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Die Bücher der Immoralisten

Ihnen gefallen unsere Stücke?

BÜCHER zum Lesen und Verschenken!

Die eigenen Stücke der Immoralisten gibt es für jeweils 12 Euro ausschließlich hier im Shop und im Theater zu kaufen. Es handelt sich um hochwertig illustrierte Ausgaben, die den gesamten Stücktext plus ein Nachwort der Autoren enthalten. Die Ausgaben sind reichlich bebildert und werden auf Wunsch signiert.

Bisher erhältlich:

  • Jekyll & Hyde (Kreitmeier)

  • Das Bildnis des Dorian Gray (Kreitmeier nach Oscar Wilde)

  • Axt im Kopf (Kreitmeier)

  • Die Marilyn- Tapes (Kreitmeier)

  • Hannelore (Kreitmeier)

  • Borkmann, der Kämpfer (Kreitmeier)

Schreiben Sie uns eine Email an:

info@immoralisten.de

oder holen Sie sich Ihre Ausgabe im Theater ab.

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Eine Stadt sucht einen Mörder…

In der schönen kleinen Stadt, in welcher mein Stück spielt, gibt es auch eine Vorstadt. Eine ganz miese Gegend. Hier ist alles morsch und verfallen und die Straßen sind nach berühmten Serienmördern benannt. So wie der Hintereingang von Dr. Jekylls Laboratorium eben auf eine dieser Straßen rausgeht – vorne auf dem Rathausplatz ist alles herrschaftlich und schön – so scheint es, als habe jeder Bürger dieser fiktiven Stadt auch ein Zimmer in der Vorstadt. Hier kann er ungestört die Sau rauslassen, morden und Böses tun. Hier hat Familie Hempel aus dem bekannten Reinhard-Mey-Lied Ihr Hackebeilchen unterm Bett.

Robert Louis Stevensons Novelle aus dem Jahr 1886 hielt der prüden viktorianischen Gesellschaft den Spiegel vor: Dr. Jekyll hat nämlich zwei Seelen in seiner Brust. Er ist ein angesehener Wissenschaftler, sein Ruf ist tadellos, wäre da nicht jene andere, dunkle Seite, die auch zu ihrem Recht kommen will. Mit Frauen hats der Doktor, seltsam jähzornig ist er und er bringt die Nächte in schäbigen Spelunken und Opiumhöhlen zu. Dieser Zweiteilung der Persönlichkeit des Doktors entspricht die formalen Zweiteilung der Novelle selbst. Der erste Teil ist eine Kriminalerzählung mit typischen Horrorelementen, die man gemeinhin als „gothic Horror“ bezeichnen kann. Wir erleben die Aufdeckung des Falles von Jekyll und Hyde durch des Doktors engste Freunde Utterson und Lanyon. Im zweiten Teil nun wechselt die Perspektive in die Ich- Erzählung. Jekylls großer Monolog lässt den Leser tief in die gespaltene Seele seines Protagonisten blicken und offenbart eine hoch narzisstische Persönlichkeit, die Gott spielen möchte und dabei vergisst, was den Menschen ausmacht. „Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust“ sagt bereits Faust, dessen Geschichte eng mit derjenigen von Dr. Jekyll verwandt ist. Was also ist so besonders an Stevensons Novelle? Vor allem, dass er seine Handlung im London der Gegenwart ansiedelt. Vor Stevenson war der Horror entweder in Transsylvanien oder anderswo weit weg, in anderen Kulturen und Zeiten angesiedelt. Stevensons Protagonisten dagegen sind staubige Londoner Junggesellen, Honoratioren der Gesellschaft, und doch sind sie Heuchler und Mörder. Denn nicht nur Dr. Jekyll hat Dreck am Stecken, auch die anderen vertuschen und lügen, was das Zeug hält.

Ich habe für mein Stück nun diese Elemente nebst formalem Aufbau übernommen und durch Zitate aus der Welt der Horrorliteratur und des Horrorfilms ergänzt. Natürlich gibt es Anspielungen an Kafka, den Meister des Surrealen, aber es treten ebenfalls auf: Die Prosituierte aus der „Jekyll und Hyde“ Verfilmung von 1941, der verrückte Wissenschaftler aus „Frankensteins Braut“ samt dazugehörigem Labor, der pfeifende Serienmörder aus Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, sowie dessen erstes Opfer Elsie Beckmann, die von mir durch eine dem Mörder durchaus ebenbürtige Rabenmutter ergänzt wurde. Die Welt, in der mein Stück spielt ist eine Mischung aus beschaulicher Kleinstadt und Gotham City. Die visuelle Ausgestaltung folgt der Graphic Novel. Der eigentliche Horror nämlich läuft in den Köpfen der Zuschauer ab und er liegt weit weniger in den ausgestellten Schauwerten, die prototypisch in jedem zweiten Gruselfilm vorkommen, als vielmehr in Sprache und Verhalten der scheinbar „normalen Bürger“. Diese „Normalen“ sind weitaus suspekter, als jener Mr. Hyde, der zwar böse, aber doch durchschaubar ist. Denn sie sind es, die mit zweierlei Zungen reden und dabei ungeniert mit dem Finger auf ihre Mitmenschen zeigen. So ist das eigentliche Thema meines Stückes die Spaltung unserer Gesellschaft, die Schizophrenie des Normalbürgers, der sauber zwischen Gut – und Wutbürger zu trennen versucht und doch immer wieder auf sein eigenes Janusgesicht im Spiegel blicken muss. Denn wir alle sind Jekyll und Hyde!

(Manuel Kreitmeier)

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Gutscheine zu 20 Euro (Normalpreis) und 13 Euro (ermäßigt) kann man sowohl direkt an der Abendkasse (Do- Sa ab 19.15 Uhr), die Buchhandlung Ludwig und über unser Kontaktformular erwerben.

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Im Hinterzimmer der Politik

Es ist ein einzigartiges Dokument, das unserem Theaterstück zugrunde liegt: Das Transkript der Sitzungen des Viererrats in Paris. Paul Mantoux, Chefübersetzer von Clemenceau, hat jedes einzelne Treffen aufs Genaueste protokolliert. Und vor allem: Er hat nichts geglättet. Die Konflikte treten offen zutage, aber auch die enormen Anstrengungen der Vier für einen gerechten Frieden und ihr teilweise visionärer Geist für eine Neuordnung der Welt werden erkennbar.

Als der amerikanische Präsident Woodrow Wilson 1918 in Paris eintrifft, wird er als Messias gefeiert. Sein 14 Punkte Programmfür eine neue Art des Friedens wird allerorten bejubelt. Kein Siegfrieden soll es werden. Keine Geheimabsprachen mehr. Keine strategischen Gebietszusagen. Nein, ein Frieden, der dauerhaft sein soll, weil er gerecht ist. Weil er weder die Besiegten vernichtet, noch den Gewinnern Gebiete zuschachert, deren Grenzziehung nicht mit der nationalen Identität seiner Einwohner übereinstimmt. Das ist Wilsons große Idee, die gekrönt wird vom Gedanken eines Völkerbundes, der zukünftige Konflikte verhindern soll.

Wilson ist der erste Präsident mit einem Doktortitel. Ein kluger Mann also, fortschrittlich auf der einen Seite, aber auch ein unflexibler Starrkopf und rassistischer Religionsfanatiker auf der anderen. Vor allem aber: Wilson fehlt das politische Geschick. Er ist nicht geübt im Ränkespiel der politischen Weltbühne und doch ist er es, der die Verhandlungen in Paris zu einem ersten großen Versuch in Sachen Friedensschaffung machen wird. Der Versailler Frieden beinhaltet also tatsächlich visionäre Ideen, die allesamt von Wilson stammen, die aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg und weiteren 55 Millionen Toten funktionierend umgesetzt werden: Genannt werden müssen hier die Prozesse in Nürnberg gegen die Nazi- Kriegsverbrecher, der Internationale Gerichtshof in Den Haag und die Vereinten Nationen, die dem Völkerbund folgen. Diese Ideen basieren grundlegend auf Wilsons Überlegungen zum Versailler Vertrag, doch wie so oft in der Geschichte: Nur derjenige, der seinen Fuß auf den Mond setzt, ist der erste Mann auf dem Mond. Die Raumfahrenden vor ihm werden allenfalls als Marginalie behandelt.

Der Versailler Friede war sicherlich ein hehrer Versuch. Doch sein Scheitern ist immanent: Amerika verweigert seine Ratifizierung, Deutschland sinnt auf Rache, der Völkerbund ist zu schwach und unflexibel um als Konfliktinstrument brauchbar zu sein. Die Fehler sind allesamt im Vertrag selbst zu suchen und die Tragik der Geschichte ist es, dass diese Fehler den Männern von Paris bereits bei seiner Formulierung ins Auge stachen. Ja, nichts wollte man mehr als diese Fehler zu verhindern. War die Aufgabe zu groß?  Man wollte Deutschland bestrafen, aber auch nicht zu sehr. Man wollte Grenzen nach nationalen Identitäten und Zugehörigkeiten ziehen, aber konnte doch nicht verhindern, dass die Gier einzelner Länder dies unmöglich machte, ja, dass nationale Identitäten in Europa teilweise alles andere als klar zuordenbar sind.

Dies zeigt sich besonders am Hauptkonflikt der Pariser Verhandlungen im Viererrat, der diesen beinahe gesprengt hätte: Italien besteht auf der Annektierung Fiumes (heute Rijeke), alleinig weil Fiume einfachen Zugang zur Adria verspricht und mit der Begründung, die dort ansässigen 24000 Italiener heim ins Mutterland holen zu wollen. Doch in Fiume leben auch Serben, Bosnier und Kroaten. Gebietsverteilungen sind also bei weitem nicht so einfach wie von Wilson angenommen. Und es gibt hunderter solcher Fiume. Von der Schwierigkeit der Grenzziehung in den arabischen und afrikanischen Ländern ganz zu schweigen. Und es gibt Zusagen aus dem Krieg selbst, wie den Londoner Vertrag, der 1915 zwischen England, Frankreich und Italien geschlossen wurde, um Italien zum Kriegseintritt zu bewegen. Darin hat man Italien große Gebietszusagen versprochen, doch Wilson, der nicht beteiligt war am Londoner Vertrag,weigert sich diese Zusagen zu erfüllen.

 

Die größte Schwierigkeit in Paris aber ist die Unüberschaubarkeit der Aufgabe und die tickende Uhr. Alle Vier haben zuhause ein Volk, das ungeduldig wartet, das beruhigt und befriedigt werden will, das im Krieg geblutet hat und jetzt wütend, gierig, hungrig und unzufrieden ist. Doch wenn Realpolitik zu schwach erscheint, wenn Parlamentarismus zu komplex und langwierig agiert, dann begünstigt dies die Radikalen. Bereits 1922 macht sich Mussolini auf, die Welt zu erobern. Hitler folgt ihm 1933.

(Manuel Kreitmeier)

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Ghost City

Ausstellung mit Fotografien von Manuel Kreitmeier 

Ungewohnte Blicke auf Freiburg zeigen die analogen Fotografien von Regisseur und Fotograf Manuel Kreitmeier. Mit einer alten Agfa- Kamera hat er ein Jahr lang sämtliche Freiburger Stadtviertel abgelichtet und dabei erstaunliche Bilder geschaffen, die von architektonischen Geistern und menschlichen Relikten erzählen.  Kreitmeier hat Freiburgs vergehende Orte in surreal anmutenden Bilder festgehalten. Die letzten Reste der alten Güterbahnhallen, Hochhäuser in Landwasser, 70er Jahre Beton in der Wiehre und Industriegebiete, die wie Marslandschaften wirken: Freiburg, Ghost City.

Ab September, Café Joris

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Kollegah versus Hofmannsthal

Kollegah versus Hofmannsthal

„Jedermann“ – das ist Salzburg, ist der Domplatz, ist die Hautevolee, die sich zu überteuerten Preisen „das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ansieht und sich an den Stars aus Film und Fernsehen, der gediegenen Ausstattung samt erbaulicher Botschaft ergötzt. Hier hat man längst verlernt sich von Theater und Kunst verändern zu lassen.

Verändern aber wollte der Autor Hugo von Hofmannsthal unbedingt. Ein Stück für ein zerfallendes Europa wollte er schreiben, ein restaurativer Appell an die Kulturgemeinschaft mit einer massiven Botschaft: Ein Leben im Materialismus, ein Leben ohne Mitgefühl, Menschlichkeit und höhere Werte ist Schall und Rauch und führt den Menschen geradewegs in die Barbarei. Ein ernster Mann war dieser Hugo von Hofmannsthal. Ein Feingeist, der den Schritt in die Moderne nie tun wollte und sie mit seinem „Brief des Lord Chandos“ doch eingeläutet hat. In diesem Werk postuliert er die Sprach- und Denkkrise des modernen Menschen, der sich in Dekadenz und Orientierungslosigkeit verloren hat, der lebt wie im Traum und seiner Zeit nur zusehen, sie aber nicht länger gestalten kann. Aus dieser Ich- und Weltkrise des jungen Hofmannsthal erwächst der Wunsch fürs Volk zu gestalten. Die Menschen Europas zu vereinen, ihnen den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen über die Rückbesinnung auf die große Kultur der europäischen Literatur und Philosophie und die gemeinsamen Werte des Christentums.

Die Immoralisten – der Name kommt ja bekanntermaßen von Nietzsche und bezeichnet bei ihm die Zerschlagung des traditionellen Wertesystems – machen nun auf Christentum und moralische Rückbesinnung? „Immoralistisch“ heißt für uns vor allem, dass Theater alle Themen diskutieren darf und nur den Regeln der Kunst gehorcht. Was uns antreibt den „Jedermann“ zu entstauben und ganz anders als in Salzburg zu zeigen ist zuallererst Rebellionsgeist: Ein großes Werk der Theatergeschichte von einem Autor, der gerade heute in Zeiten von Bildungsarmut und spiritueller Sinnsuche etwas zu sagen hat, verkommt auf dem Theater zum kommerziellen Großspektakel. Das war sicherlich das letzte was Hofmannsthal wollte. Gerade der „Jedermann“ entstand ja aus der Beschäftigung des Autors mit dem allumfassenden System der Modernen, dem Kapitalismus. Wie weit die Deformation von Profit, Konsum und reinem Materialismus auf die Seele des Menschen seit des Autors Zeiten fortgeschritten ist, wollen wir mit unserer Inszenierung zeigen.

Wir leben heute in einer Zeit des globalisierten Kapitalismus. Unüberschaubar ist das System geworden. Die Fäden laufen irgendwo bei den Superreichen zusammen. Die sitzen wahrscheinlich auch ab und an in Salzburg und lassen die Politiker ansonsten „am Schnürl tanzen“, wie Hofmannsthal seinen Mammon – die Verkörperung des Geldes – im Stück sagen lässt. Die Deformationen des System kriegen wir, das Volk, an Leib und Seele zu spüren. Mag man in den 60er und 70er Jahren noch darunter gelitten haben und mit Adorno und Erich Fromm über die Auswirkungen des Kapitalismus auf die Gesellschaft und die Psyche reflektiert haben, ist das Leiden nun in einen ununterbrochenen Traum aus Konsum und absoluter Mobilität übergegangen. Und zwischen dem Kauf eines neuen SUV, dem spirituellen Meditationsseminar und der Urlaubsplanung mit Nachhaltigkeitsgarantie sind uns die großen Fragestellungen abhanden gekommen. Eine Verrohung, Verdummung und Banalisierung des Lebens ist zu beobachten, wie es schon Hofmannsthal getan hat. Der Rapper Kollegah – Vorbild für unseren Jedermann – dichtet:

„Kuck mich an, ich glänze durch Gangsterarroganz,
Lenke den Benz die Straße lang, in dunkelgrauen Nächten.
Mein Dick ist wie Jesus – dafür bekannt in Jungfrauen zu stecken /
Ich bin von Grund auf der Beste, stapel meine Luxusgüter
Schlage bei der Schutzgeldübergabe kleine Musterschüler
Und sie büffeln fleißig, züchten eifrig Bonsaibäume
Und schicken Küßchensmilies an ihre Onlinefreunde.“

Hugo von Hofmannsthal und Die Immoralisten züchten weiter ihre Bonsaibäume und stellen sich den Fragen der Zeit. Darunter machen wir es nicht. Gute Unterhaltung!

(Manuel Kreitmeier)

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Brief an Virginia Woolf

Liebe Virginia,

neulich hatte ich ein spannendes Gespräch mit einer Freundin, die versuchte einen Deiner Romane zu lesen. Sie erzählte mir, sie hätte ihn irgendwann einfach wutentbrannt weggelegt, weil sie nichts verstanden hätte und zu dumm dafür sei. Ich habe lange darüber nachgedacht. Eigentlich schreibst Du in Deinen Büchern nichts, was es zu verstehen gibt – eigentlich passiert kaum etwas. Es ist die Art, wie Du die Welt betrachtest. Du nimmst alles gleichzeitig wahr. Du filterst nicht zwischen wichtig und unwichtig. Bei Dir ist alles gleichbedeutend, denn alles spricht in einem Moment in derselben Lautstärke zu Dir. Eigentlich müsstest Du die Eindrücke allesamt übereinanderschreiben – auf dieselbe Stelle. Aber dann würde alles schwarz werden, und man würde kein Wort mehr lesen können. Daher musst Du die Bilder nacheinander setzen und an manchen Momenten immer wieder von vorne beginnen. Die Sinneseindrücke verschmelzen mit den Gedanken zu Assoziationsketten, und es ist manchmal nicht mehr zu trennen zwischen dem was war, was gerade ist oder was vielleicht passieren wird. Daher darf sich also äußerlich nicht viel ereignen, sonst wäre kein Platz für das, worüber Du eigentlich schreiben willst. Es geht um nichts und alles.

In Deiner Mrs Dalloway erzählst Du von Clarissa, einer gutsituierten Frau Anfang 50, die abends eine Gartenparty geben, und Menschen wiedersehen wird, mit denen sie seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr hatte, die ihr aber in ihrer Jugend alles waren – die großen ersten Lieben, die ewig sind. An einer anderen Stelle Deines Londons hat der junge Septimus aufgrund seiner traumatisierenden Kriegserfahrungen jeglichen Sinn zum Weiterleben verloren.  Zwischen diesen zwei Menschen baust Du eine Verbindung auf, die es eigentlich nicht gibt, denn sie werden sich nie kennenlernen. Sie sind zufällig am selben Ort zur selben Zeit und verbunden über ein Flugzeug, das Werbung auf den Himmel sprüht. Clarissa wird das Flugzeug nicht einmal sehen – sie bekommt nur erzählt davon. Aber trotzdem werden Clarissa und Septimus zum Spiegel füreinander. Weil alles miteinander in Verbindung steht. Weil Menschen zwar wie Pilze getrennt nebeneinander wachsen, aber durch ein unsichtbares Netzwerk unterirdisch miteinander verbunden sind.

