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Brief an Virginia Woolf

Liebe Virginia,

neulich hatte ich ein spannendes Gespräch mit einer Freundin, die versuchte einen Deiner Romane zu lesen. Sie erzählte mir, sie hätte ihn irgendwann einfach wutentbrannt weggelegt, weil sie nichts verstanden hätte und zu dumm dafür sei. Ich habe lange darüber nachgedacht. Eigentlich schreibst Du in Deinen Büchern nichts, was es zu verstehen gibt – eigentlich passiert kaum etwas. Es ist die Art, wie Du die Welt betrachtest. Du nimmst alles gleichzeitig wahr. Du filterst nicht zwischen wichtig und unwichtig. Bei Dir ist alles gleichbedeutend, denn alles spricht in einem Moment in derselben Lautstärke zu Dir. Eigentlich müsstest Du die Eindrücke allesamt übereinanderschreiben – auf dieselbe Stelle. Aber dann würde alles schwarz werden, und man würde kein Wort mehr lesen können. Daher musst Du die Bilder nacheinander setzen und an manchen Momenten immer wieder von vorne beginnen. Die Sinneseindrücke verschmelzen mit den Gedanken zu Assoziationsketten, und es ist manchmal nicht mehr zu trennen zwischen dem was war, was gerade ist oder was vielleicht passieren wird. Daher darf sich also äußerlich nicht viel ereignen, sonst wäre kein Platz für das, worüber Du eigentlich schreiben willst. Es geht um nichts und alles.

In Deiner Mrs Dalloway erzählst Du von Clarissa, einer gutsituierten Frau Anfang 50, die abends eine Gartenparty geben, und Menschen wiedersehen wird, mit denen sie seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr hatte, die ihr aber in ihrer Jugend alles waren – die großen ersten Lieben, die ewig sind. An einer anderen Stelle Deines Londons hat der junge Septimus aufgrund seiner traumatisierenden Kriegserfahrungen jeglichen Sinn zum Weiterleben verloren.  Zwischen diesen zwei Menschen baust Du eine Verbindung auf, die es eigentlich nicht gibt, denn sie werden sich nie kennenlernen. Sie sind zufällig am selben Ort zur selben Zeit und verbunden über ein Flugzeug, das Werbung auf den Himmel sprüht. Clarissa wird das Flugzeug nicht einmal sehen – sie bekommt nur erzählt davon. Aber trotzdem werden Clarissa und Septimus zum Spiegel füreinander. Weil alles miteinander in Verbindung steht. Weil Menschen zwar wie Pilze getrennt nebeneinander wachsen, aber durch ein unsichtbares Netzwerk unterirdisch miteinander verbunden sind.

Aus Deinem Buch ein Theaterstück zu machen, bedeutete für mich, es für die Bühne neu zu schreiben. Du warst immer eine Autorin des Jetzt. Deine Bücher spielen in der Gegenwart und regieren direkt auf die Menschen und Ereignisse Deiner Zeit. Daher muss auch dieses Stück im Jetzt spielen. Bei Dir gibt uns der Schlag des Big Ben die Orientierung, so dass wir wiederfinden, wenn wir uns zwischendurch verirrt haben. Es ist der Herzschlag Londons, des verborgenden Hauptdarstellers. Doch London pulst schneller und lauter – wie die Welt. „Mind the Gap“ macht jetzt den Beat. Aus dem Tag in London wurde eine Minute. Was mich umtreibt, ist die Frage, wie der Mensch auf die Geschwindigkeit und den Lärm in unserer Welt reagiert. Alle Figuren des Stücks finden dafür andere Lösungen. Und trotzdem teilen wir alle die elementaren Grunderfahrungen. Wir lieben, wir haben Angst, wir erinnern uns, wir denken an morgen, wir leben unser Leben und atmen bis wir damit aufhören und uns transformieren. Das hat Dich immer fasziniert– der Übergang! Und dieser war gleichzeig Deine Nemesis. Der Mensch geht aus der Welt hervor. Er ist Teil der Natur und vollkommen kreatürlich – Menschen wachsen zusammen auf, umkreisen sich, sind sich nah, entfernen sich, gehen auseinander – bilden ein neues System – kreisen um eine Sonne, kreisen um einen Planeten – sind ein Mond oder werden selbst zur Sonne: Es ist im Grunde gleich, denn alles ist Teil von etwas Größerem.

Du hast das irgendwann nicht mehr ertragen. Es war Dir zuviel. Heute gibt es Medikamente, die Dir hätten helfen können. Aber im Grunde spielt das keine Rolle. Denn Du hast Dein Leben diesem Ringen mit Dir und der Welt gewidmet. Von Dir habe ich gelernt, dass man alles von sich riskieren muss, wenn man schreibt.

Thank you! and take care, wherever you are …
Yours, Florian

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