhängt und die fünf Töchter samt ihrer eigenen Mutter im Haus eingesperrt. Kontrolle und Rechenschaftsablagen sind die Eckpfeiler ihres Regimes, das keinen verborgenen Gedanken duldet. Die älteste Tochter Angustias soll nun als einzige vor dem bevorstehenden Verwelken verheiratet werden und damit das Haus verlassen dürfen. Doch hat sich Bernardas jüngste Tochter, die hübsche Adela, unsterblich in den Bräutigam der Schwester verliebt. Heimlich redet sie mit dem Geliebten nachts vom Balkon aus und fasst einen Entschluss: Fliehen möchte sie aus dem Haus der Unterdrückung und in der Liebe glücklich werden.

Garcia Lorcas Werk ist durchdrungen von der Frage nach der energetischen Qualität des Männlichen und Weiblichen. Mystisch, magisch und voll sinnlicher Erotik strahlt sein Stück wie ein Leuchtturm in der Finsternis. Es handelt von der Sehnsucht als Urtrieb des Menschen, der sich an keine Definition bindet. Und so werden alle Frauen im Hause Bernarda Albas bis auf die Mägde in unserer Fassung von Männern gespielt.

Gefördert durch den Landesverband Freier Theater Baden-Württemberg e.V. aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie des Kulturamts der Stadt Freiburg im Rahmen der Konzeptionsförderung und der Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau.

Besetzung:
Bernarda Alba: Florian Wetter
María Josefa, ihre Mutter: Uli Herbertz
Die Töchter:
Angustias: Antonio Denscheilmann
Magdalena: Markus Schlüter
Amelia: Sebastian Ridder
Martirio: Uwe Gilot
Adela: Jochen Kruß
Die Mägde:
La Poncia: Anna Tomicsek
Magd: Christina Beer

Regie/ Bühne:
Manuel Kreitmeier

Aus dem Spanischen neuübersetzt von Florian Wetter.

ab 07. März 2015

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Analytiker der Seele

Schnitzler ist ein Meister der Nebensätze, der subtilen Details, der Abgründigkeit des Smalltalks. Bei ihm geschieht alles zwischen den Zeilen. Die Vernichtung eines Menschen oder, wenn man so will, der Verlust seiner Illusionen – was für den Autor im Grunde auf dasselbe hinaus läuft – geht beinahe unmerklich vonstatten unter der brillanten Dialogführung einer gezuckerten Oberflächlichkeit. Durch Lügen beginnt sie. Lügen, die in Liebelei Schonung vor allzu viel Wahrheit sein wollen. Durch Konventionen, die Rebellionen verhindern. Durch kleine Stiche ins Herz der Seele, die letzten Endes ausblutet im Duell mit der ungeschönten Wirklichkeit.

Schnitzlers Werk ist hochmodern, insofern er uns die klaffende Abgründigkeit unter der glitzernden Patina der modernen Spaßgesellschaft zeigt. Fritz, Theodor und Mitzi leben nur im Jetzt, in der kurzen Befriedigung ihrer Konsumbedürfnisse. Sie haben längst alle Illusionen über die Liebe und jede Idee eines sinnvolleren Lebens verloren. Wie Vampire, die der Blutdurst nicht schlafen lässt, sind sie auf der ständigen Jagd nach Glück, das kaum eine Nacht währen wird. „Wer wird denn im Frühling an den August denken?“, konstatiert Mitzi denn auch offenherzig. Doch Vampire infizieren ihre Opfer, sie reißen sie mit in den Abgrund, töten ihre Seele, setzen auch sie der Leere eines untoten Lebens aus. Gestrandet auf der Wartebank der Vergänglichkeit enden sie: Christines Vater und Frau Binder (Spiegelbild der Mitzi in reiferen Jahren) haben nichts mehr zu erwarten. Das große Glück ist nur mehr ein ferner Traum, ausverkauft im Trubel der Vergnügungen. Und mit der Desillusionierung bleiben bestenfalls noch „Hilfskonstruktionen“ (Fontane), ein zwar ungeliebter aber gutsituierter Mann, oder die Liebe zu einer Tochter deren Umklammerung auch sie ersticken muss.