Aus Deinem Buch ein Theaterstück zu machen, bedeutete für mich, es für die Bühne neu zu schreiben. Du warst immer eine Autorin des Jetzt. Deine Bücher spielen in der Gegenwart und regieren direkt auf die Menschen und Ereignisse Deiner Zeit. Daher muss auch dieses Stück im Jetzt spielen. Bei Dir gibt uns der Schlag des Big Ben die Orientierung, so dass wir wiederfinden, wenn wir uns zwischendurch verirrt haben. Es ist der Herzschlag Londons, des verborgenden Hauptdarstellers. Doch London pulst schneller und lauter – wie die Welt. „Mind the Gap“ macht jetzt den Beat. Aus dem Tag in London wurde eine Minute. Was mich umtreibt, ist die Frage, wie der Mensch auf die Geschwindigkeit und den Lärm in unserer Welt reagiert. Alle Figuren des Stücks finden dafür andere Lösungen. Und trotzdem teilen wir alle die elementaren Grunderfahrungen. Wir lieben, wir haben Angst, wir erinnern uns, wir denken an morgen, wir leben unser Leben und atmen bis wir damit aufhören und uns transformieren. Das hat Dich immer fasziniert– der Übergang! Und dieser war gleichzeig Deine Nemesis. Der Mensch geht aus der Welt hervor. Er ist Teil der Natur und vollkommen kreatürlich – Menschen wachsen zusammen auf, umkreisen sich, sind sich nah, entfernen sich, gehen auseinander – bilden ein neues System – kreisen um eine Sonne, kreisen um einen Planeten – sind ein Mond oder werden selbst zur Sonne: Es ist im Grunde gleich, denn alles ist Teil von etwas Größerem.

Du hast das irgendwann nicht mehr ertragen. Es war Dir zuviel. Heute gibt es Medikamente, die Dir hätten helfen können. Aber im Grunde spielt das keine Rolle. Denn Du hast Dein Leben diesem Ringen mit Dir und der Welt gewidmet. Von Dir habe ich gelernt, dass man alles von sich riskieren muss, wenn man schreibt.

Thank you! and take care, wherever you are …
Yours, Florian

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Theater- Workshop

Theater macht Spaß !

Der wöchentliche Theater- Workshop richtet sich an alle, die ihr schauspielerisches Handwerkzeug erweitern, üben oder einfach in die Schauspielerei hineinschnuppern möchten. Mittlerweile hat sich eine regelmäßige Gruppe gebildet, die ihr erstes Bühnenprojekt 2015 mit “Mensch oder Schwein?” vorgestellt hat. Vier weitere Projekte folgten mit „Don Perlimplin liebt in seinem Garten Belisa“ von Garcia Lorca, „Hexenjagd in Amerika“, „Nachtgeflüster“ und „Der letzte Sommer“. Anmeldungen können per Mail an uns geschickt werden.

Kursleitung: Manuel Kreitmeier, Chris Meiser

Montag, 19-21.00 im Theater der Immoralisten.

Teilnehmergebühr: 60 / 40 Euro monatl.
Anmeldung unter info@immoralisten.de

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Narzissmus als Lebensprinzip

Narzissmus als Lebensprinzip

Rigorose Selbstverwirklichung sei das einzig erstrebenswerte Ziel des Lebens, predigt Lord Henry Wotton, Oscar Wildes scheinbares Alter Ego in seinem einzigen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. Und er fügt hinzu: „Der Tod, der Verfall dauern endlos. Die Jugend, die herrliche Jugend nur so kurze Zeit. Leben Sie jetzt. In vollen Zügen. Sie haben alle Möglichkeiten dazu. Carpe diem!“ Dorian Gray, der schöne, unbedarfte Jüngling ist berauscht von den Worten des Älteren und sofort bereit dessen Wahlspruch zu folgen. Was dann kommt ist ein Leben außer Rand und Band. Ein Leben auf der Überholspur, bei dem sich Genuss an Genuss reiht und am Ende nur Leere und Zerstörung übrig bleibt.

Oscar Wildes Roman von 1891 ist es wert neu durchdacht zu werden, leben wir doch selbst in einer Zeit des rigorosen Narzissmus, der Egomanie auf Kosten des sozialen Zusammenhalts. Vergessen wir nicht, dass die Ausschweifungen der Upperclass damals mit ihrer prüden, doch bereits ausgehöhlten Sexualmoral und die Whitechapelmorde eines Jack the Ripper, die zwei Seiten derselben Medaille sind – Spiegel eines Landes, das sozial und moralisch zutiefst zerrissen war, das geprägt war von Kolonialismus und rigoroser Selbstentfaltung. Oscar Wilde ist der exemplarische Protagonist seiner Zeit. Sein Leben und Denken schwankt zwischen Exzess und Katholizismus, Nihilismus und Empathie. Wohl wenige Leben sind so widersprüchlich: Er war Dandy, Gesellschaftslöwe, Sozialist, Katholik, Familienvater und Homosexueller Auf dem Gipfel seines Ruhms hatte er die Deutungshoheit in England in Sachen Mode, Literatur und Lebensart. Er war der meistgespielte Theaterautor seiner Zeit. Am Ende seines Lebens war er ein verurteilter Straftäter und Verbannter.

„Das Bildnis des Dorian Gray“ ist Ausdruck dieses Lebens, öffentliches Outing und schonungslose Selbstoffenbarung zugleich. Und natürlich birgt der Roman dieselben Widersprüche wie Wildes Leben. Er ist Bibel des Ästhetizismus und dessen eigene Kritik. Er ist voll vergifteter Theorien und zugleich hoch moralisch. Eine Dramatisierung bietet sich geradezu an – der Roman ist voll herrlich ironischer Dialoge – und doch bleibt er für einen heutigen Leser stark zeitverhaftet und seine Wirkung weit hinter der Schlagkraft, die er bei seiner Erstveröffentlichung hatte, zurück. In einer Dramatisierung muss es also um eine Neuschaffung und einen Transfer zur Gegenwart gehen. Als Autor ging es mir darum, die Dialoge des Romans nicht einfach zu übernehmen, sondern sie neu zu gestalten auf Grundlage der Gedanken und der Dramaturgie des Originals. Das Buch und auch das Stück sind wie ein Labyrinth, in dem sich die Figuren verlaufen haben. Sie halten sich allesamt für Auserwählte, grenzen sich ab von der Gesellschaft und den von ihnen verachteten gewöhnlichen Menschen. Sie frönen unverhohlen ihrem eigenen Narzissmus, dem wir auch heute in mannigfacher Weise begegnen. Seien es die Terroristen, die sich anmaßen Gott zu spielen, seien es Staatsmänner wie Donald Trump, die einen verqueren Egofaschismus predigen, seien es wir selbst, die der Welt unsere Facebookposts und unsere Instagramfotos zumuten zu müssen meinen, als wollten wir in der globalisierten Ödnis rufen: Seht her, wir sind Versinkende, aber wir versinken schöner und besser als alle anderen!

Wo Oscar Wilde und seine Figuren noch Zerrissene sind zwischen der Anbetung ihrer eigenen Fetischobjekte und einem zutiefst verwurzelten Gefühl von Schuld und Vergebung, sind wir Heutigen beinah gänzlich befreit von Letzterem. Wir sind aufgeklärte Menschen, wir verachten die bürgerliche Moral und misstrauen den Erklärungsansätzen der Religion. Wir glauben uns rundum informiert und mitspracheberechtigt. Wir halten unsere Meinung für relevant, sind aktiv im Leben und leistungsstark in der Gesellschaft. Doch darunter ist die Leere, die Depression. Unserer Erklärungsansätze sind selbstbezogen, da sie letztlich nur uns selbst und die eigene Illusion von Wichtigkeit zum Zentrum haben. Am Ende der Illusion vom narzisstischen Größenwahn steht aber nicht die ewige Jugend und der vollkommene Genuss, sondern ein Abscheu erregendes Bildnis und ein Leben voll Leere und Sinnlosigkeit. Wo das eigene Selbst alleiniges Zentrum des Lebens ist, kann nichts Wertvolles entstehen. Ja, es ist wert Oscar Wildes Roman neu zu durchdenken.

(Manuel Kreitmeier)

 

 

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Paradies & Hölle

Ein Stück über Lenins Zugfahrt von Zürich nach Petrograd zu schreiben, war unsere Ursprungsidee. Da sitzt ein Mann fernab der Heimat im Exil, mehrfach verbannt und eingesperrt, quasi zickzackförmig durch den Kontinent gereist, mit nur einer Idee im Kopf: die sozialistische Revolution. Das Deutsche Kaiserreich unterstützt die subversiven Umtriebe im Feindesland mit Millionen von Reichsmark, um den Gegner zu destabilisieren und so eine der lästigen Kriegsfronten loszuwerden, gestattet Lenin sowie einer Gruppe ausgewählter Exilrevolutionäre die Durchreise. Mit der Abfahrt des Zuges wird der Abzug gespannt, das Projektil rast über den Kontinent und trifft mitten ins Herz des Feindes. Soweit die Legende und soweit, so gut. Doch ist diese Zugfahrt lediglich ein Mosaiksteinchen in der Geschichte der Russischen Revolution, die eigentlich eine Folge mehrerer Revolutionen bzw. Aufstände ist. Denn die Revolution kam in Schüben. Je weiter wir recherchierten, umso klarer wurde uns, dass die wahrhaft interessante Geschichte unseres Stückes eine andere ist.

Uns geht es in dieser Arbeit nicht wie einem Historiker um die möglichst objektive Schilderung geschichtlicher Ereignisse. Als Künstler lesen wir die Geschichte subjektiv und suchen nach Mechanismen, die uns als Menschen der Gegenwart Erkenntnis über uns selbst geben können. Auf dem Spielfeld der Geschichte agieren die großen Spieler. Sie sind, durch den Strom der Zeit abgeschliffen, zu Ikonen geworden und stehen mehr für bestimmte Sachverhalte oder Prinzipien, als dass wir uns an ihre persönlichen Schicksale erinnern. Der Autor Wolfgang Hildesheimer bemerkte einmal, dass das Theater selbst bei größter Anstrengung nie so absurd sein könne, wie die Wirklichkeit. So zeigen wir unser Sujet im Gewand einer Farce – mit all ihren absurden Kleinigkeiten, auf die wir bei der Recherche gestoßen sind, und die wir als Details zur Charakterisierung unserer Protagonisten und deren Handlungen ins Spiel aufgenommen haben. Und weil wir die Ereignisschübe in Runden übertragen haben, hat jede Runde auch ihren thematischen Schwerpunkt und ihr Personal. Gleich einem russischen Roulette, wird nach jeder Runde das schwächste Glied einfach beseitigt, und ein neuer Spieler gibt den Ereignissen einen neuen Impuls.

Das ist die Ausgangslage im Februar 1917: Russland hat im Krieg schwere Verluste erlitten. Es gibt kaum noch Nahrungsmittel, selbst Mehl für Brot ist kaum noch da. Zar Nikolaus II. ist so unpopulär wie nie, und das will etwas heißen. Er hat die Zarenkrone nie gewollt und flüchtet sich ins Privatleben mit seiner geliebten Familie, gibt sich aber nach außen hin aus Prinzip erneut zaristisch brutal, hart und unnachgiebig. Den Aufstand 1905, in dem tausende von Arbeitern friedlich vor das Winterpalais gezogen waren, um ihm eine Petition zu überreichen, in der sie kürzere Arbeitszeiten, eine Verfassung und freie Wahlen forderten, hat er brutal niederschlagen lassen. Zwar musste er schließlich nachgeben und das Parlament – die Duma – wurde 1906 erstmal einberufen, doch hat das neue, demokratische Staatsorgan kaum Befugnisse und geht am Gängelband des Zaren. Als am Weltfrauentag 1917 die Textilarbeiterinnen der Wyborger Vorstadt Petrograds streiken, wächst der Aufstand spontan zu einer Massendemonstration an. Bis zum Spätnachmittag sind  es etwa 100.000 Menschen, die sich nicht von gesperrten Brücken abhalten lassen, sondern einfach über die zugefrorene Newja marschieren. In den nächsten Tagen weitet sich der Aufstand aus. Es werden Hunderttausende. Die Abgeordneten der Duma versuchen, den Zaren zum Einlenken zu bewegen – es ist vor allem die Hungersnot, die die Menschen verzweifeln lässt. Der Zar befiehlt erneut die gewaltsame Niederschlagung der Unruhen, es gibt mehrere Tote – ein erneuter Blutsonntag, wie schon 1905. Immer mehr Soldaten weigern sich, gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen, und schlagen sich auf die Seite der Rebellen. Gefängnisse werden gestürmt, Geschäfte und Paläste geplündert: ein anarchischer Zustand, den keiner mehr überblicken kann. Die liberale Fraktion der Duma, angeführt von Pawel Miljukow, versucht der Krise auf diplomatischem Weg Herr zu werden. Im Taurischen Palast sind hunderte von linken Aktivisten, Arbeiter und Soldaten eingezogen, die in einem Nebenzimmer einen Soldatenrat – einen „Sowjet“ – abhalten. Am Abend dieses unüberschaubaren Tages, dem 27. Februar 1917, erklären die in der Duma verblieben zaristischen Minister ihren Rücktritt. Damit ist Russland führerlos. Die Befehle des Zaren gelten nichts mehr, und weder die Duma noch der Arbeiter- und Soldatenrat haben offizielle Regierungsbefugnisse. Miljukow beruft wenige Tage später eine provisorische Regierung auf Zeit, die von den Sowjets unter Vorbehalt geduldet wird. Bis zur Wahl will die neue Regierung versuchen, die Staatsgeschäfte zu ordnen und so dem Parlamentarismus den Weg zu ebnen. Am 8. März dankt der Zar ab und wird in Arrest genommen.

Die Wochen nach den Unruhen tragen die aufkeimende Hoffnung auf Besserung in sich. Allem voran steht der Wunsch der Menschen auf ein Ende des Krieges und eine Normalisierung der Verhältnisse, vor allem ein Ende der immer noch andauernden Hungersnot. Doch ein Ende des Krieges hieße, die Bündnisse mit den Alliierten aufzukündigen, schwere Gebietsverluste hinzunehmen und ohne jegliche Hoffnung auf Unterstützung auf sich allein gestellt zu sein. Vielleicht liegt darin der Schlüssel für die handschriftliche Notiz, die Außenminister Miljukow unter die offizielle Friedenserklärung der Regierung kritzelt, frei nach dem Motto: „Alles was sie so eben gelesen haben, hat keinerlei Gültigkeit.“ Miljukows Note wird Publik und nach öffentlichen Protesten muss der Minister zurücktreten. Auf ihn folgt der smarte Anwalt und Sozialrevolutionär Alexander F. Kerenski, der als erster und einziger Vertreter aus dem Lager der Sowjets bereit ist, Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Am 27. März besteigt Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich Lenin nennt, den Zug in Zürich. Er hatte nicht mehr auf eine Revolution zu hoffen gewagt. Doch für ihn ist klar, dass die Unruhen im Februar lediglich der Auftakt zu einer viel größeren Revolution sind. Die These von Marx leuchtet ihm völlig ein: Nach der Zerschlagung des Monarchismus und der Aristokratie als oberster Klasse, wird die Macht erst dann nach unten zu den einfachen Arbeitern, dem Proletariat, durchsickern, wenn auch die Macht der Bürgerlichen – der Bourgeoisie – zerschlagen wird. Natürlich lehnt er jegliche Unterstützung der neuen provisorischen Regierung ab. Für ihn ist die einzig logische Konsequenz ein Bürgerkrieg in Europa. Der bürgerlichen Revolution muss eine sozialistische folgen! Einen Tag nach seiner Ankunft in Petrograd verkündet er in einer Versammlung der Linken seine Thesen: Keine parlamentarische Demokratie, keine Republik nach westlichem Vorbild, dafür den Beginn einer sozialistischen Revolution. Die Genossen halten ihn für übergeschnappt. Wie soll ein Land, das aufgrund seiner rückständigen wirtschaftlichen Entwicklung noch nicht einmal ansatzweise in eine industrielle Phase eingetreten ist, plötzlich in einen spätkapitalistischen Zustand katapultiert werden, aus dessen Ende sich konsequenterweise dann der Kommunismus – die Gleichheit und freie Entfaltung aller Menschen – entwickelt? Dass Lenin mit seinen Aprilthesen durchkommt, mag der Sehnsucht nach klaren, wirkungsmächtigen Parolen geschuldet sein. Doch ist dies eine von mehreren Verrücktheiten, die Lenins Weg durch die Revolution begleiten werden.

Währenddessen ist Außen- und Kriegsminister Kerenski im Zwiespalt. In der Realpolitik angekommen, zögert auch er vor den unkalkulierbaren Folgen eines Friedens. Er wagt einen kühnen Sprung nach vorne. In einer aggressiven Sommeroffensive will er den Feind so weit zurückschlagen, dass Russland wieder Luft zum Atmen bekommt und sich so eine bessere Verhandlungsposition verschafft. Der Beginn der Juni-Offensive verläuft erfolgreich, der Feind wird schwer getroffen. Doch wenige Tage später schlagen die gegnerischen Truppen verheerend zurück. Es werden über 40.000 tote Soldaten gemeldet. Der Plan ist nach hinten losgegangen und Kerenski sieht sich nun in der bizarren Lage, diesmal selbst auf die Aufständischen in der Hauptstadt schießen zu müssen. Der Aufstand wird niedergeschlagen – es gibt niemand, der ihn organisiert und anführt. Selbst Lenin nicht. Mag sein, er ist erneut gesundheitlich angegriffen und erschöpft, mag sein, er hält die Zeit noch nicht reif genug für die Revolution. Wie auch immer, die Welle der Revolution verebbt und es kehrt so etwas wie Resignation und Apathie in der Hauptstadt ein.

Kerenski ist inzwischen Premier der geschwächten provisorischen Regierung geworden und sieht sich zunehmend zerrieben zwischen den Interessen der Rechten, die sich nach Zucht und Ordnung sehnen, dem Großkapital, das seine Fälle davonschwimmen sieht und endlich wieder klare Geschäftsgrundlagen möchte, und den diversen linken Gruppierungen, denen er doch eigentlich entstammt und zu deren Idealen er sich einst bekannt hatte. Druck bekommt er von General Kornilow, der in der Sommeroffensive erfolgreich gegen den Feind zu Felde gezogen ist. Am liebsten würde der General mit seinem Heer in die Stadt marschieren und ein für alle Mal für Ruhe und Ordnung sorgen. Doch Kerenski hält ihn im Zaum. Es kommt Ende August zu einer Machtprobe, deren Hintergründe bis heute uneindeutig bleiben, weil sich hier die Quellen und Schilderungen der Ereignisse diametral entgegenstehen. (Kerenski selbst, korrigierte sich im Laufe seines 89jähirgen Lebens in diesem Punkt mehrfach). Ein Abgeordneter der Duma überbringt Kornilow – eigenmächtig oder in Kerenskis Auftrag? – die Nachricht, Kerenski sei bereit, alle Macht auf ihn zu übertragen und einer Militärdiktatur zustimmen. Kornilow ist höchst erfreut und stellt der Regierung ein Ultimatum. Kerenski wiederum gibt sich entrüstet über die Drohungen des Generals und versetzt die Stadt in Aufruhr. Die rechten Truppen versuchen die Hauptstadt zu stürmen und schüren Angst vor einer unmittelbar bevorstehenden deutschen Invasion. Die Arbeiter und die Zivilbevölkerung der Stadt setzen sich zur Wehr. Kerenski lässt alle Arbeiter bewaffnen auch die Bolschewiki. Kornilows Revolte endet erfolglos, Kerenski Regierungszeit ist offensichtlich eine auf Abruf.