Vampire haben Angst vor dem Licht. Sie verbrennen darin. Sie können nur in der Dunkelheit, im Zwielicht existieren. Bei Helligkeit oder im Spiegel offenbart sich ihre Fratze, sieht man ihre blutigen Reißzähne mit denen sie ihre Opfer erlegen. Beide Ebenen waren für die Inszenierung von entscheidender Bedeutung: Die glitzernde Oberfläche einer schönen, nostalgischen Welt und ihr Gegenteil die Leere. Auch Dracula lebt in einem zwar spinnwebverhangenem, doch herrschaftlichem Schloss, trägt Frack und pomadisierte Haare und entbehrt nicht einer gewissen erotischen Ausstrahlung, dahinter aber verbirgt sich nur Elend, Verwesung und Einsamkeit. Unsere Inszenierung verlegt Schnitzlers elegante Fin de Siècle Welt in die 50er/60er Jahre, ersetzt Wiener Walzer mit Jazzmusik. In beidem liegt unter dem vorwärtstreibenden Rhythmus Traurigkeit und Tristesse. Bewegung und Statik sind zwei weitere entscheidende Momente der Inszenierung. Die „Mad Men“ – Zeit der späten 50er Jahre ist wie Schnitzlers Jahrhundertwende eine Zeit beginnender Umbrüche der kaum mehr haltbaren Konventionen. Hierin liegt vielleicht die einzige Hoffnung des Stücks. Dass sich bald alles ändern muss. Dass individuelle und gesellschaftliche Krise letzten Endes zusammengehören, dass beides erkannt und bekämpft werden kann.

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Spielzeit 2013/14

Liebes Publikum!

Lange und tief haben wir geschürft nach Stücken und Themen, die uns alle bewegen. Es hat sich gelohnt:  unsere neue Spielzeit – hier ist sie!

Wir starten  den Sommer mit unserer OpenAir-Produktion DER GEIZIGE von Molière. Die Finanzkrise beherrscht uns alle, treibt uns um und in den Wahnsinn. Im Zuge dessen fanden wir  es an der Zeit, eine ironische Lanze zu brechen für die Probleme und Gebrechen wirklich reicher Männer. Ein riesiger Geldspeicher vor dem Theater und eine schräge Komödie im Comicstil ist unsere Hommage an Dagobert Duck und den Sommer.

Die Innensaison beginnt intensiv und surreal im abgedunkelten Zimmer von HANNELORE K. Unser Regisseur Manuel Kreitmeier hat ein Stück über sie geschrieben. Eine fiktive Fantasie über die Themen ihres Lebens, ihre Lichtallergie und den Preis, den sie anstelle des mächtigen Mannes an ihrer Seite zu zahlen hat.

Und auch das folgende Stück ist ein Blick ins Mysterium Psyche: Wir nehmen die Herausforderung an und spielen eines der größten Dramen von William Shakespeare – HAMLET! Dazu teilen wir seinen Protagonisten in drei Teile und wagen uns vor in ein bizarres Spiegelkabinett der Schizophrenien und psychologischen Chiffren.

Nach dem Blick in die Untergründe ist es an der Zeit, sich wieder ans Tageslicht zu wagen. Natürlich begegnet uns dort als erstes immer nur das Eine – die Liebe … Bei Arthur Schnitzler ist sie allerdings nur LIEBELEI, also eigentlich etwas Kleines und Unverbindliches. Nimmt man Unverbindlichkeiten allerdings beim Wort,  werden sie schnell zu Stolperfallen, wo (wie in jeder guten Komödie) das Komische immer sehr nahe beim Tragischen liegt.

Das gilt auch für Odön von Horváths GSCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD, die wir nach Hoppla, wir leben! und Baal als dritten Teil unseres von Stadt und Land geförderten Triptychons Pulverfass: Weimar! zeigen.

Eine wahrhaft immoralistische Spielzeit… Wir freuen uns darauf und hoffen, Sie auch!

Hier unser Spielzeitheft 2013/14 zum Download

Spielzeitheft 2013/14

Alle Premieren im Überblick:

DER GEIZIGE von Molière (Premiere am 17. Juli 2013)

HANNELORE von Manuel Kreitmeier (Uraufführung am 26. September 2013)

HAMLET von William Shakespeare (Premiere am 21. November 2013)

LIEBELEI von Arthur Schnitzler (Premiere am 20. Februar 2014)

GSCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD von Ödön von Horváth (Premiere am 24. April 2014)

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Die Tragödie der Political Correctness

„Da ist noch ein Fleck … Fort, verdammter Fleck, fort, sag ich!“
(William Shakespeare: MACBETH)

Weit weg stehen die Twin Towers, ein Ozean – über eine Dekade – zwischen uns und ihrem Einsturz. Der „gefährliche neue Krieg“ gegen den Terror ist nicht unserer, nie gewesen. Wir sind aufgeklärt, gefeit gegen falsche Polemik, wertfest, moralisch integer, tolerant (zumindest politisch korrekt) und genießen die Früchte unseres verdienten Wohlstands.

Doch ist durch den Aufprall der herabstürzenden Trümmer von einst ein kleiner Riss in unserem Fundament zurückgeblieben. Die Bedrohung durch Terror ist nicht etwas, das von außen kommt, sondern eine Angst, die in unserer Mitte entspringt.