Lenins Bolschewiki, einst eine radikale Splittergruppe der Linken, sind die Gewinner der Stunde. Sie gewinnen immer mehr an Zulauf. Mitte Oktober ist die Partei auf mehr als 200.000 Mitglieder angewachsen. Kerenski ist noch immer damit beschäftigt, die rechten Kräfte zu bändigen. Er gibt den Befehl, die näher rückenden Truppen an die Front zu verlegen. Doch die Soldaten verweigern den Befehl. Sie haben den Krieg satt! Der charismatische und rhetorische brillante Lew D. Trotzki installiert ein „Militärisches Revolutionskomitee“ im Sowjet und legt den „Schutz der revolutionären Ordnung vor konterrevolutionären Angriffen“ in deren Hände. Damit hat Trotzki auf raffinierte Weise die revolutionäre Regierung Kerenskis als „konterrevolutionär“ (also der Revolution entgegengerichtet) umgedeutet und überredet die Soldaten zum Aufstand. Er installiert seine Männer an allen zentralen Schlüsselpositionen und lässt die Regierungsgebäude stürmen. Am 25. Oktober kontrollieren die Bolschewiki die Stadt. Lenin erklärt eine neue Regierung, den Rat der Volkskommissare – einen Ausdruck, den er der so bewunderten Französischen Revolution entlehnt. Kerenski gelingt im letzten Moment die Flucht aus der Hauptstadt.

In den folgenden Jahren werden die Bolschewiki unter Lenins Führung das Land vollkommen umgestalten. Der Phase der sozialistischen Revolution folgt die Diktatur des Proletariats. Ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, in dem die letzten Reste der alten Ordnung beseitig werden, damit ein geklärter, reiner Zustand der Gleichheit einkehren kann. Die Mittel hierzu sind schmerzhaft, aber notwendig. Lenin versucht immer wieder korrigierend einzugreifen und bessert seine Thesen nach. Der Totalitarismus aber ist schon längst an der Tagesordnung. Die Geheimpolizei Tscheka verbreitet Angst und Schrecken, Konterrevolutionäre jeglicher Couleur werden „gesäubert“, Gulags zur Umerziehung falscher Denkmuster installiert. Aus der Gleichheit aller ist die Diktatur durch die einzige und eine Partei geworden, die naturgesetzmäßig die Gleichheit aller vertritt und deren Repräsentanten eine Clique scheinbar besonders Befähigter ist.

Lenin treffen 1922 mehrere Schlaganfälle. Er sitzt nunmehr hilflos im Rollstuhl und diktiert mit letztem Willen über Zeichen seine Instruktionen. Sein Nachfolger bringt sich bereits in Stellung: Genosse Stalin – ein Mann, mit dem niemand gerechnet hat – bringt sukzessive seine Männer in Position und wartet auf die Machtübernahme. Als Lenin 1924 stirbt ist er bereit. Er nennt Trotzki den falschen Termin zu Lenins Beerdigung und verliest am Grab ein gefälschtes Testament, das ihn zu Lenins legitimen Nachfolger macht.
Wichtige Quellen:

  • Meridale, Cathrine: „Lenins Zug – Reise in die Revolution“, S. Fischer, 2017.
  • Deutsches Historische Museum und Schweizerisches Nationalmuseum (Hrsg.): „1917 Revolution – Russland und die Folgen“ , Sandstein Verlag, 2017.
  • Ruge, Wolfgang: „Lenin. Vorgänger Stalins. Eine politische Biografie.“, Matthes & Seitz Berlin, 2010.
  • Lenin, Wladimir Iljitsch: „Vom Februar zum Oktober. Texte über die Russische Revolution.“, Manifest Verlag, 2017.
  • Wunderer, Hartmann (Hrsg.): „Die russische Revolution“, Reclam 2014.
  • Hellman, Manfred: „Die russische Revolution 2017. Von der Abdankung des Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki“, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1964.
  • GEO Epoche: „Die russische Revolution“, Gruner & Jahr, 2017.
  • „Die Kerenski -Memoiren. Russland und der Wendepunkt der Geschichte.“, Paul Zsolnay Verlag, 1966.
  • Trotzki, Leo: „Mein Leben. Versuch einer Autobiografie.“, S. Fischer Verlag, 1930.
  • Trotzki, Leo: „Geschichte der russischen Revolution“, S. Fischer Verlag, 1967.
  • Weber, Hermann: „Lenin. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten.“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1970.
  • Munch, Jorgen Larsen: „The Kornilow Revolt. A Critical Examination of Sources and Research.”, Aarhus University Press, 1987.
  • “Good-bye, Vladimir Iljitisch Uljanow, genannt Lenin.”, ARTE, 2017.
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Gut und Böse – so einfach !?

So einfach ist das jetzt wieder: Gut und Böse, schwarz und weiß. Einfaches Denken ist en vogue. Die Welt ist komplex und unübersichtlich geworden. Der Mensch sehnt sich nach Orientierung, nach einer klaren Standortbestimmung. Die Lösung liegt auf der Hand: Zurück zu den guten, alten Werten, der vermeintlichen Übersichtlichkeit des Nationalistischen. Zurück zur geistigen Kleinstadtidylle im Globalisierungszeitalter. Ist dies der Weg in die Zukunft? Blicken wir zurück!

Ein Dorf an der Oder. 1832. Tiefstes Biedermeier. Eine Welt wie von Carl Spitzweg gemalt. Tschechin – den Namen hat der Autor erfunden – eine typische deutsche Kleinstadt der Zeit: Eine Mühle, eine Kirche, ein Wirtshaus. Soweit, so einfach. Das Volk: Fleißig, gemütlich, protestantisch. Jeder kennt jeden und jeder hasst das Fremde. Verkörpert hier in Person der Gastwirtsfrau, einer Zugezogenen. Denn die verengte Perspektive des Kleinstädtischen lenkt die Aufmerksamkeit umso mehr auf das, was nicht dazu gehört. Nationalismus lebt von der Abgrenzung. Das sind wir, das die anderen. Alle negativen Attribute werden ausgelagert, übertragen auf andere. Die Bösen sind beliebig austauschbar. Jedenfalls werden Grenzen gezogen unter dem Motto der Selbsterhaltung, der Heimat, der bedrohten guten, alten Werte. Doch im heimelich Biederen liegt auch der Schrecken. Das wissen wir aus Erfahrung. War nicht auch Hitler und sein Gefolge ein Haufen zutiefst biederer Massenmörder? Blümchensofas auf dem Berghof, nachmittägliche Spaziergänge zum Mooslahnerkopf mit anschließendem Kaffeekränzchen. Das bieder Anständige ist nur die eine Seite der Medaille. Mord und Totschlag die andere. Hinter der Idylle lauert der Abgrund. Und so ist auch in diesem exemplarischen Dorf Tschechin aus Fontanes Novelle das Gemütliche und das Schreckliche eng miteinander verbunden. In mehrfacher Hinsicht. Und die Werteordnung alles andere als einfach, auch wenn vom Pastor des Dorfes Anderes suggeriert wird. Fontanes Ironie überall.

Der berühmte Satz des Dichters aus „Effi Briest“ lautet „Das ist ein zu weites Feld“ und könnte als Motto über allen Werken Fontanes, ja stellvertretend für sein gesamtes Denken mit all seinen Widersprüchen stehen. Liberaler oder Reaktionär? Bismarckkritiker und -bewunderer? Preußendichter oder Preußenkritiker? Der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder hat Fontane diesen Mangel an klarer Position vorgeworfen. Dieser Dichter hatte wahrhaft nicht das Zeug zum Revolutionär. Er war von seiner ganzen Art her das Gegenteil eines ideologisch denkenden Menschen, er war ein Humanist. Selbst die scheinbaren Bösewichte in Fontanes Werk sind noch mit den schattierten Farben des Verständnisses gemalt. Fontanes Protagonisten sind Täter und Opfer, aber immer beides. Und immer sind sie vor allem eines: Menschen. Menschen mit ihren Schwächen und Fähigkeiten und ihrer gesellschaftlichen Determinierung. Nicht anders Abel Hradscheck, der Kaufmann, Gastwirt und Mörder aus der 1885 erschienenen Novelle „Unterm Birnbaum“. Abels Dämon: Großmannssucht. Egomanie, Völlerei. Ein Spaßmacher und Witzeerzähler. Ein Trinker und Spieler. Und ein eiskalter Mörder aus Hinterlist. Ein Manipulator, und dennoch ein Opfer seiner eigenen Psyche und der fortgesetzten Demütigung durch die reichen Bauern des Ortes. Keiner will Abel Hradscheck hochkommen sehn. Seine Wirtschaft darf er betreiben, ja. Die Bauern an Status überholen, nein. „Unterm Birnbaum“ geschrieben in der Blüte der Industrialisierung ist auch eine Analyse des Kapitalismus und seinen Deformationen der Psyche des einzelnen und der Gesellschaft als Ganzes.

Überhaupt geht alles in diesem Dorf um Besitz und Geld. Ursel Hradscheck, zutiefst unglücklich als Außenseiterin, will wenigstens so leben, wie sie sich selbst eine Kaufmannsfrau vorstellt. Dieses Leben im Äußerlichen – Möbel, Kleidung, Statussymbole, hat  den Preis der Verschuldung. Und so lautet einer der zentralen Sätze der Novelle: „Nur nicht arm sein. Armut ist das Schlimmste, schlimmer als der Tod.“ Dies denkt nicht nur Ursel Hradscheck, dies denken Tausende Flüchtlinge aus Afrika. Und die anderen, die Gutsituierten, die Nationalisten, die Herren dieser Welt? Abschottung. Wir wollen unseren Status nicht verlieren. Das Blümchensofa, die schöne, heile, einfache, biedere Welt von Gestern.

(Manuel Kreitmeier)

 

 

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DAS PHÄNOMEN

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Solche Aussagen des deutschen Innenministers lassen hellhörig werden. Schon einmal hat man ähnliche Worte vernommen. In Arthur Schnitzlers 1912 geschriebenem Stück „Professor Bernhardi“ kommen sie gleich mehrfach vor. Da sagt einer der Ärzte: „Wir leben nun einmal in einem christlichen Staat, Herr Professor“. Und Minister Flint sieht ganz klar die „Verbindung von christlicher Wissenschaft und Medizin“. In einer Interpellation im Parlament stellt die klerikale Partei dann sogar die Forderung, Professor Bernhardi wegen Religionsstörung anzuklagen, und „künftighin bei der Besetzung öffentlicher Stellen ein für allemal von Persönlichkeiten abzusehen, die durch Herkunft und Charaktereigenschaften nicht in der Lage sind den angestammten Gefühlen der christlichen Bevölkerung das nötige Verständnis entgegenzubringen.“

Der Einzelfall wird zum Paradebeispiel. Ein „Wir haben es doch gewusst“ raunt es hinter vorgehalter Hand. Verbindungen werden gezogen zwischen Rasse und Charakter. Die Wölfe lauern und lechzen nach Blut. Ihr Hunger auf Menschenfleisch ist ungebrochen. Sie warten auch heute wieder darauf, das etwas geschieht – ein Terroranschlag, eine Vergewaltigung, ein Mord – etwas, das die bereits vorhandenen Vorurteile bestätigt und endlich als Argument dienen kann, den gewünschten restriktiven Maßnahmen einen pseudolegitimen Anstrich zu verpassen. Denn Rassismus ist etwas tief Verankertes im Menschen. Etwas, das aus Urzeiten stammt, aus einer archaischen Zeit, in welcher der Mensch den Menschen noch nicht als Bruder erkannt hat. Aus den Zeiten von Kain und Abel. Rassismus ist ein irrationales Gelübte aus Dummheit und Hass, geboren aus dem Minderwertigkeitsgefühl des Verlierers, des Zukurzgekommenen.  Im Kern hat er immer etwas Wildes, Unbeherrschtes. Erst staatlich verankerter Rassismus kann mit Ordnung und Legitimation einhergehen, kann Eisenbahnwägen rollen lassen im Namen der Volksreinheit. Zuerst aber wächst dieser Rassismus wie ein Krebs in uns. An den Rändern der Gesellschaft. In den Vorstädten. In den Winkeln, den Windungen des Unterbewussten. Er ist lange da, bevor er ausbricht und die ersten Symptome zeigt. Doch schon bald nagt er sich in den letzten Fleck des Lebendigen und verschlingt das Gesunde und Anständige mit seiner Vernichtungswut.

Auch Professor Bernhardi, einst angesehener und verdienter Direktor einer Privatklinik, wird suspendiert und zum Musterbeispiel eines Juden erklärt, der allein durch seine rassische Zugehörigkeit nicht in der Lage sein kann, die christlichen Patienten der Klinik angemessen zu behandeln. Religion wird vorgeschützt. Eigentlich geht es um Rassismus. Rassismus ist ein schleichendes Phänomen. Der Dichter und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hat darüber einmal ein Lied gemacht. Darin beschreibt er eindrücklich, wie aus Vorurteilen Stigmatisierungen werden, wie Ressentiments zu Hass und am Ende zu Pogromen führen:
„Nur weil kein Mensch derselbe ist / Und weiß und schwarz und gelbe ist / Wird er verbrannt ob Frau ob Mann / Und das fängt schon von klein auf an.“
Und nur eine Lösung kann es hiergegen geben: Der Bruder muss den Bruder zu verstehen suchen. Er muss im Anderen sich selbst erkennen. Liebe ist immer die Lösung. Humanismus ist immer die Lösung. Vorurteile und Hass niemals.

Und Hüsch dichtet zu Ende:

„Dann nehmt euch alle an die Hand / Und nehmt auch den der nicht erkannt / Dass früh schon in uns allen brennt / Das was man den Faschismus nennt. / Nur wenn wir eins sind überall / Dann gibt es keinen neuen Fall / Von Auschwitz bis nach Buchenwald / Und wer’s nicht spürt der merkt es bald. / Nur wenn wir in uns alle sehn / Besiegen wir das Phänomen. / Nur wenn wir alle in uns sind / Fliegt keine Asche mehr im Wind.“
(Text: Manuel Kreitmeier / Foto: tisento.de)

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Das sind die Immoralisten

Fünf Portraits über die Immoralisten auf Fudder.de

http://fudder.de/das-sind-die-immoralisten

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Der letzte Sommer

Später wird man sich immer an diesen Sommer erinnern…

Diesen wunderbaren Sommer 1914…

Der Sommer vor dem großen Krieg…

Der letzte Sommer !

Begleitend zu unserer aktuellen Produktion „1914- Countdown zum Krieg“ hat sich der Workshop der Immoralisten mit den Literaten der Belle Époque szenisch auseinandergesetzt. Diese Texte stellen auf scharfzüngige, witzige, kühle, visionäre und tief verstörende Art und Weise das Kaleidoskop einer widersprüchlichen Zeit dar.

Einer Zeit, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein jähes Ende fand.

Mit Gedichten und Szenen u.a. von Gerhard Hauptmann, Else Lasker- Schüler, Arthur Schnitzler, Karl Valentin und Frank Wedekind.

Es spielen: Jasper Brenner, Delia Denecke, Katrin von Döhren, Martina Formella, Meike Gasser, Erika Hotzen, Prisca Jackson, Yvonne Junghans, Michaela Noraron, Pia Ocklenburg, Annegret Rieckmann, Lukas Sellinger, Craig Stirling und Daniela Wölfel

Kursleitung/ Regie: Manuel Kreitmeier und Markus Schlüter
Assistenz: Sashana Haber
Fotos: Norbert Steinhöfel

Termine:

Sonntag, 26.11., 18h

Montag, 27.11., 20h

Mittwoch, 29.11., 20h

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Hotel Europa

Der Besuch des österreich-ungarischen Thronfolges Franz Ferdinand in Sarajevo stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Ausgerechnet den „Veitstag“ hatte man sich für die Fahrt durch die Stadt ausgesucht. An diesem Tag im Jahr 1389 wurde die serbische Armee auf dem Amselfeld von den Türken vernichtend geschlagen. Der 28. Juni 1914 ist also der 525. Jahrestag einer Demütigung. Gedemütigt fühlt sich ein Volk ohne Heimat, das verstreut auf dem Balkan lebt und sich der Regierung durch fremde Mächte beugen muss. Vor allem Österreich-Ungarn, das aus der Not eines Vielvölkerproblems die Tugend eines Vielvölkerstaats gemacht hat, und schon längst nicht mehr deren Bestandteile jonglieren kann. Überall bröckelt es. Das Reich wird zerfallen, fragt sich nur, wer die Kontrolle über die abfallenden Einzelteile bekommt.

Der Thronfolger Franz Ferdinand hat bereits Pläne, wie er den Serben zumindest etwas mehr Souveränität zugesteht. Sanktionen hatten nichts gebracht. Als die Österreicher den Serben den Hahn zudrehten, fand sich mit Frankreich sofort ein williger Kreditgeber. Die Russen wiederum begrüßen jegliche Emanzipation ihrer slawischen Brüder, die gerade als Fremde unter Fremden unter ihrem besonderen Schutz standen. Aber noch lebt der alte Kaiser Franz Joseph, längst ein Faktotum, Repräsentant einer goldenen Blütezeit der Walzerseligkeit und Zuckerbäckerei. Für die aktuelle Politik hat er nicht mehr viel übrig. Franz Ferdinand hingegen möchte ein Reformator sein, der das Kaiserreich in die Gegenwart führt, allerdings mag ihn kaum jemand – mal abgesehen vom deutschen Kaiser Wilhelm II., der ein guter Freund von ihm ist.

Das Attentat in Serbien ist zunächst eine lokalpolitische Tragödie. Serbische Separatisten der Untergrundorganisation „Schwarze Hand“, geführt von Dragutin Dimitrejević (genannt „Apis“ der Stier, nach einer altägyptischen Todesgottheit), haben den Anschlag Wochen im Voraus geplant. Unbemerkt sind Bomben und Pistolen über die bosnische Grenze geschmuggelt worden, und sieben junge Männer stehen bereit, wenn der offene Wagen mit dem Thronfolgerpaar die Hauptstraße in Sarajevo hinunterfährt.

Das ist der Auftakt: Ein absurdes Attentat, das in fast jeder Hinsicht auf absurdeste Weise misslingt. Und doch hat der Kosmos beschlossen, dass Franz Ferdinand und Sophie erschossen werden sollen, damit sich das Schicksalsrad der Welt in Gang setzen kann und alles umwälzt, was bis dahin bestehende Ordnung oder zumindest gerade noch so bestehende Ordnung ausmacht.