Dennis Kelly, britischer Autor mit irischen Wurzeln, ist spät, erst mit 17, zum Theater gekommen. Er stammt aus den einfachen Verhältnissen der für Großbritannien typischen „lower middleclass“ – ein bisschen ärmer als alle anderen, aber keine schlechte Kindheit. Bis heute wehrt er sich gegen das Bild der gewaltdominierten, rassistischen Unterschichtssubkultur, in das ihn die Rezeption seiner frühen Stücke drängen wollte: „Die Leute sind geschockt, wenn sie mich treffen. Ich denke sie erwarten von mir, dass ich vor ihren Augen eine Katze töte oder etwas in der Art“.

Vielleicht liegt das daran, dass Kelly es liebt, seine Figuren immer wieder in Extremsituationen zu bringen und dabei bis ans Äußerste zu gehen. Es sei fast schon seine Verantwortung, so sagt er, „sie in schlimme Situationen zu bringen und zu schauen was passiert“. Es ist seine Faszination für Shakespeare, die diese Sicht bestätigt. Die wahre Fallhöhe eines Menschen zeigt sich nur in der Zuspitzung durch Tragödie, die wahrhaftige Einsicht – der „dramatic insight“ – kommt erst dann, wenn alles zu spät ist.

Als wir Waisen zum ersten Mal lasen, war uns klar, dass die Bühne in der Mitte sein musste, sie sollte so eng sein wie möglich – eine Keimzelle, die berühmte Keimzelle der gehüteten Familie, auf der unser ganzes Gesellschaftsbild beruht. Deren Einrichtung ist weiß, rein, makellos, stilistisch unangreifbar, weil geschmacklich durch teuren Mainstream-Wohnkomfort über jeden Zweifel erhaben. Der feine Riss geht diagonal durch ihr Zentrum, die Beziehung der drei Figuren ist von vornherein strapaziert, angerissen.

Dramaturgisch wollten wir die Schraube in den vier Teilen immer weiter anspannen, von Shakespeare und dem Absurden Theater lernen, dass Komik aus der Tragödie nicht wegzudenken ist, ja sie geradezu bedingt.

Quellen:
London Evening Standard, „Dennis Kelly: I can’t imagine a more violent writer than Shakespeare”
The New York Times, “President Bush’s Speech on Terrorism

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Die Welt ist ein umgestürzter Hafen

Büchners „Woyzeck“ existiert nur als Fragment. Verschiedene Manuskriptseiten des Autors beinhalten ganz unterschiedliche Szenenentwürfe- und stadien, die Hand- und Kurzschrift selbst ist teilweise schlicht und einfach nicht (mehr) entzifferbar. Manche Szenen allerdings können als fertige Endfassung angesehen werden. So beispielsweise der komplette Schluss sowie alle Woyzeck/ Marieszenen.

In der Beschäftigung mit dem Text kann man dessen offene Struktur dennoch nicht verleugnen. Sie ist vielleicht gerade sein größter Reiz.

Wichtigstes Stilmittel Büchners ist die Gegenüberstellung von psychologischen und kommentierenden Szenen. Fast wie später bei Brecht oder Fassbinder. Vorbild der Inszenierung: Fassbinders „Satansbraten“. Eine komplett unwitzige, weil unheimliche Komödie. Büchner selbst lässt eine Figur, die er den Ausrufer nennt, mehrfach auftreten. Sie stellt das Stück immer wieder in den geistesgeschichtlichen und medizinischen Diskurs seiner Zeit, nimmt insbesondere aber des Autors eigene zivilisationskritische und antiidealistische Haltung ein. So ist „Woyzeck“ zuerst brillantes psychologisches Drama – Büchners scharfsichtige und sprachlich differenziert ausgestaltete Wandlung eines einfachen Soldaten zum Mörder – darüber hinaus aber ein ungemein politisches Stück über Unterdrückung und Ausbeutung des Schwächeren.

Dieser radikal realistische Ansatz des Autors verbindet sich mit Naturmetaphorik, Mystizismus, religiöser Symbolik und zeitgeschichtlichem Diskurs. Ein kurzes und gleichzeitig unglaublich vielschichtiges Stück Literatur, dem man nur mit klaren Brüchen Herr zu werden vermag. Um das Stück in seiner ganzen Schlagkraft heute noch zu begreifen, erschien mir wichtig die Figur des Ausrufers umzubauen zu einem das Stück kommentierenden Moderator. Inhaltlich durchaus an Büchners Gedankengänge angelehnt, ist dieser Eingriff in das Stück der Versuch, seine damals aktuelle kulturkritische Schlagkraft zurückzugewinnen. Gleichzeitig ist er Sprachrohr für Gedanken, die mir als Theatermacher auf den Nägeln brennen und die mit Büchners eigenen Vorstellungen gleichziehen, durchaus aber auch meine eigene Beschäftigung mit dem Genre des Volksstücks von „Kasimir und Karoline“ über „Heimarbeit“ bis zu „Woyzeck“ ausformulieren. War ersteres der Versuch das Volksstück als bunten Sommerspaß zuerst leicht verkostbar zu machen, um es dann umso nachhaltiger als Ansammlung von seelischen Grausamkeiten zu entlarven, war die Kroetz-Inszenierung intimes, klaustrophobisches Kammerspiel. Die psychologische Seite der Abgründe, die unsere Gesellschaft durchziehen.