Doch ist Schicksal das richtige Wort? Hat Gavrilo Princip in Sarajevo wirklich den Startschuss zum Weltkrieg gesetzt?

Ja und nein. Ja, symbolisch irgendwie schon, denn Symbole sind Merksteine im Lauf der Zeit. Und nein: Dieser Krieg war in keiner Weise unvermeidlich und schicksalhaft vorherbestimmt. Er ist vielmehr das Ergebnis eines Wechselbads aus Zauderei und Aktionismus an allen wichtigen Entscheidungsorten. Wien verschläft die beherzte Revanche gegen Serbien, die alle außenstehenden Mächte toleriert hätten, weil sie aus Affekt und Ehrgefühl entsprungen wäre. Doch das Abwarten, Nichtstun, Aussitzen der Diplomaten einerseits, und der unbändige Kriegswunsch und Vergeltungsdrang einflussreicher Militärs andererseits, sind schwer miteinander vereinbar. Es ist, als würden alle in einem Wagen mit angezogener Handbremse Vollgas geben und sich dann erschrecken, wenn der Wagen beim Lösen der Bremse einen gewaltigen Satz nach vorne macht.

Wilhelm II., Kaiser des Deutschen Reichs von Gottesgnaden, ist ein großer Freund vom Vollgasgeben. Zumindest nach außen hin posaunt er gerne große Parolen von Stärke, liebt Protzprunk, Regatten, Aufmärsche – jegliche Arten der Potenzgeste, die sein angefressenes Ego aufplustern. Komplikationen bei der Geburt schädigten sein linkes Armnervgeflecht, ein ausgeprägter muskulärer Schiefhals zeichnet ihn so vom ersten Atemzug an. Er wird diese Behinderung immer zu verbergen suchen und kompensiert es mit dem Gebaren von Stärke. Er möchte gerne der sein, der sagt wo’s langgeht. Daher umgibt er sich mit mediokren Ratgebern, die im entscheidenden Moment immer nach seiner Pfeife tanzen. Die „absolute Bündnistreue“ zu Österreich, die er beim Lunch so nebenbei ausquatscht, und die als „Blankoscheck“ später in die Geschichte eingeht, ist einer der kriegsentscheidenden Faktoren. Bündnisse sind schnell geschlossen, aus mehr oder weniger Kalkül. Wenn sie greifen, sind sie wie eine tödliche Henkerschlinge. Wilhelm II. ist nicht der einzige, der paktiert. Nur paktiert er einseitig. Russland, das sich auf die Seite der Serben gestellt hat, ist mit Frankreich verbündet und zumindest offiziell mit den Engländern (wobei diese eher aus Furcht vorm russischen Einfluss in den kolonialen Brennpunkten die Nähe der ihnen eher fremden Nation suchen).

Deutschland liegt mitten in Europa. Reichskanzler Bismarck hatte unter Wilhelm I. stets die Gefahr eines Zweifrontenkriegs vorausgesehen und geschickte Bündnispolitik betrieben, um einen solchen zu verhindern. Lediglich Frankreich sollte isoliert bleiben, mit Erfolg. Doch Wilhelm II., hat all dies rückgängig gemacht und sich komplett auf das Bündnis mit Österreich-Ungarn konzentriert. Er hat keine Ahnung von Diplomatie und Bündnispolitik. Sein Vetter Nikolaus II. auch nicht.

Nikolaus ist ein Privatmann. Ein liebevoller Familienvater, der stets in Sorge um seinen bluterkranken Sohn Alexej ist. An Politik ist er nicht interessiert. Revolution wälzt die alten Strukturen um. Notgedrungen musste er 1905 einem allgemeinen Wahlrecht und damit einer konstitutionellen Monarchie zustimmen. Seine Autorität schwindet zunehmend. Der Rückzug ins Privatleben kommt ihm so nur gelegen.

Russland, Deutschland, Österreich – in diesen drei wichtigen Kaiserreichen spielen sich ähnliche Prozesse ab: Herausschieben von überfälligen Entscheidungen, falsche bzw. ungesicherte Mutmaßungen über die Absichten der anderen, Angst vor militärischer Unterlegenheit im Glauben an die militärische Überlegenheit des anderen, Verpflichtungen durch Bündniszusicherungen und das Wissen, dass die eigene Macht auf töneren Füßen steht.

Für unser Stück war sehr schnell klar: Das wird ein Balanceakt zwischen absurder Komik und Apokalypse. Ein Historienstück à la Hollywood zu machen, war nie unsere Absicht. Unsere Weltbühne hier ist ein perverses Kasperletheater. Hier sind die Kostüme so, wie man sich die Leute heute vorstellt, nicht wie sie wirklich ausgesehen haben. Hier müssen die Leute miteinander telefonieren, damit nicht Tage vergehen, bis das nächste Telegramm eintrudelt. Wir raffen viel Zeit, die ungenutzt verstreicht – vom 28. Juni bis zur Kriegserklärung an Russland am 1. August gibt es genügend Leerlauf und Nichtstun, dann wieder Tage an denen sich die Ereignisse überschlagen. Wir gehen von Bild zu Bild. Jede Momentaufnahme, jede Episode, ist der Versuch, einen Aspekt des Ganzen aufzuzeigen. Alles zu wissen, alles zu verstehen ist unmöglich. Das Gezeigte muss immer unvollständig bleiben.

Zu verstehen, was damals gelaufen ist, heißt, zu verstehen wie so etwas laufen kann. Der Blick zurück in die Vergangenheit ist kein Blick der Prophezeiung in die Kristallkugel. Kein „So war es einst, so wird es wieder sein!“. Es ist ein Blick in den Spiegel, auf der Suche nach Erkenntnis. Aus der Geschichte lernen ist eine spröde Formulierung – im Alten nach dem Zukünftigen zu wühlen, hat keinen Mehrwert. Aber Vergangenes zu betrachten, zu analysieren, zu erforschen – den Kopf zu schütteln, zu lachen, es nicht glauben wollen, dass es wirklich so gewesen ist, geschockt sein, und die Erkenntnis zu bekommen, so etwas nicht mehr zuzulassen, ist unser Appell als Künstler an Sie.


Wichtige Quellen: Sean McMeekin: Juli 1914 – Der Countdown in den Krieg, Europa Verlag 2014., Christopher Clark: Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, Deutsche Verlags-Anstalt 2014., Imanuel Geiss (Hrsg.): Die europäische Krise und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, DTV 1965., Karl Kautsky: Wie der Weltkrieg entstand, Paul Cassirer 1919.

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Liebe ist kälter als der Tod

Ja, bei Ibsen geht es selbstsüchtig zu. Und das in nahezu all seinen Stücken. Schon der frühe Titelheld Peer Gynt handelt rein egomanisch. Er ist für Ibsen das männliche Prinzip schlechthin. Doch auch die Frauen zeigt der Autor als skrupellose Wesen: Hedda Gabler ist der Inbegriff solch einer Femme fatale. Eine Figur, die buchstäblich über Leichen geht, um ihren Willen durchzusetzen. Nora ist da anders. Sie ist keine Antiheldin. Am Ende gelingt ihr tatsächlich die Emanzipation aus einem umgreifenden Unterdrückungssystem, der Ehe mit ihrem Ehemann Helmer. Aber dennoch: Bis zu dieser Erkenntnis, dass Beziehung nur sein kann, wo Liebe herrscht und nicht Macht, handelt auch Nora ichbezogen und oberflächlich. Ibsen zeigt aber auch, dass Unterdrückung zwei Seiten hat. Der Unterdrücker und derjenige, der sich unterdrücken lässt. Der das Spiel aus Macht und Ohnmacht mitspielt. Nora lässt es zu, dass ihr Ehemann sie wie ein unmündiges Kind behandelt. Warum? Sie hat für sich eine Nische gefunden, in welcher sie sich stark und nützlich fühlt: Das Wissen, dass sie selbst das Geld besorgt hat, um Helmer einen Kuraufenthalt in Italien zu ermöglichen, der diesem das Leben gerettet hat. Dieses Geheimnis ist Noras „ganzer Stolz“. Sie erträgt die Unterdrückung, weil sie weiß, dass sie insgeheim die Stärkere ist. Sie spielt die Schwache nur. Und sie spielt diese Rolle mit Freude, weiß sie doch, dass Helmer sich dadurch stärker, männlicher, kontrollierender fühlt, und dieses Gefühl für sein „männliches Selbstverständnis“ dringend benötigt. Denn dahinter lauert der Abgrund, der Burnout. Ibsen ist ein Meister in der Schilderung von sado-masochistischen Beziehungen. Und dies nicht nur in seiner Darstellung der bürgerlichen Ehe, die bei ihm definitiv mehr Qual als Lust ist, im besten Fall Arrangement, im schlimmsten Fall die Hölle auf Erden. Auch mit den Freundschaften seiner Protagonisten ist es nicht besser bestellt. Doktor Rank, der lungenkranke Hausfreund, wird von Nora, die um sein Liebeswerben weiß, an der kurzen Leine der Demütigung gehalten und von seinem besten Freund Helmer lediglich als „dunkler Hintergrund für unser sonnenhelles Glück“ wahrgenommen. Frau Linde, der Jugendfreundin Noras, ergeht es ähnlich. Sie ist ebenfalls Publikum für Noras Erfolgsgeschichte einer „glücklichen Ehe“. Ihrerseits ist aber auch Frau Linde nicht ganz uneigennützig angereist: Sie ist pleite und hofft darauf, dass Nora ein gutes Wort für sie bei ihrem Ehemann einlegt. Es geht also nicht um das Wiedersehen mit der vermissten Freundin, sondern ganz profan um einen Job, den Nora ihr beschaffen soll. Krogstad, der Rechtsanwalt, von dem Nora das besagte Darlehen für die Kur ihres Ehemannes beschafft hat, ist in Ibsens Machtspirale ganz unten. Ihm droht die Entlassung durch Helmer. Er ist ein „Schiffbrüchiger auf einem erbarmungslosen Meer“ und droht zum zweiten Mal in seinem Leben komplett gesellschaftlich abzurutschen. Um dies zu verhindern, ist er bereit, alle um sich herum mit in die Tiefe zu reißen. Überhaupt ist die Verbindung, die Ibsen zwischen privaten und gesellschaftlichen Abhängigkeiten zieht erstaunlich. Nicht nur schildert der Autor das bürgerliche Leben als einen Strudel aus Sadismus, Ausbeutung und Bedürftigkeit. Nein er zeigt, dass der Mikrokosmos Ehe Spiegel der Gesellschaft an sich ist. Der Kapitalismus ist ein System, das die schlechtesten Eigenschaften im Menschen verstärkt, könnte Ibsens Botschaft lauten. Entweder endet man in einem Gefüge aus Leistungsdenken und Burnout (Helmer) oder kompensiert mangelnde Zuneigung mit Konsum und Narzissmus (Nora). Ibsen weiß darauf nur eine Antwort: „Das Wunderbare“ muss geschehen. „Was ist das Wunderbare?“, fragt Helmer am Ende des Stückes. Die echte Begegnung, frei von Rollenbildern, Abhängigkeiten und Egoismus, könnte die Antwort lauten. Sein statt Haben, würde der Psychologe Erich Fromm sagen. Liebe wäre ein anderes Wort hierfür. (Manuel Kreitmeier)

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Artikel in der BZ über unsere neue Spielzeit !

Henik Ibsens Drama „Nora oder Ein Puppenheim“ haben die Immoralisten schon einmal auf die Bühne gebracht. Vor sieben Jahren war das – und eine ordentliche Inszenierung indoor mit Kaminfeuer und Weihnachtsbaum. Jetzt ist alles anders: Nora faulenzt draußen im Garten an einem aufblasbaren Pool, es ist Sommer, die Tanne quietschrosa. Und Nora ist ein Mann: Jochen Kruß stellt sich mit Freuden der Rolle – während logischerweise sein Mann Helmer eine Frau ist: Lisa-Lena Tritscher ist aus Graz zu der freien Freiburger Theatergruppe gestoßen. „Wir hatten überhaupt nicht vor, die zentralen Rollen gegengeschlechtlich zu besetzen“, erzählen die Theaterleiter Manuel Kreitmeier (Regie) und Florian Wetter (Dramaturgie, Musik) im Gespräch.

Aber bei der ersten Sprechprobe funktionierte die herkömmliche Rollenverteilung einfach nicht. Jochen Kruß entdeckte, dass er eigentlich für die Nora geschaffen sei – und Lisa-Lena Tritschler stürzte sich nach ersten Vorbehalten mit Leidenschaft in die Aufgabe, Noras Ehemann zu geben. Mit Travestie hat die neue „Nora“-Besetzung das Wenigste zu tun. Sondern damit, dass Herrschaftsverhältnisse nicht an Geschlechtszuordnungen gebunden sind. Man darf gespannt sein, wie das von den Immoralisten angerührte „explosive Gemisch“ (Spielzeitvorschau) funktioniert (Premiere am 13. Juli).

Explosiv war die Situation auch auf dem Balkan im Jahr 1914, als in Sarajevo jene Schüsse fielen, die den Ersten Weltkrieg auslösten. Dass sich die Immoralisten dieser Situation und der verheerenden diplomatischen Reaktionskette auf der Bühne widmen wollen, hat eminent mit ihrem Verständnis als – nicht nur, aber auch – politischem Theater zu tun: Vor allem „Stammheim“ ist da noch in bester Erinnerung. Nicht Nostalgie – natürlich nicht! – leitet das Ensemble bei seiner Spurensuche. Sondern der Blick in die Welt von heute, der für die Zukunft nicht unbedingt das Friedensreich auf Erden verheißt: Nationale und nationalistische Strömungen sind wieder gesellschafts- und mehrheitsfähig, Populisten schüren Ängste vor dem anderen, der angeblich der Feind ist. „Der Finger am Abzug“, so der Kommentar von Kreitmeier und Wetter zu ihrer Produktion, „sitzt auch heute wieder erstaunlich locker“.

Bei „Sarajevo“ (Premiere am 5. Oktober) werden die Immoralisten zwei Stränge verfolgen: Der eine bezieht sich auf die Planung des Attentats auf den österreichischen Thronfolger durch serbische Nationalisten und Separatisten, die wie heute die Islamisten junge Männer ohne Ziele und Ideale als Selbstmordattentäter rekrutierten. Der andere nimmt die politischen Reaktionen in den Blick, denen Christopher Clark eine große historische Studie mit dem bezeichnenden Titel „Die Schlafwandler“ gewidmet hat. Zweifellos eines der bisher ambitioniertesten Projekte der Immoralisten – wobei sich vor allem die Frage nach der theatralen Umsetzbarkeit komplexer historischer Prozesse stellt. Der Schuss, der die Welt veränderte, ist die dramatische und dramaturgische Klammer der Produktion.

Mit ihr wollen die Immoralisten unter Beweis stellen, wie konsequent sie die von ihnen schon ausgemessene Linie eines um die deutsche Identität kreisenden Dokumentartheaters weiter verfolgen wollen. Dass der Sound dabei eine wichtige Rolle spielt, versteht sich angesichts der produktiven Zusammenarbeit der Musiker Florian Wetter und Hannah Schwegler inzwischen fast von selbst.

Die beiden restlichen Inszenierungen der Spielzeit bewegen sich dann eher auf dem „üblichen“ Terrain. An den erfolgreichen Kafka-Abend „Der Bau“ knüpft eine Adaption von „Der Prozess“ (Premiere 9. Dezember) an. Last but not least steht Arthur Schnitzlers Drama „Professor Bernhardi“ auf dem Spielplan (Premiere 22. März 2018): ein Stück über Ausgrenzung – mit einem ganz großen Ensemble in der kleinen Spielstätte der Immoralisten. Aber auch dafür werden sie eine Lösung finden. Ganz sicher.

(Bettina Schulte, Badische Zeitung)
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Spielzeit 2017/ 18

Willkommen!

Sie stehen hintereinander in Reih und Glied. Ein kleines Dominosteinchen hinter dem andern. Nur ein kleiner Schnipp und das erste fällt, fällt auf das Steinchen davor. Und dann fällt das nächste und dann noch eins. Dem widmen wir unsere Spielzeit, denn unser Motto ist: Dominoeffekt!

NORA lebt als Repräsentierfrauchen unterm starken Flügeln ihres Mannes, des Unternehmers Helmer. Doch hat sie ein Geheimnis, denn als ihr Mann krank darniederlag, fälschte sie die Unterschrift ihres Vaters, um an ein Darlehen zu kommen und wird seitdem erpresst. Nun kommt der Zahltag und Nora droht mit einem Mal all das zu verlieren, was sie sich in jahrelanger Scharade aufgebaut hat.

Ein Schuss und die Welt steht in Brand: Am 28. Juni 1914 erschießt Gavrilo Princip das österreichisch-ungarische Thronfolgerpaar Franz Ferdinand und Sophie in SARAJEVO. Es folgen absurde Wochen politischer Manöver, die letztendlich in den Ersten Weltkrieg münden. Scheinbar niemand hat es kommen sehen, denn die Hauptakteure schlafen wie Nachtwandler in Labyrinthen der Egomanien und Nationalismen.

Alles ändert sich für Josef K. mit einem Schlag, als er eines Morgens grundlos verhaftet wird. Ihm wird DER PROZESS gemacht, ohne dass er weiß, wessen er überhaupt angeklagt wird. Mit seiner unbeholfenen Verteidigung dreht sich der Angeklagte langsam die eigene Schlinge, in die er seinen Kopf stecken wird.

PROFESSOR BERNHARDI, Leiter einer selbstgegründeten Privatklinik, verweigert aus ethischen Motiven dem Pfarrer, die letzten Sakramente über einer sterbenden Patientin zu sprechen. Die Sache hat ein Nachspiel. Der jüdische Arzt wird zum Mittelpunkt eines gesellschaftlich-politischen Eklats, der zu einer üblen Schlammschlacht ausartet.

Eine spannende und wahrhaft immoralistische Dominopartie – wir freuen uns, für Sie und mit Ihnen zu spielen!

Ihr,
Florian Wetter & Manuel Kreitmeier
(Theaterleitung)

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Trailer „DER BAU“

Trailer zu „DER BAU“ – unserer aktuellen Produktion auf Youtube

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Der Zündfunke

Um Sicherheit und die Erschütterung dieser Sicherheit geht es in vielen Texten Franz Kafkas. Zumeist befindet sich der Protagonist in einem System, das er nicht versteht, und aus dem es letztlich kein Entrinnen gibt. Das System – eine Stadt, ein Gericht, eine Familie – verschlingt den sich nur halbherzig wehrenden Protagonisten mit Haut und Haaren. Und nicht einmal die Gründe für seine eigene Vernichtung dürfen ihm als Erleuchtung kommen. Ist es, weil er ein Außenseiter ist? Ein Fremder im Dorf? Ergeben die Begründungen für seine Verdächtigung und Vernichtung deswegen für ihn keinen Sinn, weil er die Ideologie hinter dem System nicht versteht? Das wäre zu einfach. Es ist vielmehr das Wegschauen aller, die den vermeintlich Anderen zum Anderen und damit zum Opfer machen. Es sind die Feindbilder, begründet aus Angst und Paranoia in den Köpfen der Menschen, die irgendwann wie ein Golem leibhaftig vor dem Schöpfer stehen. Der Krieg, der Holocaust sind Maschinerien, die von solchen Golems betrieben werden. Sicher: der Einzelne wird hierin zum Beteiligten. Das Ganze jedoch, ist ein System, das auch er nicht versteht. Die Wetterzeichen stehen auf Sturm. Man sieht das Schreckliche herannahen. Die Maschine nimmt Gestalt an. Der Zündfunke glimmt. Hier gilt es einzugreifen. An diesem Moment. Wenn sie erst einmal zum Laufen gebracht wurde, ist sie kaum mehr zu stoppen. Dann teilt sich die Welt wieder in eine von Tätern und Opfern. Eine solche Maschinerie – Kafka selbst beschreibt sie in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“ – ist das Grauen der Moderne, die Kafka wie kein anderer zu beschreiben imstande war.

 

Und Heute? Leben wir – wie Kafka – nicht auch in einer Zeit, in der die Wetterfahnen bedenklich zu flattern beginnen? Der Sturm ist noch nicht da. Noch steht der Steuermann der Demokratie auf seinem Posten und steuert das schwankende Schiff sicher in den nächsten Hafen. Doch meutern bereits Teile der Besatzung. Regeln werden umgeschrieben. Was heute noch an Werten gilt, ist morgen kryptische Schrift. Der Lotse verlässt das Schiff. Der neue Steuermann – ein Populist oder ein selbsternannter Diktator ist an Bord. Und wer ist bereit sich ihm entgegenzustellen?

 

Kafkas Texte – zumal die ganz späten, kurzen, unbekannteren Stücke aus dem Nachlass – erzählen diese Geschichte der Erschütterung vor dem Sturm auf grandiose Weise. Den Moment; wenn die Maschine anspringt wird hier in Bildern und Metaphern heraufbeschworen und erlebbar gemacht. Beispielsweise die einsetzende Paranoia des Tiers in der Erzählung „Der Bau“, das sich eine scheinbar uneinnehmbare Festung mit allen erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen erschaffen hat und dennoch das Nahen des Schrecklichen empfindet, das vielleicht nur in ihm selbst lodert.  Paranoia entsteht, wo Sicherheit übertrieben, Abschottung der Freiheit vorgezogen, Feindbilder etabliert werden. Auch in der Erzählung „Der Nachbar“ ist plötzlich ein unbekannter Fremder aus dem Nachbarbüro der erklärte Feind des Protagonisten. Er kennt den Nachbarn nicht. Er weiß nichts von ihm, aber er unterstellt ihm das Schlimmste. So entsteht Hass. So entsteht jegliche Form von vorgeschobener Gefahr, die plötzlich einer ganzen Rasse oder eine ganze Religion oder sexuelle Orientierung unterstellt wird.
Diese Texte, die Hilflosigkeit und Ohnmacht beschreiben – Erzählungen wie „Der Geier“ oder „Der Steuermann“ werden in unserem Projekt Texten gegenübergestellt, die aus scheinbaren Opfern Täter werden lassen. Dort, wo bei Kafka aktives Handeln entsteht, folgt zumeist ein Mord, beziehungsweise das Grauen zieht ein in die Stadt. Am Ende der Erzählung „Ein Brudermord“ erschlägt der Protagonist Schmah (Kain) seinen Zechbruder Wese (Abel). Gründe hierfür nennt Kafka keine. Der Mord muss stattfinden, weil zwei Menschen sich begegnet sind. Weil sich etwas in ihrem Kopf gebildet hat – ein Krebsgeschwür aus Verleumdung, Vorurteil und Hass. Wir sind es, die den Schlüssel drehen. Der Zündfunke glimmt. Die Maschine springt an.

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Das Drama des begabten Kindes

Raskolnikoff – unser Held – ist ein Mörder. Wenn wir ihm zum ersten Mal begegnen, hat er die Tat noch nicht begangen. Doch wir wissen sofort: Es brodelt schon lange in ihm, und die Tat – die große Tat – ist längst mehr als nur ein flüchtiger Blitz auf der Leinwand seiner Gedanken.  Sein Geisteszustand ist überreizt, fast hypochondrisch. Die Miete für sein kümmerliches Zimmer kann er nicht mehr zahlen, versucht der Wirtin aus dem Weg zu gehen, denn er schuldet ihr das Geld für die letzten Monatsmieten. Überhaupt kann er sich nichts mehr kaufen. Er besitzt nur noch wenig, und von dem Wenigen hat er fast schon alles verpfändet und kaum etwas dafür bekommen. Das geht nicht nur ihm so. Die Welt ist ein fremdes Land. In ihr kämpfen die Insassen ums Überleben, die meisten für sich. Doch Raskolnikoff ist ein Hoffnungsträger. Intelligent, gutaussehend, sensibel und – was am Wichtigsten ist – begabt mit einem Gespür für Richtig und Falsch. Deswegen ist er wohl auch aus der Provinz nach St. Petersburg gekommen, um Juristerei zu studieren. Die Welt zu einer gerechteren zu machen! Und tief in ihm, mit der Muttermilch eingesogen und von Mutter und Schwester herangenährt: das Gefühl um die Befähigung zu etwas Großem. Er kann ein besonderer Mensch sein. Oder vielmehr: Er kann überhaupt Mensch sein! Ein Wesen, das diese Bezeichnung verdient. Nicht nur eine kleine, miese Dreckslaus, die auf dem Planeten zwischen Müll und Auswurf herumkriecht. Es gibt für Raskolnikoff nur das – Mensch oder Laus. Gigantisch oder jämmerlich.

Das ist also unser Held. Ein gedemütigter Narzist, der zurückschlägt; der stellvertretend Rache nimmt an einer Gesellschaft, die auf den Schwachen herumtrampelt und die Reichen immer reicher werden lässt. Ja, könnten wir sagen, diese alte Wucherin hat es nicht anders verdient, als zu sterben. Sie ist eine Eiterblase, die aufgestochen werden muss, damit die Welt heilen kann. Doch ihre hilflose, behinderte Schwester quasi als Kollateralschaden ins Jenseits zu befördern, das geht zu weit. Und schon sitzen wir in der moralischen Falle, die uns Dostojekwski gleich zu Anfang gestellt hat. Auch wir ertappen uns bei der Überlegung, was wertes und was unwertes Leben sei und sind auf Raskolnikoffs Denkspur eingebogen.

Jetzt kommt die Ablehnung. Der eine Mord wäre noch nachvollziehbar gewesen. Der andere – an einer Unschuldigen! – nein, das geht zu weit. Wir müssen Raskolnikoff nun ablehnen! Das ist ein armer Irrer, ein verrückter, verhaltensgestörter Psychopath und skrupelloser Mörder, über den nun wir unsererseits mit verschränkten Armen und von höherer Warte aus richten dürfen. Das ist Dostojewskis zweite Falle.

Um sie herum baut er uns eine Welt der Spiegel. Wir erkennen in all den Figuren Züge unserer eigenen Persönlichkeit und beobachten Raskolnikoff dabei, wie auch er sich in all den anderen widerspiegelt – in Möglichkeiten, wie sein Leben seinen Lauf nehmen könnte, denn er steht noch ganz am Anfang. Jeder hier hat seinen Preis gezahlt und seine Entscheidung getroffen – dem Leben die Weichen gestellt. Zum Besseren oder zum Schlechteren? Das spielt keine Rolle. Die entscheidende Frage ist eine transzendente. Die junge Sonja, die schicksalshaft Raskolnikoffs Weg kreuzt, steht für den Ausweg ins Licht. In eine Welt des Du, die sich grundlegend vom Spiegelkabinett der Selbstbezogenheit unterscheidet. Sonja gibt Raskolnikoff nicht verloren, denn sie erkennt das Gute unter all dem Schrecklichen. Sie versteht instinktiv sein Leiden, der überbordenden Erwartung der anderen und sich selbst nicht gerecht zu werden. Die Demütigung, trotz höherer Bestimmung ganz unten zu sein. Die Hybris der höheren Bestimmung ist Raskolnikoffs Falle und lässt ihn zum Mörder werden. Und dennoch gibt Dostojewksi seine Figur nie auf. Anders als andere seiner Romanhelden darf Raskolnikoff überleben und bekommt eine zweite Chance. Er akzeptiert seine Strafe, akzeptiert das Unten, und wird frei. Vielleicht kann er tatsächlich eine Sonne werden, die das Leben anderer erhellt. Zumindest findet er endlich zu sich selbst.

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Die Stadt der Engel und Tiger

marilyn_mordDie Geschichte von Marilyn Monroe ist die Geschichte einer missglückten Emanzipation. Mir fällt kaum ein Mensch ein, der sich so um Selbstfindung bemüht hat, wie sie. Kaum ein Mensch, der so entschlossen war, wie ein Schmetterling die enge Larve des festgefügten Kokons zu durchbrechen. Was hat sie nicht alles erreicht in ihrem kurzen Leben? Fast erreicht muss man wohl sagen: von der vernachlässigten Waise zur größten Filmikone ihrer Zeit. Ikone wohlgemerkt, nicht Schauspielerin. Da waren ihr Bette Davis oder Olivia de Havilland weit voraus. Und immer wollte Marilyn einen Wandel. Ihr ganzes Leben ist geprägt von diesem Willen zur Veränderung. Bis in die letzten Tage vor ihrem Tod hat sie Pläne gemacht. Aufrichtige.

Noch die letzte Fotosession ist geprägt von dieser unfassbaren Energie und Lebensfreude, die sie hatte. Leider gab es auch die Kehrseite davon: den früh gefassten Wunsch zu Sterben, die eigenen Dämonen endlich los zu sein. Und doch überwog lange Zeit die helle, lichte Seite ihrer Persönlichkeit: Die hart arbeitende, wild entschlossene junge Frau. Marilyn wollte immer als ernsthafte Schauspielerin anerkannt werden. Sie wollte andere Rollen spielen, als diejenigen, die ihr vom Studio aufgezwungen wurden. Sie wollte einen anderen Part im Leben spielen, als den von ihr bravourös gespielten der Geliebten von Mächtigen und Reichen. Sie wollte eine emanzipierte, moderne, intelligente, politisch und literarisch gebildete Frau sein. Das war Marilyns Vision von sich selbst. Das Problem: sie selbst und die Menschen in ihrer Umgebung. Sie selbst, weil sie mit den falschen Mitteln versuchte das Richtige zu erreichen. Marilyns Trumpf war ihr Sexappeal. Eine Mischung aus erotischer Verheißung und Hilfsbedürftigkeit. Das funktionierte eigentlich immer. Damit wurde sie die Geliebte so unterschiedlicher Männer wie John F. Kennedy, Joe DiMaggio und Arthur Miller. Marilyn konnte sich nicht anders verkaufen als über Sex. Das war ihr Vokabular. Das hat sie auf der Straße, im Modell- und später Schauspielbusiness so gelernt. Das war ihre Währung. Dabei hasste sie Sex eigentlich. Es ist überliefert, dass sie nie einen Orgasmus hatte. Dass sie Sex jedenfalls ganz bewusst eingesetzt hat, um ihre Ziele von Erfolg, Ruhm und Liebe zu erreichen, ist unbestritten.

Das zweite Problem: Die Menschen, an die sie sich um Hilfe wandte. Man kann nicht sagen, dass Marilyn nicht alles versucht hätte ihre inneren Dämonen, ihre von der Mutter ererbte psychische Instabilität, ihre manische Depressivität, zu überwinden. Und es gab viele Helfer auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden. Denn darum ging es letztendlich. Wie konnte Marilyn endlich auf eigenen Beinen stehen? Mit sich selbst umgehen, arbeitsfähig sein, stark, ohne stetig auf die Hilfe anderer, auf Alkohol und Tabletten, angewiesen zu sein. Da wären zuerst der Präsident und sein Bruder zu nennen. Große, intelligente Männer. Beides hochloyale und von politischen Visionen beseelte Politiker, die leider in Liebesabenteuern weit weniger loyal waren. Von Jack Kennedy sind unzählige Affären überliefert. Er wechselte seine Gespielinnen wie Socken. Als Marilyn auf der Geburtstagsgala des Präsidenten sich vor aller Welt als dessen Hure outete, denn nichts Anderes zeigt ihr verruchtes „Happy Birthday Mister Präsident“, war Schluss. Sie musste zum Schweigen gebracht werden. Wen gab es noch in Marilyns Entourage? Den besten Freund Peter Lawford zum Beispiel: drittklassiger Schauspieler, Alkoholiker und Kuppler. Er bringt sie mit ihren zukünftigen Freiern zusammen. Er ist es, der ihr Jack Kennedy, Bobby, Sinatra und den Mafiosis in seinem Umfeld vorstellt. Sein Strandhaus ist das Liebesnest zwischen Marilyn und ihren wechselnden Geliebten. Dann gibt es noch Marilyns Psychiater Dr. Greenson. Er will Marilyn zunächst einmal helfen. Die psychisch instabile Schauspielerin hat panische Angst vor den Kameras. Ihr Selbstbewusstsein existiert eigentlich nicht. Sie fühlt sich dumm, ungebildet, untalentiert. Er baut sie auf. Behandelt sie mit Tiefenpsychologie und Tabletten. Drei Sitzungen täglich sind es am Ende. Marilyns sitzt quasi nur noch auf Dr. Greensons Couch. Oder sie nimmt Schauspielunterricht bei Lee Strasberg. Sein Ansatz: Ebenfalls ein psychologischer. Marilyn wird ihre Kindheitsdämonen auch damit nicht los. Die begabte Schauspielerin verstrickt sich in ein Schauspielsystem, das ihr zusehends Angst macht, dessen Niveau sie nicht erreichen kann und das dazu führt, dass sie am Ende glaubt, überhaupt nicht mehr vor eine Kamera treten zu können.

Marilyn endet in einem System der Abhängigkeiten, aus dem weder sie, noch die Menschen in ihrem Umfeld sie befreien können. Eigentlich ist jeder erlöst, als sie am 5. August tot aufgefunden wird. Jeder außer dem Zuschauer, dem Marilyn Monroe als Legende, nicht aber als emanzipierte Frau, als vollwertige Schauspielerin oder echte Künstlerin im Gedächtnis bleiben wird. Und doch wollte sie nichts mehr als dieses. Die Geschichte von Marilyn ist die Geschichte einer missglückten Emanzipation. Sie steht in einer Linie mit Emilia Galotti oder Ophelia.
          

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Spielzeit 2016/17

Das Motto: GRENZÜBERSCHREITUNG

WILLKOMMEN!

Bis hierher und nicht weiter! Hier ist die Grenze! Und automatisch wollen Sie herüber? Wir auch. Denn wenn wir drüben sind, verstehen wir vielleicht, warum die Grenze dort ist, wo sie ist, warum wir sie ziehen mussten oder wollten. Warum wir vielleicht hoffen, dass dort keine mehr ist – oder eine für immer: Grenzüberschreitung ist das Motto unserer neuen Spielzeit!

An den territorialen Grenzen zweier Nachbarländer bleibt Ödön von Horváths junger Held hängen. Aus dem einen Staat wurde er ausgewiesen, in den anderen kommt er nicht mehr hinein. Über die Brücke im Niemandsland läuft er HIN UND HER, rastlos auf der Suche nach einer Heimat, die nicht ohne Hoffnung bleibt. Denn es ist Sommer, und im Sommer ist der Humor gerne Sieger.

Marilyn Monroe sehnt sich danach, die engen Grenzen ihres Images zu verschieben! Bis in alle Ewigkeit das dumme Blondchen zu geben – die stumme Geliebte großer Männer wie der Kennedy-Brüder zu sein – hat sie satt. Sie möchte eine Hauptrolle auf der ganz großen Bühne. Doch sie geht zu weit. Selbstmord? Mord!? Die verschollenen Tonbänder ihrer letzten Nacht – DIE MARILYN TAPES – werden zur Legende.

Zur eigenen Grenze wird der Student Raskolnikow aus Dostojewskis Jahrhundertroman SCHULD UND SÜHNE, der sich selbst zum Richter über Leben und Tod erhebt. Mit der Axt löscht er das seiner Meinung nach unwerte Leben einer alten Wucherin aus. Die eigene Hybris ist befriedigt, doch sein Gewissen rebelliert und holt zum Gegenschlag aus.

DER BAU eines wundersamen Tieres aus einer unvollendeten Kafka-Erzählung, ist ein labyrinthisches Meisterwerk unter der Erde. Alles ist perfekt eingerichtet, reich befüllt mit Vorräten. Doch die Grenzen sind nur schwach gesichert und eine unbekannte Bedrohung kommt immer näher.

Keine Grenzen kennt der Hass von HAMLET auf seine Mutter und deren neuen Ehemann. Wir nehmen unsere hoch gelobte Inszenierung dieses Klassikers wieder auf, bei dem die Zuschauer zusammen mit den Schauspielern an einer riesigen Festtafel sitzen.

Eine wahrhaft immoralistische Spielzeit, deren Themen unserem Jetzt auf den Nägeln brennen – wir freuen uns auf Sie!

Ihr,
Florian Wetter & Manuel Kreitmeier

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Lulu

Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften, zu locken, zu verführen, zu vergiften – und zu morden – ohne daß es einer spürt.

Lulu ist ein Abgrund. Sie weckt in allen eine unstillbare Begierde. Sie selbst ist blank – eine Frau, die jeder besitzen will ohne zu ahnen, dass der Einsatz das eigene Leben ist. Als Gemahlin des Medizinalrats Dr. Goll sitzt sie einem Maler Portrait, der ihr verfällt und mit ihr eine Affäre beginnt. Der Schock über den Seitensprung trifft Dr. Goll buchstäblich ins Herz. Er stirbt und Lulu zieht zum nächsten Wirt, dem Chefredakteur Dr. Schön. Aus Verzweiflung darüber, nimmt sich der Maler das Leben. Lulu heiratet Dr. Schön, doch Lulu lebt für die Gegenwart und zur Gegenwart wird Dr. Schöns Sohn Alwa, mit dem sie über die Grenzen flieht. Weiter, immer weiter der Dunkelheit entgegen, bis sie auf ihren letzten Liebhaber trifft: Jack the Ripper …

Einen gewaltigen Bilderbogen über die Rastlosigkeit sexueller Begierde hat Frank Wedekind erschaffen. Seine Lulu ist die tabulose Frau ohne Eigenschaften – eine Leinwand, auf der sich die Projektionen der Liebhaberinnen und Liebhaber wie monströse Fratzen überreal projizieren. Nicht die Frau ist die Wurzel der Sünde – es sind diejenigen, die sie dazu machten.