„Woyzeck“ dagegen ist grelles Vaudeville, Comic und Geisterbahnfahrt. Mit allen dazugehörigen Gruseleffekten, Bösewichtern und Lachnummern. Eine Ansammlung von Monstrositäten und die Unfähigkeit der Hauptfigur und des Zuschauers dieser Vorführung – hier wird vorgeführt und gespielt was das Zeug hält – zu entkommen. Armut ist Horror. Bildung und Status ist Macht. So einfach lautet Büchners Moral. Ein Immoralist erster Stunde also.

Denn eigentlich haben hier alle das Zeug zum Mörder – alle außer Woyzeck. Die Katze wird so lange gepiesackt, bis sie zurückbeißt. Woyzeck muss zum Amokläufer werden – vielleicht wäre er sogar ein vorzüglicher Terrorist wenn er seine Unterdrückung nicht nur als singuläres Erlebnis begreifen würde – weil die anderen ihn Tag um Tag, Stück um Stück und Satz um Satz morden: Marie mit ihrem unverhohlenen Aufstiegswillen, der Doktor mit seinem medizinischen Größenwahn, der Hauptmann mit seinen moralischen Vorhaltungen, der Tambourmajor mit seiner eitlen Koketterie und schließlich Anders mit seiner Blindheit. Abseits steht der Narr. Er kann den Untergang zwar verkünden – aufhalten kann er ihn nicht. „Die Welt ist ein umgestürzter Hafen“, lässt ihn Büchner sagen. Damals wie heute.

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Historix‘ Geisterstunde

Schaurige Geschichten, wohliges Grauen und auch blankes Entsetzen erwartet Sie in einer Lese-Reihe, die das Team vom Historix in unserem Theater präsentiert. Peter Haug-Lamersdorf und Oliver Genzow lesen und erzählen literarische Gespenster-Geschichten. Achtung: Fühlen Sie sich nie sicher – grausige Überraschungen sind zu erwarten …!

Mit: Oliver Genzow und Peter Haug-Lamersdorf
Redaktion: Hartmut Stiller

Karten zu € 12,- und € 8,- (ermäßigt)

Karten

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Neuer Internetauftritt

Nicht nur das Gesicht hat sich verändert: Viele neue Funktionen und Rubriken sollen Ihnen die Benutzung erleichtern und Ihnen einen noch umfassenderen Überblick über uns und unsere Arbeit geben.

Karten können Sie nun zukünftig bequem im Menü Spielplan bei der Vorstellung direkt reservieren.

Und neben unseren aktuellen Stücken haben Sie unter Archiv nun auch Zugang zu unseren vergangenen Arbeiten.

Wie bei jedem neuen Internetauftritt, sind wir noch in der Erprobungsphase und werden unsere Inhalte beständig erweitern und verbessern. Momentan arbeiten wir noch an den interaktiven Besetzungslisten für jedes Stück und einem Backstage-Bereich.

Wir hoffen, dass Sie jetzt schon Freue daran haben werden, in unserem neuen virtuellen Zuhause zu herumzuspazieren …

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Kasimir & Karoline

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich …“

Job verloren – mitten in der Wirtschaftskrise! Da bleibt Kasimir die Oktoberfestwurst so richtig brockig im Hals stecken. Doch für Freundin Karoline noch lange kein Grund sich die Laune vermiesen zu lassen.Und wenn der Kasimir nicht will, dann fährt sie halt allein mit der Achterbahn. Oder zu zweit, mit einem gewissen Herrn Schürzinger, den sie eben am Eisstand aufgegabelt hat (oder er sie?). Ein elender Spießer zwar, aber immerhin eine bessere Partie als der abgebaute Kasimir. Und ehe sie sich versieht, sitzen plötzlich noch zwei notgeile Pensionäre auf Sauftour mit an Bord. Stocksauer will es Kasimir allen zeigen und lässt sich vom Kleinkiminellen Merkl Franz zum Autoknacken überreden…

Ödön von Horváths Bilderbogen aus den 20er Jahren ist bezaubernde Liebesgeschichte, urkomische Komödie und bitterböses Zeitstück in einem. Und die Immoralisten lassen sich nicht lumpen und bauen nach ihrem großen Erfolg im letzten Sommer mit Schnitzlers „Reigen“ gleich ein ganzes Riesenrad in den Hinterhof ihres Theaters …