Besetzung:
Lulu: Chris Meiser
Der Maler: Daniel Leers 
Der Professor: Uli Winterhager
Dr. Schön: Markus Schlüter
Alwa: Jochen Kruß
Der Kraftmensch: Antonio Denscheilmann
Gräfin Geschwitz: Anna Tomcsek
Schigolch: Florian Wetter

Regie/ Bühne:
Manuel Kreitmeier

Musik:
Florian Wetter (Komposition / Piano / Synthesizer)

 

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Künstlerische Leitung/ Regie

geboren 1979. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Heidelberg und Freiburg. Gründung des Theaterensembles Die Immoralisten im Jahr 2001.

Seitdem rund 50 Inszenierungen als Theaterregisseur.

Darüber hinaus journalistische Tätigkeit für diverse deutsche Kulturmagazine.

Seit 2010 gemeinsam mit Florian Wetter Geschäftsführer, künstlerischer Leiter und Regisseur des Theaters der Immoralisten in Freiburg.

Arbeiten als Hörspielregisseur.

Autor folgender Theaterstücke:

  • Axt im Kopf (2011)
  • Hannelore (2013)
  • Stammheim (2014)
  • Aggropolis (2015)

Fotograf. Austellung „Ghost City“ im Theater der Immoralisten (2015/16)

Schauspieltrainer und Coach in diversen „Train the Trainer“- Programmen.

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Künstlerische Leitung / Musik

Theatercaptain, Musiker & Darsteller.

Jahrgang 1980, geboren in Landsberg am Lech, aufgewachsen und zur Schule gegangen in Lindau am Bodensee. Erste Band mit zwölf, erste Bühnenmusik mit vierzehn zur Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ für die Schauspiel-AG seiner Schule. Brennt von da an fürs Theater, doch bleibt immer der Musik treu, die neben der Liebe zur Sprache seine Wurzel ist. Daneben gibt er Seminare für Klassische und Neue Musik und schreibt zunächst für das Feuilleton des „Südkurier“ und der „Schwäbischen Zeitung“, später auch für die „Stuttgarter Zeitung“ und das Onlineforum „Klassik.com“.

Nach dem Abitur nach Freiburg – Experimente mit Chinesisch und Philosophie an der Universität, während er sich aufs Musikstudium vorbereitet. Unerwartetes Bühnendebut als Schauspieler bei den frisch gegründeten „Immoralisten“ seines Freundes Manuel Kreitmeier und seitdem nicht mehr von den Brettern der Welt zu bekommen. Musikstudium an der Musikhochschule (Hauptfach Klavier & Musiktheorie), dann später auch Anglistik an der Universität Freiburg.

Parallel immer weiter mit Theatermachen, Hörspiel kommt dazu – ihn reizt die Verbindung von Musik und Theater auf rein akustischer Ebene. Schreibt und produziert einige Arbeiten für sein Label „Bagheera“, wendet sich aber nach dem Studium vollends dem Theater zu.

Nach einem Jahr der Wanderschaft mit den „Immoralisten“ gründet er mit Kreitmeier eine eigene Spielstätte und gibt damit seinem Ensemble ein festes zu Hause.

Seitdem spielt, produziert und komponiert er für sein Haus und verwaltet dessen unternehmerische Angelegenheiten.

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Nichts als die Wahrheit?

Nichts als die Wahrheit?

Der Prozess in Stammheim war von Anfang an eine Farce. Die BRD hatte keinerlei Erfahrung mit politischen Prozessen und fuhr schwerstes Geschütz auf gegen die sogenannten Staatsfeine. Gesetze wurden erlassen oder geändert, um den Terroristen legal das Handwerk legen zu können. Maßgebliche Vertrauensanwälte der Angeklagten wurden kurz vor Prozessbeginn ausgeschlossen und durch sogenannte „Zwangsverteidiger“ (RAF Vokabular) ersetzt. Gespräche mit den verbliebenen Vertrauensanwälten wurden systematisch abgehört, Akten kontrolliert und jegliche Rechtsstaatlichkeit verlassen. Der Staat befürchtete, die Anwälte mißbrauchten ihre Stellung um den Angeklagten als Kuriere mit den in Freiheit befindlichen Kampfgefährten zu dienen. Eine ordentliche Prozessführung war vom ersten Verhandlungstag an unmöglich. Ordnungsstrafen, Geschrei und Auschlüsse wechselten sich ab. Der Staat war taub für weltanschauliche Argumente bezüglich des bewaffneten Kampfes der Terroristen, die RAF ihrerseits stellte intern klar „Wir haben an dieser Veranstaltung überhaupt nur Interesse, wenn wir sie umdrehen können“ (Andreas Baader). Letzten Endes wurde noch ein Gesetz erlassen, das die Fortführung des Prozesses auch ohne die Angeklagten möglich machte. Ein Drahtseilakt der Rechtsstaatlichkeit.

Die Öffentlichkeit war aufgebracht und politisiert. Die radikalen Hungerstreiks der Gefangenen im Vorfeld des Prozesses – der fünfte Angeklagte Holger Meins starb noch vor Prozessbeginn an Unterernährung, Horrormeldungen über die Haftbedingungen der politischen Gefangenen– Ulrike Meinhof saß 9 Monate vor ihrer Verlegung nach Stammheim in Isolationshaft im von ihr sogenannten „Toten Trakt“ der JVA Köln – und der Besuch von Jean- Paul Sartre bei Andreas Baader und dessen anschließender Bericht über die unmenschlich kahlen Zellen in Stammheim,  sorgten für Aufregung. Sartre allerdings sah überhaupt nicht die Haftzellen, sondern lediglich die Besucherzelle. Intern nämlich ging es den Gefangenen besser denn je. Der Staat wollte alle Möglichkeiten der RAF Propaganda bezüglich einer Fortführung von NS- Schauprozessen unterbinden und genehmigte unzählige Sonderhaftbedingungen in Stammheim. Zu der erhofften ernsthaften Zusammenarbeit der Gefangnen im Prozess kam es dennoch nicht. Die RAF Spitze nutze die Anklagebank von vornherein als Propaganda- und Kampfinstrument zur Mythologisierung der eigenen Biografie, vor allem aber zur Rekrutierung neuer Mitkämpfer. Wesentliche Protagonisten der zweiten und dritten RAF Generation haben sich letztlich durch den Prozess in Stammheim für ihren Weg in den Untergrund entschieden. Die Strategie der Angeklagten war somit einfach und radikal: Sie kalkulierte von Anfang an den eigenen Tod sowie den Tod anderer bewußt mit ein: „Die Waffe Mensch“.

Als Autor hat man es schwer mit solch einem Thema. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Der Versuch einer genauen Dokumentation des historischen Ereignisses, oder die Entscheidung für eine spezifische Atmosphäre, eine Erfahrbarmachung – trotz beziehungsweise dank aller Weglassung. Und so bleibt nach wie vor der beste Darsteller einer historischen Person nicht Bruno Ganz, sondern Charlie Chaplin. Nur in der weitest möglichen Abstraktion und Verfremdung kommt man dem historischen Gegenstand näher. Dies wusste schon Brecht. Sein Galileo Galilei ist nicht historisierendes Abziehbild, sondern Ideenträger. Genauso ging es uns bei Stammheim.

Einem solch unglaublichen Konvolut an Anträgen, Akten und juristischen Spitzfindigkeiten ist mit Mitteln des Theater dokumentarisch nicht beizukommen. Der Blick ins Gesicht solch monströser – weil überinterpretierter, eigentlich unfassbarer und allen Analysen und Mutmaßungen zum Trotz verzerrter Figuren, wie den Terroristen der ersten RAF Generation, bleibt uns verwehrt. Keiner weiß oder kann wissen, was tatsächlich in einer Frau wie Ulrike Meinhof während der Monate im Untergrund, im Guerillacamp in Jordanien, beim Zurücklassen ihrer geliebten Kinder oder nach Jahren der Isolationshaft vorgegangen ist. Letzten Endes ist dies für den Theatermacher aber auch nicht entscheidend. Die Terroristen in Stammheim sind Ideenträger, nicht historisch exakte Personen.

Ähnlich ist es mit dem Aufbau des Stückes selbst: Alle Texte, alle Vorkommnisse des Stückes sind durch Zeugenaussagen, Prozessmitschriften und O- Töne belegt. Dennoch erhebt das Stück keinerlei Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Sicherlich werden viele wichtige Ereignisse während der Zeit des Prozesses in Stuttgart angesprochen – der Ausschluss der Verteidiger, die Abhöraffäre, die schwierigen Haftbedingungen der Gefangenen, der Besuch von Jean- Paul Sartre und doch sind alle Szenen fragmentiert, laufen viel mehr auf der Bild und Musik – als der Textebene. Vermitteln also eher den Eindruck von Momentaufnahmen, denn einer echten Chronologie. Es ist am Zuschauer selbst, Zusammenhänge zu knüpfen, Leerstellen auszufüllen.

Wir können nicht zeigen, was in Stammheim abgelaufen ist. Wir können nur zeigen, wie Konflikte entstehen und wie Handlungen zu Gegenhandlungen führen: Aktionen zu Reaktionen, Worte zu Taten, Morde zu Staatsräson, Staatsräson zu Protest, Widerstand zu Mord. Wir können zeigen, wie Ungerechtigkeit aus dem Kampf für Gerechtigkeit auf beiden Seiten – der des Staates und der der RAF – zustande kam, wie die stärkste Kette irgendwann an ihrer schwächsten Stelle brechen muss, wie letzten Endes Extremismus und Machtausübung immer menschenverachtend sind, weil Faschismus etwas ist, das jeder politischen Ideologie, wenn sie das Individuum unterdrückt, wenn sie die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit verlässt, innenwohnt.

Dies ist also kein politisches Stück, dies ist ein Versuch über Menschlichkeit.

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TRAILER Stammheim

Trailer zum Stück

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Eine unfertige Frau

„Fangt uns die Füchse. Die kleinen Füchse. Sie verwüsten die Weinberge, die blühenden Reben“

Dieses Zitat aus dem Hohelied des Salomon stellt die amerikanische Autorin Lillian Hellman ihrem Stück „Die kleinen Füchse“ als Motto voran. Hellman, überzeugte Marxistin, bezieht sich damit auf die Vorstellung, dass die Deformationen des kapitalistischen Gesellschaftssystems nicht allein bei den Großkonzernen und Banken zu finden sind, sondern die Zellen jedes Individuums befallen können. Die Gier – vorherrschendes Prinzip des Kapitalismus – greift im Stück und in der Gesellschaft wie ein Virus um sich: Die vielen kleinen Füchse sind es, die laut Hellman das Land zerstören. Die Autorin vertrat lebenslang die Überzeugung, dass in einem Land, das auf Gier, Profit und Ausbeutung ausgerichtet ist, der Humanismus verdorren muss, die Menschen zu wilden Tieren werden. Die glorreiche Vergangenheit der USA sieht Hellman dabei ebenso kritisch, weil nostalgisch realitätsfern, wie die Machenschaften der Frühkapitalisten. In ihrer scharfen Analyse zeigt sie, dass aus Schlimmem niemals Gutes wachsen kann. Auch die Träume der Familie Hubbard im Stück sind nur in deren Vorstellung rosarot. Sehr bald wird die Kehrseite des Traums von Glück und Wohlstand deutlich: Raffgier, Egoismus und Entfremdung. Das monsterhafte Gesicht auf dem Bild Willem de Koonings im Hintergrund unserer Bühne zeigt von Anfang an, wohin der Persönlichkeitswandel der Hauptfigur führen wird: Dorian Grays ewige Jugend hat ihren Preis: Statt seiner altert ein Gemälde und wird zum Sinnbild der schrecklichen Fratze seiner eigentlichen Persönlichkeit.

1939 wurden „Die kleinen Füchse“ geschrieben. Ein Jahr lang blieb das Stück am Broadway ein Riesenerfolg. Bette Davis konnte in der Verfilmung von William Wyler 1942 einen der Höhepunkte ihrer Filmlaufbahn verzeichnen. Neun Oscarnominierungen gab es für den Streifen. Nur in dieser Dekade der USA kann man sich solch ein linkes, amerikakritisches Stück überhaupt auf den Spielplänen des Landes vorstellen. Wenige Jahre später wurden linke Ideen sofort als sowjetische Infiltration wahrgenommen, Hellman selbst Opfer der Säuberungsaktionen gegen Linksintellektuelle und Kommunisten in den USA. Senator McCarthy und die Rechtskonservativen hatten den „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ gegründet vor dem neben Bertold Brecht und Thomas Mann, unzählige Intellektuelle, sowie auch Hellman und ihr Lebensgefährte Dashiell Hammett aussagen mussten. Berufsverbot und schwarze Listen waren die Folge.

Hellmans Karriere in Hollywood war damit zu Ende. Fortan betätigte sich die Autorin hauptsächlich als eine der streitbarsten Frauen der USA und erreichte mit ihrer dreibändigen Autobiografie „Eine unfertige Frau“ ein Millionenpublikum. Doch auch kritische Stimmen wurden laut: Große Teile ihrer Autobiografie seien erlogen, beziehungsweise die Memoiren von jemand anderem, maßgebliche Teile ihres Werkes von Dashiell Hammett verfasst. Einer der größten Schlammschlachten der Fernsehgeschichte entbrannte 1979 in der Dick Cavett Show, als Mary McCarthy – die andere einflussreiche Linksintellektuellen des Landes – befragt nach den am meisten überschätzten Autoren Hellman nannte und den berühmten Ausspruch tat: „Jedes Wort, dass Hellman geschrieben hat, inklusive „the“ und „and“, ist eine Lüge“. Hellman verklagte McCarthy daraufhin und die beiden Frauen zogen durch jahrelange Verleumdungsprozesse, durch die der gute Ruf der Autorin nachhaltig beschädigt wurde. Heute wird sie kaum mehr gespielt, was angesichts der unbestreitbaren Qualität und Aktualität ihrer Werke ein Jammer ist.

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Coaching

Die Leiter des Theaters, Manuel Kreitmeier und Florian Wetter, bieten über ihre künstlerische Tätigkeit hinaus erfolgreich erprobte Coaching – und Schauspielprogramme an. Besonders im Bereich „Train the Trainer“ werden regelmäßig Workshops für Menschen in Führungspositionen abgehalten.

Es können Einzelkurse und individuelle Coachings gebucht werden.

Kompetenz besteht in den Bereichen:

  • Vorbereitung für angehende SchauspielerInnen zur Aufnahmeprüfung an Schauspielschulen
  • Individuelle Stimm- und Körperarbeit für SchauspielerInnen und Amateure
  • Sicheres Auftreten, freies Sprechen, überzeugende Autorität
  • „Train the Trainer“- Programme

Kontakt unter: manuel.kreitmeier@immoralisten.de

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Zurück in die Zukunft

Ein selbstherrlicher Diktator lenkt das Geschick einer ganzen Nation mit Willkür, Grandezza und der notwendigen Prise Populismus, eine Gruppe Andersdenkender verschwört sich, will den Wandel, stürzt den Diktator und hinterlässt ein Trümmerfeld aus dem ein noch viel schrecklicherer Machthaber wie Phoenix aus der Asche steigt. Dieses Muster legt den Schluss nahe, Revolutionen seien von vornherein zum Scheitern verurteilt. Schließlich könne aus dem Nährboden totalitärer Strukturen kein echter Wandel hervorgehen, da in ihm Demokratie nicht als Saatgut angelegt ist. Ein fatalistischer Schluss, der jede Rebellion gegen Diktatur unsinnig machen würde.

In der Tat finden sich historisch viele Belege dafür, dass sich Umwälzung oft genauso abspielt, wie eben in groben Zügen geschildert – die Französische Revolution (1789) oder die Russische Revolution (1917) sind prominente Belege hierfür. Doch im Beispiel von Julius Cäsars Fall und Ende gibt es eine entscheidende Variante: Die Römer hatten bereits um 509 v.Chr. mit Tarquinius Superbus den letzten König vertrieben und sich im Laufe der Jahrhunderte eine stabile Republik aufgebaut, in der die Vorherrschaft der Aristokratie allmählich zurückgedrängt wurde. Doch viele hundert Jahre später ist die Republik durch innen- und außenpolitische Unruhen sowie mehrere Kriege empfindlich geschwächt. Julius Cäsar – genialer Politiker, Stratege und Heerführer, schließlich letzter, verbleibender popularer Konsul – beginnt 49 v.Chr. quasi als Befreiungsschlag den Bürgerkrieg, erobert schließlich Rom und ganz Italien. Nach seiner Rückkehr aus Ägypten lässt er sich 46 v. Chr. für zehn Jahre zum Diktator ernennen – ein Amt, das in der Republik eigentlich nur im Ausnahmezustand und auf ein halbes Jahr begrenzt eingenommen werden konnte.

Nach seiner Ermordung an den Iden des März (15. März) 44 v.Chr. durch eine Gruppe verschworener Senatoren, fliehen die Hauptakteure Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Langius aus Rom. Beide begehen nach verlorenen Schlachten gegen Marcus Antonius sowie Cäsars Ziehsohn Octavius zu Philippi Selbstmord. Antonius und Octavius werden zu Rivalen und bekriegen sich ihrerseits. Antonius unterliegt und Octavius wird 31 v.Chr. der erste römische Kaiser Augustus. Damit zeigt sich deutlich, dass selbst aus demokratischen Bestrebungen heraus totalitäre Strukturen entstehen und erstarken können.

Ein Alarmzeichen für uns und Ausgangspunkt unserer Überlegung: So sicher haben wir uns geglaubt, dass wir durch die Erfahrung unserer Geschichte Totalitarismus und Nationalismus überwunden haben. Doch wir sehen in unseren europäischen Nachbarländern und selbst in unserem eigenen Land, dass starke Gebärden wieder im Kommen sind; dass terroristische Anschläge wieder präsidiale Ausnahmerechte ermöglichen und immer stärker in die bürgerlichen Freiheitsrechte eingegriffen wird. Erzählen wir die Geschichte Cäsars für uns und unser Land neu, so lassen sich Parallelen in einer fiktiven Zukunft zeichnen. Demokratie ist altbacken und unerträglich verkrustet geworden, Heroismus und Nationalismus wirken dagegen erfrischend sexy und belebend. Die heroische Pose des nationalen Superhelden hat den bürokratischen Verwaltungsapparat abgelöst – Superschwert zerbröselt Leibnizkeks. Doch wie all die Diktatoren der Jahrhunderte ist auch dieser Cäsar nur ein schwächliches Männchen, dessen Superkraft allein auf Schreckensherrschaft, Inszenierung und Massenspektakel beruht.

Die Revolution gegen diesen Granden misslingt hier nicht, weil Revolutionen im Allgemeinen zum Scheitern verurteilt sind. Sie scheitert an der Eigennützigkeit des Cassius und der fast schon naiven Selbstlosigkeit des Brutus. Cassius weiß, dass ein Umsturz nur dann gelingen kann, wenn alle Störfaktoren beseitigt sind. Aber Brutus, der sich selbst als wandelnder kategorischer Imperativ begreift, schreckt vor der Notwendigkeit zurück, bis zum Äußersten zu gehen. Moralisch konsequent, doch strategisch fatal: Antonius bleibt verschont, mehr noch: Er darf dem Cäsar die Totenrede halten.

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Spielzeit 2015/16

Willkommen!

Theater ist ein Spiegel. Er reflektiert, was war, was ist und was sein könnte. Um uns spitzt sich die Lage zu – immer mehr Konflikte, Extremismus, Krisen – und doch umgibt uns eine süße Wolke der Harmoniesucht. Zivilisation ist ein hohes Gut. Doch sie steht auf dem Spiel. Das ist das Thema unserer Spielzeit: die dünne Haut der Zivilisation!

Der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald war ein brillanter Beobachter seiner Zeit. In trügerischer Leichtigkeit entlarvt er in seinem Roman DER GROßE GATSBY die Oberflächlichkeit von Reichtum und Luxus. Unser Sommer-OpenAir zeigt diese zeitlose Parabel in eigener Dramatisierung mit einem riesigen leeren Swimmingpool.

Unser Herbst beginnt mit einer Uraufführung. AGGROPOLIS ist die virtuelle Stadt, in der all das ausgelebt wird, was im politisch korrekten Alltag unterdrückt werden muss. Der ganze Spleen, die ganze Wut über all das, was wir sonst herunterschlucken. – Eine brandaktuelle und böse Satire über den virtuellen Menschen im 21. Jahrhundert.

Zwar gab es im alten Rom noch kein Internet, aber die alte Raffinesse der Intrigen und Machtspiele steht der heutigen in nichts nach. Einst war JULIUS CÄSAR Gleicher unter Gleichen, doch sein Ruhm ist ihm zu Kopf gestiegen. Jetzt muss er weg. Die Senatoren von Rom schmieden ein dunkles Mordkomplott und besiegeln damit ungewollt das Ende der Republik.

DIE KLEINEN FÜCHSE zerstören die Weinberge. Sie sind die Metapher in Lillian Hellmans Theaterstück, das 1941 mit Bette Davis verfilmt wurde. Im Zentrum steht eine Südstaatenfamilie in den Gründerjahren des Kapitalismus. Ihre weibliche Hauptfigur schreckt dabei vor keinem Mittel zurück, sich ihren gleichberechtigten Status in der chauvinistischen Männergesellschaft zu erkämpfen und entlarvt, dass Geld dicker ist als Blut.

Doch kein Thema ist aktueller als der Terrorismus. Das ganze Ausmaß dieser Spirale von Gewalt und Gegengewalt offenbart sich im spektakulärsten Verfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte – dem Prozess gegen die Drahtzieher der RAF: Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe. Die Wiederaufnahme unserer gefeierten Eigenproduktion STAMMHEIM beschließt im Frühjahr unsere Saison.

Eine umtriebige und hochpolitische Spielzeit – wir freuen uns auf Sie!

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Boote gegen den Strom

Dem Luxus verfallen, ständig bedroht von finanziellen Sorgen und Alkoholabstürzen schuf Francis Scott Fitzgerald einige der bedeutendsten Romane und Erzählungen der amerikanischen Literatur. Der große Gatsby – das ist natürlich der Autor selbst: Einer, der sich seine eigene Biografie ausgedacht und früh beschlossen hat, reich und berühmt zu werden. Auch das Wissen um das Scheitern dieses Traums gehörte von Anfang an mit dazu. So wurde Fitzgerald, der sich mit seinem ersten Roman „Diesseits vom Paradies“ aufmachte seinen „Amerikanischen Traum“ zu leben, bereits mit „Der große Gatsby“ – seinem zweiten Roman – zum Chronisten von dessen Untergang.

Und doch handelt der Roman letztlich vom Hoffen. Der „romantischen Bereitschaft zu Hoffen“, wie Fitzgerald die Haltung seines Protagonisten zum Leben beschreibt. Hoffen auf etwas, das unerreichbar scheint – vielleicht unerreichbar ist – und dennoch als Ziel postuliert werden muss. Gatsby als Figur verkörpert das Prinzip „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Das ist Amerika. Das ist der unerschütterliche Optimismus des „Yes, we can“, dessen Grundfesten in der amerikanischen Verfassung liegen, dessen goldenes Zeitalter die „Roaring Twenties“ sind mit ihrem Swing aus Luxus, Reichtum und Glamour, der drohenden Wirtschaftskrise und dem aufkommenden Faschismus im Rücken. Auch davon handelt das Buch. Von den kleinen Erschütterungen, die den Riss der Geschichte ausmachen werden: Tom Buchanan, Gatsbys Gegenspieler, ist erklärter Rassist. Gatsby selbst ist über zwielichtige Geschäfte mit Gangstern an Geld gekommen. Wilson – der Bewohner des „Tals der Asche“ – ist bereits das personifizierte Scheitern des „Amerikanischen Traums“ schlechthin. Seine Tankstelle steht auf dem Schutthaufen der Gesichtslosen, der Underdogs, der Traumleichen. Geld jedenfalls ist hier nicht zu machen. Glück und Erfolg – für Fitzgerald unbedingt Synonyme – gibt es hier nicht.

Will man solch ein gewaltiges Buch – gewaltig trotz seiner Kürze von etwa 150 Seiten im Original – für die Bühne adaptieren, steht man schnell vor erheblichen Schwierigkeiten. Denn „Der große Gatsby“ ist ein Buch, das vor allem eine bestimmte Atmosphäre atmet, das sich über Geruch und Geschmack erzählt, nicht über einen spektakulären Handlungsverlauf. Woher kommt der ganz eigene Charakter dieses Buches? Er liegt in der Haltung, in der Bewertung und Beschreibung des Erzählers Nick Carraway. Deshalb muss jede Adaption – inklusiver zahlreicher Verfilmungen – misslingen, die diesen Sachverhalt außer Acht lässt. Der Erzähler ist das Salz in der Suppe dieser Geschichte. Und Nick ist natürlich auch Fitzgerald – die andere Seite des Autors – der Chronist, der ewige Voyeur, der Teil hat am Partyleben und sich dennoch immer außen fühlt – nur Zuschauer ist. Der zu kompliziert ist, um einfach mitmachen zu können, der dem Strudel des Untergangs macht – und handlungslos zusehen muss, dafür allerdings wunderbar poetische Beschreibungen für diesen Komplettverlust an Glück bereithält.

Und natürlich darf auch Gott im Buch nicht fehlen. Ein Gott der Hoffnung selbstverständlich: Eine riesige Werbetafel, die „Augen von Dr. T.J. Eckleburg“, die über der Aschelandschaft als Symbol der Erlösung thronen: „Morgen rennen wir schneller, strecken uns höher ….und dann – eines schönen Morgens – Und so kämpfen wir uns voran, Boote gegen den Strom, unablässig der Vergangenheit zu.“

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Dichter der emotionalen Revolution

Der spanische Dichter Federico García Lorca war ein Allroundtalent: Musiker, Maler, Lyriker und der sicherlich bedeutendste Dramatiker seines Landes im 20. Jahrhundert. „Bernarda Albas Haus“ ist sein letztes vollständiges Stück – im Jahr seiner Ermordung durch die Faschisten vollendet – und der letzte Teil einer Trilogie von Dramen über die repressiven Strukturen im dörflichen Leben Andalusiens. Als fotografisches Dokument (so ist das Sück bewusst untertitelt) will der Dichter sein Werk verstanden wissen. Und auf den ersten Blick ist es genau das: Die akribische Beschreibung einer matriarchalischen Diktatur im erzkatholischen Spanien der 30er Jahre. Doch Lorcas „fotografischer Realismus“ geht weiter, durchdringt wie Röntgenstrahlen die reine Oberfläche und bildet neben äußeren Geschehnissen vor allem psychische Zustände und emotionale Zwischenwelten ab. Er zeigt, wie sich Diktaturen nicht nur der äußeren Unterdrückung von Freiheiten, sondern der daraus resultierenden psychischen Degeneration schuldig machen. Wie Opfer wiederum selbst zu Tätern werden – jeder der drei Akte endet mit einem Gewaltexzess – weil Gewalt sich fortpflanzt, unterdrückte Emotionen zu Aggressionen werden. Hierarchien ziehen sich bis ganz nach unten durch. Die Unterdrückten werden selbst zu Unterdrückern, die Gefolterten zu Folterern. Dies lässt sich in allen Mikrokosmen beobachten, in denen Menschen andere Menschen beherrschen, demütigen und sie ihrer physischen und psychischen Selbstverantwortlichkeit berauben.

Bernarda Albas Haus“ gab und gibt es dutzendfach auf dieser Welt: Es steht im Spanien Francos ebenso wie im Deutschland Hitlers, in der islamischen Welt wie im amerikanischen Süden oder im Russland Putins. Lorca war zuvorderst ein politischer Dichter, ein linker Freiheitskämpfer, aber auch ein schwuler Mann. Als letzterer oblag er selbst der jahrzehntelangen Unterdrückung durch seine eigene Familie. Lange Zeit wurde ein Mantel des Schweigens über diese Seite seiner Persönlichkeit gebreitet. Systematisch Briefe verbrannt – das Werk bewusst umgedeutet. Dass „Bernarda Albas Haus“ neben der offensichtlichen Lesart als Parabel über jede Form der Diktatur auch eine andere, geheimere Lesart zulässt ist kaum erstaunlich, kennt man andere Werke des Dichters. Ähnlich wie sein amerikanischer Dichterkollege Tennessee Williams schreibt Lorca über starke Frauenfiguren, die ihm Identifikation und Sprachrohr für homoerotische Sehnsüchte sind. So ist nicht nur „Bluthochzeit“ – das zweite Stück aus Lorcas „Trilogía de tragedias rurales“, sondern auch die „Sonette der dunklen Liebe“ durchdrungen von chiffrierten Bilderwelten dieser Leidenschaft.

Uns war es ein Anliegen Lorcas großartigen Text so authentisch wie möglich auf die Bühne zu bringen: Florian Wetters Neuübersetzung versucht, die krude Bilderwelt des spanischen Originals erfahrbarer als die vorigen Übersetzungen zu machen. Wir haben ebenfalls bewusst auf eine modernisierte Regietheateridee verzichtet, bringen das Drama also ganz nah am Text auf die Bühne und wollen dennoch 80 Jahre nach seiner Entstehung eine Weiterdeutung, eine Emanzipation der emotionalen Seite dieses Textes versuchen: Das Objekt der Begierde aller Frauen in „Bernarda Albas Haus“ – jener „Übermann“ Pepe el Romano tritt im Drama selbst nie auf. Er ist es, dem alle verfallen sind, von dem sie sich nicht losreißen können, der am Ende „als Löwe über dieses Haus herrscht“. Doch ist Pepe el Romano nicht vielleicht nur die andere, nicht gelebte Seite der eigenen Persönlichkeit? Ist die Vereinigung mit ihm vielleicht nur die Emanzipation der eigenen Gefühle aus Bevormundung und Ausgrenzung? Kommt mit ihm zum weiblichen das männliche Prinzip hinzu? Wird Pepe – diese Verkörperung alles Männlichen – wiederum durch die Vereinigung mit der weiblichen Seite zu einem anderen Mann? Die Ichfindung, die Geburt des eigenen Fühlens aus den Fesseln der Konformität ist ein wesentliches Thema des Dramas und ihm kommt entscheidende Bedeutung zu in Zeiten, in denen Frauenrechte im Nahen Osten in weiter Ferne sind, in denen Transsexuelle in Russland den Führerschein abgeben müssen, schwule Menschen in Afrika auf Todeslisten gesetzt werden. Lasst uns Federico García Lorca als Dichter der emotionalen Revolution wiederentdecken!

(Manuel Kreitmeier)

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Theater macht Spaß !

Jeden Montag um 19 Uhr

Der Workshop richtet sich an alle, die ihr schauspielerisches Handwerkzeug erweitern, üben oder einfach in die Schauspielerei hineinschnuppern möchten. Mittlerweile hat sich eine regelmäßige Gruppe gebildet, die ihr erstes Bühnenprojekt am 15. Oktober mit „Mensch oder Schwein?“ vorstellen wird. Der Workshop bleibt natürlich offen für weitere TeilnehmerInnen.

Kursleitung: Markus Schlüter, Manuel Kreitmeier

Montag, 19-21.00 im Theater der Immoralisten.

Teilnehmergebühr: 10 Euro pro Termin
Anmeldung unter info@immoralisten.de

Foto: Frank Müller/ tisento.de
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Freundeskreis

Junges Theater braucht starke Freunde !

Stärken Sie mit Ihrem Engagement unserem Theater den Rücken für seine Arbeit!

Mit einem Jahresbeitrag ab € 65,- werden Sie Mitglied im Freundeskreis und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Zunkunft unseres Hauses. Wir danken Ihnen mit € 2,- Ermäßigung auf die Tickets, allen wichtigen Infos per Newsletter, sowie auf Wunsch exklusive Platzreservierungen für jede Vorstellung.

Ihr Beitrag ist natürlich von der Steuer als Spende absetzbar!

Die Mitgliedschaft beginnt zum Monatsersten nach Eingang des Antrags und läuft dann für ein Jahr. Sie verlängert sich automatisch um ein weiteres Jahr und ist jederzeit schriftlich kündbar.

Jetzt Fördermitglied werden !

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Mission Rose

Odoardo Galotti – welch ein Mann! Superheld auf „Mission Mensch“ oder besser „Mission Rose“: Vater einer unterm Glassturz herangezogenen Tochter, deren Natur er nicht versteht. Denn im Gut/Böse-Kaleidoskop fallen alle schwarzen und weißen Teilchen eindeutig auf ihre Positionen und trennen das Lichte vom Dunklen.

Doch das wahre Wesen des Universums erfasst er nicht, dieser Galotti-Mensch mit seinen klaren Vorstellungen von Moral und Logik. Seine Odyssee wird dort endlos, wo der Raum sich zu krümmen beginnt und das Unerwartete alle Grenzen der Vorstellungskraft sprengt.

So irdisch Lessings Stück über royale Willkür und bürgerliche Moralverstrickung von 1772 auch anhebt, umso flimmernder wird bei genauerem Hinschauen seine universale Aussagekraft für die Frage nach der Tragweite menschlicher Existenz. Denn schwarz und weiß sind die Figuren dieses Dramas nur auf den ersten Blick, vielmehr stehen sie für energetische Prinzipien, die letztendlich doch alle Teil desselben Kosmos und voneinander untrennbar sind. Wie das Schachbrett bedingen sich Hell und Dunkel und ergeben nur im Miteinander einen Sinn.

Alles ist verbunden, das lernt der Prinz in kleinen bitteren Lektionen von seinem Diener Marinelli – die Tat ist bereits mit dem Wunsch vollbracht. Kaum ausgesprochen fällt auch schon der Schuss, kaum herbeigewünscht ist die Angebetete auch schon da. Nur der Preis ist nicht ausgemacht, weil nicht angefragt. Der Prinz wünscht verantwortungslos und flüchtete sich durchs Hintertürlabyrinth, wenn die Rechnung kommt. Der Blankopassierschein lässt dem zerstörerischen Prinzip Marinelli allen Freiraum zu schalten und walten wie es will. Nur möchte dieses auch in seiner ganzen genialen Effizienz verstanden werden. Und das kann es nur von etwas Ebenbürtigen.

Die Gräfin Orsina ist die Energie, die nach der Zerstörung übrig geblieben ist: chaotisch, brillant, abgrundtief. Sie ist das schwarze Loch, das den Raum zum Nullpunkt krümmt. Sie versteht Marinelli, weil sie mehr ist als er und er sie deswegen nicht dienstbar machen kann.

Das Gegenbild zur Zerstörung ist Emilia, ein Lichtwesen, blank, rein, voller Drang, lebendig zu sein. Doch wie lebendig sein, wie sich ausbreiten können, wenn das Lebensvorbild die Enge ist? Wie die eigenen Sehnsüchte stillen können, wenn die abstrakte Idee von Unschuld allem übergestülpt ist? Die Frage nach der Unschuld ist hier keine sexuelle. Nicht weil Emilia, den Prinzen auch begehren, sogar lieben könnte, ist sie an ihrem eigenen Untergang mitverantwortlich, sondern weil es ihr nicht gelingt, die eigene Natur gegen den Widerstand ihrer Umgebung durchzusetzen. Ihre Mutter ist das vorgelebte Beispiel dieser Unfreiheit, des Arrangierens mit den engen vier Wänden. Sie sitzt zu Hause, damit der Superheld durch den Weltraum tappen kann.

Doch wie in Stanley Kubricks „2001, A Space Odyssey” versteht der Entdecker nicht was er sieht. Wie kann er auch? Er müsste sich selbst auf eine neue Existenzstufe hieven. Dass er aber das auslöscht, was ihn eigentlich retten könnte, ist die eigentliche Ironie an der Sache.

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Das Gespenst der Freiheit

Unsere neue Spielzeit hat einen besonderen Protagonisten. Seit Urzeiten spukt es durch alle Länder und Welten – das Gespenst der Freiheit.

Rastlos und unerlöst, weil jede neue Tür die es auftut, gleichzeitig unzählige andere schließt. Die Frage, warum wir uns nicht frei fühlen, obwohl wir doch alle Möglichkeit dazu hätten, hat uns umgetrieben. Sie führt uns in aufregende Räume mit „No Exit“ – Schild, in denen wir unsere eigenen Konzepte auf die Probe stellen können. Doch kein Angst vorm geschlossenen Raum: unsere Ausstattung ist ein tapferes Herz und viel Humor!

Eine neue Chance ist ein besonderes Geschenk der Freiheit. Ein himmlisches Kaffeekränzchen aus liebem Gott, Petrus und der heiligen Magdalena beschließt, drei Selbstmörder wieder zurück auf die Erde zu schicken. Mit neuer Ausstattung sollen sie ihr Lebensglück finden. Einen Haken hat die Sache: EHEN WERDEN IM HIMMEL GESCHLOSSEN, doch geführt werden sie auf der Erde.

Ihre Freiheit bereits verloren haben die vier RAF-Drahtzieher Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe in unserer Neuproduktion STAMMHEIM. In diesem Stuttgarter Gefängnis sitzen die vier Terroristen während ihres Prozesses ein, sind aber schon lange Geiseln ihrer eigenen Ideologie geworden. In der Arena hinter Gittern liefern sich den finalen Endkampf.

In den Klauen seines rigorosen Moralkonzepts ist auch der Vater von EMILIA GALOTTI. Lieber die Blume brechen, als sie vom Wind entblättern zu lassen, sein Motto. Krasse Haltung? Nein, nur konsequente Reaktion auf eine Feudalherrschaft der Willkür, der er sich unterjochen muss.

Wobei das Joch nicht beschränkt ist auf politische Herrschaftssysteme: Gerade BERNARDA ALBAS HAUS ist der Inbegriff des familiären Hochsicherheitstrakts. Hier hat eine alte Matriarchin ihre Töchter vakuumverpackt, um sie vor den bösen Männern draußen zu bewahren. Doch Sehnsucht lässt sich nicht unterdrücken: sie will ihre Ketten sprengen.