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Faust ist tot

„Gewinnen ist geil. Und ich weiß wie mans macht…“

Pete ist auf der Flucht. Er hat seinem Vater, einem Software-Magnaten, die Diskette für ein weltbeherrschendes Computerprogramm gestohlen. Gemeinsam mit dem dunklen Engel Alain fährt er von der Westcoast ins Nirgendwo auf der Suche nach dem wirklichen Leben. Doch Alains schwarze Philosophie hat längst seine Seele in Brand gesteckt. Als sie im Internet den selbstzerstörerischen Teenager Donny kennenlernen, gerät die Situation vollends außer Kontrolle…

Die Immoralisten spielen nach ihrem Erfolg mit „Pool, no water“ bereits das zweite Stück des Briten Mark Ravenhill, der mit Sarah Kane zu den Skandalautoren der 90er Jahre gehört. In seiner genialen Faustadaption verschwimmen die Grenzen zwischen virtueller Welt, Realität und Alptraum. – Ein intensives und spannungsgeladenes Kammerspiel über eine Gesellschaft, die weder an Gott noch an den Teufel glaubt.

„Wuchtig sind die Bilder, die Kreitmeier aus Ravenhills Vorlage generiert. Im Zusammenspiel mit der messerscharfen Sprache, die Markus Schlüter (Pete), Florian Wetter (Alain) und Jochen Kruß (Donny) meisterhaft verinnerlicht haben und mit beeindruckender Bühnenpräsenz ausspielen, gelingt ein packender Theaterabend, den zu besuchen man vor allem jungen Menschen ans Herz legen möchte.

Wer ist Verführer und wer Verführter in dieser virtuellen Welt? Die Faust-Thematik liegt als Angebot im Drama – man kann es nur als Anstoß nehmen, die eigene Haltung und die eigenen Handlungen zu reflektieren. Was könnte ein Theaterstück besseres leisten? Langer Premierenapplaus.“ (BZ)

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Hoppla, wir leben!

„Sehn wir uns heute abend im Club?“

Nach der misslungenen Revolution 1919 wartet eine Gruppe von Revolutionären auf ihre Hinrichtung. Den jungen Idealisten Karl Thomas treibt das Warten in den Irrsinn. Nach acht Jahren wird er aus einer Nervenheilanstalt entlassen und ertrinkt in den überschwappenden Wogen der Zeit. Medien und Politik beherrschen inzwischen das Gesellschaftsparkett, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer mehr auseinander. Karls ehemalige Mitstreiter sind zu opportunistischen Staatsdienern avanciert und auch bei seiner Geliebten Eva Berg findet er keinen Halt. Aus Verzweiflung fasst Karl den folgenschweren Entschluss: Ein Attentat auf die Macht!

Ernst Tollers Hoppla, wir leben! gehört zu den größten Theaterereignissen der Weimarer Republik. Gut achtzig Jahre später bringen die Immoralisten dieses von Toller als „Politische Revue“ bezeichnete Meisterwerk als ersten Teil ihres mehrfach geförderten Triptychons „Pulverfass: Weimar!“ erneut auf die Bühne und machen daraus eine kafkaeske Grenzerfahrung, die unaufhaltsam ihrem apokalyptischen Höhepunkt entgegensteuert.

Gefördert durch den Landesverband Freier Theater Baden-Württemberg e.V. aus Mitteln des Ministeriums für
Wissenschaft, Forschung und Kunst.
Gefördert durch den Fonds Darstellende Künste e.V.
Mit freundlicher Unterstützung von
Kulturamt Stadt Freiburg und der Stiftung Sparkasse Freiburg – Nördlicher Breisgau.

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Splendid’s

„Wir alle spielen…“

Die Verbrecherbande „La Rafale“ nimmt im Luxushotel „Splendids“ eine Millionenerbin als Geisel und verschanzt sich daraufhin in der Siebten Etage. Draußen rüstet sich ein riesiges Polizeiaufgebot für den Showdown. Ein übergelaufener Polizist schießt aus den Hotelfenstern auf die eigenen Kameraden. Innerhalb der verschworenen Gangster entbrennt nun ein rücksichtsloser Machtkampf, bei dem die Situation immer mehr außer Kontrolle zu geraten droht…

Jean Genet, Zuchthäusler, Dichter und Enfant terrible der französischen Literatur knüpft mit diesem Kriminalstück im Stil des Film Noir an seine beiden Welterfolgen „Die Zofen“ und „Querelle“ an. Erneut beschreibt er menschliche Grenzerfahrung in einer von Erotik und Spannung aufgeladenen Ausnahmesituation.

Die Immoralisten bringen dieses fast vergessene Meisterwerk in einer bestechenden Raumkonzeption endlich wieder neu auf die Bühne.

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Axt im Kopf

„Ich habe niemals etwas an meinem Mann bemerkt, das auf einen Mord hingedeutet hätte.“

Die gesellschaftlichen Verhältnisse, Kindheit, Familie und Herkunft bestimmen die Psyche eines Menschen. Aus Peter Kürten haben sie einen Mörder gemacht.

9 Menschen hat Kürten in den 1920er Jahren auf brutalste Weise umgebracht. 1930 wurde er von seiner Ehefrau bei der Polizei denunziert. Gottfried Benn schrieb über den berühmtesten Serienmörder der Weimarer Republik: „Kürten – seinerzeit in Düsseldorf – von sieben bis neun abends Lustmörder, im übrigen Kegelbruder und Familienvater.“

Fritz Langs Film „M-eine Stadt sucht einen Mörder“ basiert auf ihm, Randy Newman widmete ihm ein Lied, Bücher und Internetblogs beschäftigen sich bis heute mit diesem rätselhaften Mann. Doch wer war Peter Kürten wirklich?

Aus den Untersuchungsprotokollen ergibt sich das vielschichtige Bild eines Mannes, dessen Handeln vielleicht symptomatisch für das Gewaltpotential in der späten Weimarer Republik steht.

Das vielfach geförderte Theaterprojekt zeichnet basierend auf Originaldokumenten und erfundenen Spielszenen Peter Kürtens Weg zum Mörder nach. Ein spannender Krimi und ein fast groteskes Familiendrama am Vorabend des Faschismus.

Text & Regie: Manuel Kreitmeier
Komposition & Klavier: Florian Wetter
Cello & Elektronik: Hannah Schwegler
Kostüme: Manuel Kreitmeier

Gefördert durch den Landesverband Freier Theater Baden-Württemberg e.V. aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

Mit freundlicher Unterstützung von:
Kulturamt Stadt Freiburg
Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau
Stiftung Landesbank Baden-Württemberg.

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Reigen

„Später is traurig und früher is ungwiss…“

Zehn Paare, zehn Liebesgeschichten: Eine Dirne sehnt sich nach der großen Liebe, ein junger Herr hat sein erstes erotisches Abenteuer und der Gatte ist bei weitem nicht so anständig wie er es von seiner Ehefrau verlangt. Im unaufhaltsamen Liebesreigen geben sich zehn Paare so lange die Klinke zur Schlafzimmertür in die Hand bis sie wieder bei der ersten angekommen ist. Doch im Morgengrauen bleibt den Liebenden nur noch die Erinnerung an ein kurzes aber unvergessliches Abenteuer.

Arthur Schnitzlers „REIGEN“ erzählt auf komische und skurrile Weise von den Mechanismen der Liebe und stellt die ewig spannende Frage, wer wo mit wem warum schlief…

Mit einem spacigen Oldtimer- Wohnmobil als Kulisse wird das 1. OPEN AIR der Immoralisten zum Kultprojekt des Sommers!

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Bunbury oder Ernst sein ist alles

„Ich bin Ernst in der Stadt und Jack auf dem Land“

Die beiden Dandys Jack und Algernon teilen ein ungewöhnliches Laster: Beide führen ein Doppelleben.

Als respektabler Provinzspießer kann Jack nur unbeobachetet in die Stadt, wenn er sich um seinem verdorbenen „Bruder“ Ernst kümmert. Algernon wiederum pflegt den invaliden „Onkel“ Bunbury auf dem Land und entkommt so den Fängen seiner rigiden Tante Augusta. Als sich beide verlieben, kommen sich ihre Alter Egos unvermittelt in die Quere: Die Upperclassblondine Gwendolen hat sich in den Kopf gesetzt, nur einen Mann namens Ernst zu lieben und das Herz der Landpomeranze Cecily lodert ebenfalls in wilden Flammen für Jacks fiktiven Bruder.

Seit dem Aufführungsverbot unserer „Bombshells“ wissen wir: Das Spiel mit Geschlechterrollen ist pures Dynamit! Wir entzünden es und zeigen mit Oscar Wildes bedeutendester Komödie ein rotzfreches Feuerwerk funkensprühender Dialoge, die durch unsere komplette Männerbesetzung noch etwas mehr in der Hose haben als gewöhnlich …

Neuübersetzung von Manuel Kreitmeier

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Abraham Lincoln geht ins Theater

„Kannst du den Text, kannst du Text, kannst du den Text?“

Der genialische Regisseur Mark Killman ist besessen vom Mord an Abraham Lincoln.

War das Attentat durch den Schauspieler John Wilkes Booth vielleicht nur einer der größten Theatercoups aller Zeiten? Killman wagt ein kühnes Experiment: Stan Laurel und Oliver Hardy sollen gemeinsam mit ihm jenen Abend nachspielen, an dem der Hauptdarsteller den Präsidenten während der Vorstellung erschießt. Unaufhaltsam wird aus dem Spiel bitterer Ernst: Dieses letzte Stück des verrückten Regisseurs sprengt alle Grenzen zwischen Realität und Fiktion, bis tatsächlich ein Mord geschieht …

Deutsche Erstaufführung!

„Die feine Schauspielkunst von Florian Wetter, Camil Morariu und Jochen Kruß und ein durchdachtes Regiekonzept von Manuel Kreitmeier verbinden sich zu einer Vorstellung mit hohem Unterhaltungswert .(…) Fantastisch, wie Florian Wetter sich auf der Bühne von einer leblosen Wachsfigur in den amerikanischen Präsidenten verwandelt – äußerlich nur verändert durch einen falschen Bart und etwas Wimperntusche. Das differenzierte Spiel von Camil Morariu und Jochen Kruß – schlotternd vor Angst, mit berechnender Schärfe, zärtlich werbend – ist in nahezu jeder Mimik und Gestik glaubwürdig. Langer Premierenapplaus für eine weitere tolle Ensembleleistung der Immoralisten.“ (Badische Zeitung)

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Nora oder Ein Puppenheim

„Hat mein kleines Eichhörnchen wieder genascht?“

Seit Jahren fristet die Bankiersgattin Nora ein Dasein als zuckersüßes Vorzeigefrauchen im Vogelkäfig ihrer Ehe. Doch hinter der bürgerlichen Fassade lauert die Angst vor dem Abgrund, denn Nora hat sich vor Jahren der Unterschriftenfälschung schuldig gemacht. Davon weiß ihr Ehemann natürlich nichts. Der schurkische Geldverleiher Krogstad dafür umso mehr.

Dieser ist mittlerweile in der Bank von Noras Mann angestellt. Als ihm der Rausschmiss droht, beginnt er Nora zu erpressen: Sie soll sich bei ihrem Mann für ihn verwenden, andernfalls lässt er den ganze Betrug auffliegen. Für Nora beginnt ein Vabanquespiel um Ehre und Existenz und das schlimmste Weihnachten ihres Lebens…

Mit ihrer herrlich schrillen, tragikomischen Neuinszenierung von Ibsens Kultstück über die unerhörte Emanzipation einer Frau im 19.Jahrhundert, pflanzen die Immoralisten ein mit Sicherheit perfides Virus in die besinnlichste Zeit des Jahres.

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Bombshells

„Ein Kaktus ist ein Kaktus ist ein Kaktus.“

Echte Granaten sind diese sechs Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Vor allem dann, wenn sie von Männern gespielt werden: Die junge Mutter kurz vorm Durchdrehen, die graue Maus beim Treffen der Anonymen Kakteenfreunde, die wiedergeborene Shirley Temple, die ins eigene Kleid verliebte Braut, die stocksteife Witwe mit ihrem erotischen  Erlebnis und die alte Diva kurz nach der Entzugskur beim Abschiedskonzert – hinter den Kulissen des Cabarets zeigen sie alle ihr wahres Gesicht …

Für einen schrägen Abend lang stellen die Immoralisten die Welt vollends auf den Kopf und holen mit diesem Stück, ausgezeichnet mit dem Edinburgh Festival Fringe Award 2004 sowie dem London Theatregoers Choice Award 2005, einen Hauch von Broadway an die Dreisam.

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Elektra

„Ich will hinaus!“

Maßlos ist die Rache, die Elektra ihrem Vater Agamemnon geschworen hat. Maßlos wie das Unrecht, das dem griechischen Helden widerfahren ist: Siegreich heimkehrend aus der Hölle des trojanischen Krieges, wurde er von der eigenen Frau Klytämnestra, und ihrem Geliebten Ägisth heimtückisch im Bad ermordet.

– Viele Jahre sind seitdem vergangen, und die Mörder regieren ungestraft das Land. Aber Elektra kann nicht vergessen. Ihr Leben wird aufgezehrt von ohnmächtigem Hass. Vergeblich versucht ihre Schwester Chrysothemis, sie zu überzeugen, den sinnlosen Kampf endlich aufzugeben. Doch Elektra hofft auf die rächende Rückkehr ihres Bruders Orest.

Ein physischer Kampf zwischen den Protagonisten entwickelt sich, der seine Zuspitzung in einer blutigen Orgie der Gewalt findet.

„Was das Freiburger Ensemble „Die Immoralisten“ … dem Publikum eröffnet, ist ein kleines Wunder.“ (Badische Zeitung)

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Endspiel

„Ist mein Hund fertig?“ – „Ihm fehlt noch ein Bein.“

Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende. Der tyrannische Großkotz Hamm, sein Diener Clov und seine beiden Eltern in der Mülltonne sitzen an einem Meeresstrand am Ende der Zeit, vollführen ihre absurden Tiraden, doch haben längst ausgespielt.

„Die Beziehung zwischen Hamm und Clov stellt Kreitmeier in den Mittelpunkt seiner klugen Regiearbeit. Mit nichts als Hass ist diese Beziehung schon beschrieben worden, doch das ist Kreitmeier zu simpel. Wo Hass ist, ist auch Liebe – oder ist es nur die große Sehnsucht danach? Gerade zu Beginn des Stücks wirken Herr und Diener manchmal wie ein merkwürdiges Liebespaar, das nicht mit- aber erst recht nicht ohneeinander auszukommen in der Lage ist. Florian Wetter und Camil Morariu gelingt hier ein atemberaubend knisterndes Zusammenspiel auf verbaler wie auf körperlicher Ebene: Fast wie Magneten ziehen sich die Schauspieler an, um sich sogleich wieder voneinander abzustoßen.“ (Badische Zeitung)

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Pool (no water)

„Es gibt kleine Menschen und es gibt große Menschen. Und ich bin ein großer Mensch und ihr nicht.“

Aus einer Gruppe ungleicher Kunststudenten hat es nur eine zu Weltruhm gebracht. Bei einer Wiedersehensparty Jahre später ereignet sich ein schwerer Unfall: Im Vollrausch steigt die Diva aufs Zehnmeterbrett und springt in den leeren Pool. Sie überlebt, doch für die anderen ist die Stunde der Rache gekommen.

Mark Ravenhills Stück über die perverse Selbstvermarktung der Kunstszene hat neue Maßstäbe gesetzt und sprengt die Grenze zwischen Schauspiel und Performance.

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Tartuffe

„Und auch du mein Kind wirst sehr sehr bald beschließen, Tartuffe im Schatten unsres Gartens zu genießen“

Tartuffe Mit Molières Tartuffe – der vielleicht besten, sicherlich modernsten Komödie des großen französischen Dichters – machen die „Immoralisten“ ihr neugegründetes Theater in Freiburg zum bürgerlichen Salon der 20er Jahre. Dort herrscht inzwischen Ausverkauf!

Denn seit der Obdachlose Tartuffe sich in Herz und Geldbeutel der Familie Orgon gefrömmelt hat, steht deren bürgerliche Existenz bedrohlich auf der Kippe. Tartuffe selbst fühlt sich in seiner neuen Rolle als Großbürger pudelwohl, schlägt sich von Orgons Geld den Magen voll, umgarnt dessen Ehefrau und spielt sich überhaupt ganz als Herr im Hause auf. Doch damit nicht genug: Als Tartuffe dem naiven Patriarchen dann auch noch das gesamte Erbe und dessen einzige Tochter abzuschwätzen beginnt, ist die restliche Familie gezwungen zu handeln. Man stellt dem Betrüger eine folgenschwere Falle…

„Als rabenschwarze Boulevard-Komödie in klassischem Gewande rast das Drama so unerbittlich auf die Katastrophe zu, bleibt über neunzig Minuten lang spannungs- und temporeich, glänzt mit originellen Regieideen und einem durchgängig spielfreudigen Ensemble – und findet ein neues, geradezu geniales Ende.“ (Badische Zeitung)

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Geschlossene Gesellschaft

„Die Hölle das sind die anderen“

Wie ein Boxring ist die Bühne mitten im Zuschauerraum errichtet. Die Hölle ist ein leerer Raum. Drei Menschen mit obskurer Vergangenheit werden dort eingesperrt und sind sich fortan auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Aus der distanzlosen Nähe zum anderen entsteht ein Psychokrieg, dem keiner der dreien entkommen kann. Hier ist jeder abwechselnd Täter und Opfer, denn die Hölle, das sind die anderen.

„Ein Lehrstück des Existenzialismus ohne Aussicht auf Befreiung, das auf der Bühne mit pulsierendem Leben gefüllt wird. Wie jeder auf seine Art um Anerkennung kämpft und sich dadurch in tiefe Abhängigkeiten verstrickt, wie keiner den anderen sieht, sondern nur um sich selbst kreist, wie die Sehnsucht nach Erkenntnis und Wahrhaftigkeit immer wieder von Eitelkeit, Scham und Machtgelüsten torpediert wird – das wird von den jungen Schauspielern kraftvoll in vielen Facetten ausgespielt. Ein heftiger Stoff in Endlosschleife, ausgesprochen fesselnd zum Konzentrat mit Botschaft eingekocht wird: Die Hölle sind die anderen – aber noch schlimmer wäre es, für immer allein sein zu müssen… – Absolut sehenswert!“ (Badische Zeitung)