Was ist also Freiheit? Materielle Unabhängigkeit? DER GROßE GATSBY hat sie erreicht und sich damit einbetoniert in eine Überfülle von Besitz. Angehäuft aus Liebe zu der Frau seines Lebens, der er nie nahe sein wird. Denn für sie zählt die Projektion von Luxus allein, für ihn die von Liebe.

Eine rastlose und wahrhaft immoralistische Spielzeit – wir freuen uns darauf und auf Sie!

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Die Sau auf dem Rad

Das große Märchenbuch wird aufgeklappt, in der Luft ist ein Singen und Klingen und die Donau walzert pappsüß vor sich hin. Das ist Idylle, hier kann der Mensch sein – so wie er ist, fesch, pfundig, Herz am rechten Fleck. Das Volksstück im 20. Jahrhundert als Ausdrucksform des modernen Theaters? Das wirkt schon wie ein Widerspruch in sich. Nestroys scharfe Zunge hängt als niedliches Kuriosum in der Jausenstation, wo sich der Kleingeist an seinen eigenen liebenswerten Schrullen erfreut.

Doch Horváth ist ein radikaler Theaterinnovator und erkennt das Potential, das in dem Genre steckt. Das Grauen kommt aus der Provinz und Provinzialität, wo der Mensch noch Vieh sein darf und sich nur durch einen Spiegel die eigene Fratze blicken kann. Konsequent setzt also Horváth dort an, wo Arthur Schnitzler aufgehört hat. Der Bildungsjargon des Kleinbürgertums ersetzt den Dialekt: Das Geplappere über das, wie die Welt halt so ist, was man halt so macht und was nicht, über die Planetenbahnen, die neusten Kampfkunsttechniken, Religionstrends und die Qualität der Blutwurst bilden die Hülsen, in denen Momente der Erkenntnis geradezu deplatziert aufpoppen.

Das wäre schon was mit der Erkenntnis, denn – das ist das Motto, das Horváth seinem Stück voranschreibt: „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“ Dummheit, jene „charmante Niedertracht“, ist die Grundausstattung des Kleinbürgers. Und das hat nichts mit Liebenswürdigkeit zu tun, denn vergessen wir nicht, wir stehen am Vorabend der Machtergreifung Hitlers, eben auch einer jener Provinzler mit dem Herz am „rechten“ Fleck: „Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint!“ (A. Hitler: „Mein Kampf“)

Doch wir wollen kein Museumstück präsentieren und uns mit entrüsteter Überlegenheit am erhobenen Zeigefinger lecken. Die Sehnsucht nach der Blutwurst und dem Abstechen der Sau ist auch uns geblieben und wir können uns nur immer wieder am Riemen reißen, um unserer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) zu entkommen, die den schmalen Grad zwischen Mensch- und Viehsein bildet. Die Schärfe in Horváth Text liegt in den Zwischentönen, den ätzenden Bitterstoffen, die er im pappigen Sirup verklebt. Seine Regieanweisungen enthüllen den wahren Charakter des gräulichen Zuckergebäcks. Dies zu zeigen ist Ausgangspunkt unseres künstlerischen Konzepts. Ein Zeremonienmeister am Schalthebel dieses perversen Reigens fremdbestimmt mit Horváths Originalanweisungen die Akteure und diktiert ihnen im Übrigen auch die Pausen: Stille ist der Moment, wenn die Phrasen versagen und die unbewussten Triebe und Empfindungen ins Vorbewusste blubbern.

Aufgeschraubt auf sein Schicksalsrad ist bei uns das willige Schlachtvieh Mensch. Wie fremdgesteuerte Roboter kleben die Akteure in ihrer stillen Straße im achten Bezirk, verbringen ihr Leben mit Ritualen, die sie für selbstbestimmt halten. Doch was ist schon Selbstbestimmung? Und inwiefern ist der Mensch überhaupt dafür geschaffen? Den Versuch einer Antwort gibt Horváth in der Gegenüberstellung seiner beiden weiblichen Hauptfiguren: Marianne beschließt zwar, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, handelt aber naiv und aus verkitschter Illusion. Valerie reagiert pragmatisch auf die wechselnden Konstellationen ohne daran ihr Seelenheil festzumachen – wohl die schmerzfreiere Haltung in einer Welt, die keinen wirklichen Sinn macht und über die ein Gott wacht, der ein Scherzkeks ist.

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Analytiker der Seele

Schnitzler ist ein Meister der Nebensätze, der subtilen Details, der Abgründigkeit des Smalltalks. Bei ihm geschieht alles zwischen den Zeilen. Die Vernichtung eines Menschen oder, wenn man so will, der Verlust seiner Illusionen – was für den Autor im Grunde auf dasselbe hinaus läuft – geht beinahe unmerklich vonstatten unter der brillanten Dialogführung einer gezuckerten Oberflächlichkeit. Durch Lügen beginnt sie. Lügen, die in Liebelei Schonung vor allzu viel Wahrheit sein wollen. Durch Konventionen, die Rebellionen verhindern. Durch kleine Stiche ins Herz der Seele, die letzten Endes ausblutet im Duell mit der ungeschönten Wirklichkeit.

Schnitzlers Werk ist hochmodern, insofern er uns die klaffende Abgründigkeit unter der glitzernden Patina der modernen Spaßgesellschaft zeigt. Fritz, Theodor und Mitzi leben nur im Jetzt, in der kurzen Befriedigung ihrer Konsumbedürfnisse. Sie haben längst alle Illusionen über die Liebe und jede Idee eines sinnvolleren Lebens verloren. Wie Vampire, die der Blutdurst nicht schlafen lässt, sind sie auf der ständigen Jagd nach Glück, das kaum eine Nacht währen wird. „Wer wird denn im Frühling an den August denken?“, konstatiert Mitzi denn auch offenherzig. Doch Vampire infizieren ihre Opfer, sie reißen sie mit in den Abgrund, töten ihre Seele, setzen auch sie der Leere eines untoten Lebens aus. Gestrandet auf der Wartebank der Vergänglichkeit enden sie: Christines Vater und Frau Binder (Spiegelbild der Mitzi in reiferen Jahren) haben nichts mehr zu erwarten. Das große Glück ist nur mehr ein ferner Traum, ausverkauft im Trubel der Vergnügungen. Und mit der Desillusionierung bleiben bestenfalls noch „Hilfskonstruktionen“ (Fontane), ein zwar ungeliebter aber gutsituierter Mann, oder die Liebe zu einer Tochter deren Umklammerung auch sie ersticken muss.

Vampire haben Angst vor dem Licht. Sie verbrennen darin. Sie können nur in der Dunkelheit, im Zwielicht existieren. Bei Helligkeit oder im Spiegel offenbart sich ihre Fratze, sieht man ihre blutigen Reißzähne mit denen sie ihre Opfer erlegen. Beide Ebenen waren für die Inszenierung von entscheidender Bedeutung: Die glitzernde Oberfläche einer schönen, nostalgischen Welt und ihr Gegenteil die Leere. Auch Dracula lebt in einem zwar spinnwebverhangenem, doch herrschaftlichem Schloss, trägt Frack und pomadisierte Haare und entbehrt nicht einer gewissen erotischen Ausstrahlung, dahinter aber verbirgt sich nur Elend, Verwesung und Einsamkeit. Unsere Inszenierung verlegt Schnitzlers elegante Fin de Siècle Welt in die 50er/60er Jahre, ersetzt Wiener Walzer mit Jazzmusik. In beidem liegt unter dem vorwärtstreibenden Rhythmus Traurigkeit und Tristesse. Bewegung und Statik sind zwei weitere entscheidende Momente der Inszenierung. Die „Mad Men“ – Zeit der späten 50er Jahre ist wie Schnitzlers Jahrhundertwende eine Zeit beginnender Umbrüche der kaum mehr haltbaren Konventionen. Hierin liegt vielleicht die einzige Hoffnung des Stücks. Dass sich bald alles ändern muss. Dass individuelle und gesellschaftliche Krise letzten Endes zusammengehören, dass beides erkannt und bekämpft werden kann.

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Das Gift wirkt

Manuel Kreitmeier über seine Hamlet- Inszenierung

Hamlets Vater wurde ermordet. Was schlimm beginnt muss schlimmer enden. Hieran lässt Shakespeare keinen Zweifel, so sehr sich seine Figuren auch dagegen abstrampeln. Das Gift, einmal im Körper des Organismus wird letztendlich alles zur Strecke bringen, was mit ihm in Berührung kommt. Es ist ein langsamer Tod, einer der zur Qual wird für Opfer und Täter und der keinerlei Erkenntnisse mit sich bringt, außer dass aus Bösem niemals Gutes werden kann.

Dieser Konflikt beginnt im Stück ab der ersten Minute: Claudius und Gertrud, die beiden Mörder, wollen das geschehene Unrecht vergessen, endlich ein gutes Leben führen inmitten von Macht, Luxus und sexuellem Glück. Dies wird jedoch vereitelt durch ihr lebendiges schlechtes Gewissen, Hamlet. Dieser ist nicht bereit den Mord am Vater aus seinem Gedächtnis zu tilgen. Im Gegenteil: Rache und Erinnerung wird zu dessen einziger Lebensaufgabe. So bilden das Königspaar und Hamlet die gegensätzlichen Pole der gleichen Geschichte: Gegenwart gibt es nicht. Die einen leben nur in Zukunftsträumen, verdrängen die Geschichte, der andere vergräbt sich im Schmutz der Vergangenheit und kann so nur zum Todesanbeter werden.

Es ist dieser Fatalismus der Tat, der Kommunikation als Lösungsmöglichkeit völlig ausschaltet. Es gibt wohl kein anderes so beredtes Stück in der Weltliteratur, in dem so wenig miteinander gesprochen wird, indem Kommunikation und Reflektion so wenig Lösungsmöglichkeit bietet. Im Gegenteil: Sie führt zu folgenschweren Missverständnissen. Scheinbare Lösungen, Pläne, Intrigen und Gesprächsangebote führen immer nur an den Punkt der Explosion aus heiterem Himmel, die von den Figuren in dieser Stärke nicht einmal erahnbar war. Unsere Textfassung legt besonderen Wert auf die Gegenüberstellung von Aktion und Reaktion. Gerade um die Unfähigkeit der Figuren zur adäquaten Handlung, zur umsichtigen Ausführung ihrer Pläne zu zeigen, wird gehandelt was das Zeug hält. Alle Handlungsansätze jedoch führen zu Kettenreaktionen und enden für die handelnde Person im Untergang. Wie bei einer allergischen Reaktion werden Unverträglichkeiten so potenziert, dass Aktion und Reaktion in keinem Verhältnis mehr zueinander steht und absurd wird.

Hinzu kommt eine Bühnensituation, die diese kommunikative Entfernung der Figuren physisch greifbar machen will. In dieser Familie werden Konflikte nicht besprochen, es gibt keinen Raum hierfür, kein Privates. Was Hamlet beim Stiefvater und der Mutter nicht erreichen kann: Einsehen, Reue, Verständnis und Schuldbewusstsein, das hat er selbst in seinen Gewaltakten gegen Ophelia und Polonius auch nicht. Es ist, als ob die Figuren immer nur im Gegenüber Schuld und Unrecht sehen könnten, niemals allerdings bei sich selbst. Diese Unfähigkeit zur Reflektion des eigenen Tuns bei gleichzeitigem Überhang an Selbstbespiegelung ist einmalig in der Weltliteratur und trägt bei Shakespeare absurde und existentialistische Züge. So scheitert Claudius in seinem berühmten Monolog beispielsweise daran, Vergebung von Gott zu erlangen, weil er zwar reingewaschen werden will von Schuld, andererseits aber keine seiner Taten bereut. Eine Gleichung die nicht aufgehen kann. Bis zum Schluss sucht der störrische Mensch Schlupfwinkel und Ausflüchte, die sich wie Lösungsmöglichkeiten anfühlen, doch letztendlich vom vergifteten Anfang an geradewegs zum Schafott führen. Das Gift wirkt.

 

 

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Spielzeit 2013/14

Liebes Publikum!

Lange und tief haben wir geschürft nach Stücken und Themen, die uns alle bewegen. Es hat sich gelohnt:  unsere neue Spielzeit – hier ist sie!

Wir starten  den Sommer mit unserer OpenAir-Produktion DER GEIZIGE von Molière. Die Finanzkrise beherrscht uns alle, treibt uns um und in den Wahnsinn. Im Zuge dessen fanden wir  es an der Zeit, eine ironische Lanze zu brechen für die Probleme und Gebrechen wirklich reicher Männer. Ein riesiger Geldspeicher vor dem Theater und eine schräge Komödie im Comicstil ist unsere Hommage an Dagobert Duck und den Sommer.

Die Innensaison beginnt intensiv und surreal im abgedunkelten Zimmer von HANNELORE K. Unser Regisseur Manuel Kreitmeier hat ein Stück über sie geschrieben. Eine fiktive Fantasie über die Themen ihres Lebens, ihre Lichtallergie und den Preis, den sie anstelle des mächtigen Mannes an ihrer Seite zu zahlen hat.

Und auch das folgende Stück ist ein Blick ins Mysterium Psyche: Wir nehmen die Herausforderung an und spielen eines der größten Dramen von William Shakespeare – HAMLET! Dazu teilen wir seinen Protagonisten in drei Teile und wagen uns vor in ein bizarres Spiegelkabinett der Schizophrenien und psychologischen Chiffren.

Nach dem Blick in die Untergründe ist es an der Zeit, sich wieder ans Tageslicht zu wagen. Natürlich begegnet uns dort als erstes immer nur das Eine – die Liebe … Bei Arthur Schnitzler ist sie allerdings nur LIEBELEI, also eigentlich etwas Kleines und Unverbindliches. Nimmt man Unverbindlichkeiten allerdings beim Wort,  werden sie schnell zu Stolperfallen, wo (wie in jeder guten Komödie) das Komische immer sehr nahe beim Tragischen liegt.

Das gilt auch für Odön von Horváths GSCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD, die wir nach Hoppla, wir leben! und Baal als dritten Teil unseres von Stadt und Land geförderten Triptychons Pulverfass: Weimar! zeigen.

Eine wahrhaft immoralistische Spielzeit… Wir freuen uns darauf und hoffen, Sie auch!

Hier unser Spielzeitheft 2013/14 zum Download

Spielzeitheft 2013/14

Alle Premieren im Überblick:

DER GEIZIGE von Molière (Premiere am 17. Juli 2013)

HANNELORE von Manuel Kreitmeier (Uraufführung am 26. September 2013)

HAMLET von William Shakespeare (Premiere am 21. November 2013)

LIEBELEI von Arthur Schnitzler (Premiere am 20. Februar 2014)

GSCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD von Ödön von Horváth (Premiere am 24. April 2014)

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Die Tragik der Reichen

Regisseur Manuel Kreitmeier über die Figur des „GEIZIGEN“

Das Geld ist nur eine Zahl. Eine weitere Null hinter dem Komma. Hier geht es nicht um Luxus oder ein schönes Leben, sondern um etwas rein Mathematisches. Denn Ausgeben kann man das ganze Geld eh niemals. Die Tragik der Reichen, der Uli Hoenesse dieser Welt, ist dem Normalsterblichen kaum nachvollziehbar. Dem Künstler schon zweimal nicht. Umso lohnenswerter die Geschichte einmal durch die Augen eines solchen Dagobert Duck zu sehen. Harpagon gönnt sich selbst nichts, doch noch weniger seinen Kindern. Hofft sogar sie bald unter der Erde zu wissen, um endlich allein zu sein mit seiner überidimensionierten Geldkassette, die nicht zuletzt die Potenz auf dem Bankkonto symbolisiert. Doch Harpagons Liebe zu seinen Talern ist die Liebe eines zutiefst Einsamen. Der Geizhals ist tatsächlich eine tragische Figur, weil ihn ein ins Absurde gesteigertes Sicherheitsbedürfnis am Leben und Lieben hindert. Unter allem Geiz steckt hier letztlich nämlich Angst. Die Angst vor dem Tod. Am Schluß nämlich ist Geld nur Schall und Rauch und der größte Geldspeicher leer. „You can´t take ist with you“ heißt ein bekanntes angelsächsisches Sprichwort. Das muss dann wohl die Tragik der Reichen sein.

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Die Tragödie der Political Correctness

„Da ist noch ein Fleck … Fort, verdammter Fleck, fort, sag ich!“
(William Shakespeare: MACBETH)

Weit weg stehen die Twin Towers, ein Ozean – über eine Dekade – zwischen uns und ihrem Einsturz. Der „gefährliche neue Krieg“ gegen den Terror ist nicht unserer, nie gewesen. Wir sind aufgeklärt, gefeit gegen falsche Polemik, wertfest, moralisch integer, tolerant (zumindest politisch korrekt) und genießen die Früchte unseres verdienten Wohlstands.

Doch ist durch den Aufprall der herabstürzenden Trümmer von einst ein kleiner Riss in unserem Fundament zurückgeblieben. Die Bedrohung durch Terror ist nicht etwas, das von außen kommt, sondern eine Angst, die in unserer Mitte entspringt.

Dennis Kelly, britischer Autor mit irischen Wurzeln, ist spät, erst mit 17, zum Theater gekommen. Er stammt aus den einfachen Verhältnissen der für Großbritannien typischen „lower middleclass“ – ein bisschen ärmer als alle anderen, aber keine schlechte Kindheit. Bis heute wehrt er sich gegen das Bild der gewaltdominierten, rassistischen Unterschichtssubkultur, in das ihn die Rezeption seiner frühen Stücke drängen wollte: „Die Leute sind geschockt, wenn sie mich treffen. Ich denke sie erwarten von mir, dass ich vor ihren Augen eine Katze töte oder etwas in der Art“.

Vielleicht liegt das daran, dass Kelly es liebt, seine Figuren immer wieder in Extremsituationen zu bringen und dabei bis ans Äußerste zu gehen. Es sei fast schon seine Verantwortung, so sagt er, „sie in schlimme Situationen zu bringen und zu schauen was passiert“. Es ist seine Faszination für Shakespeare, die diese Sicht bestätigt. Die wahre Fallhöhe eines Menschen zeigt sich nur in der Zuspitzung durch Tragödie, die wahrhaftige Einsicht – der „dramatic insight“ – kommt erst dann, wenn alles zu spät ist.

Als wir Waisen zum ersten Mal lasen, war uns klar, dass die Bühne in der Mitte sein musste, sie sollte so eng sein wie möglich – eine Keimzelle, die berühmte Keimzelle der gehüteten Familie, auf der unser ganzes Gesellschaftsbild beruht. Deren Einrichtung ist weiß, rein, makellos, stilistisch unangreifbar, weil geschmacklich durch teuren Mainstream-Wohnkomfort über jeden Zweifel erhaben. Der feine Riss geht diagonal durch ihr Zentrum, die Beziehung der drei Figuren ist von vornherein strapaziert, angerissen.

Dramaturgisch wollten wir die Schraube in den vier Teilen immer weiter anspannen, von Shakespeare und dem Absurden Theater lernen, dass Komik aus der Tragödie nicht wegzudenken ist, ja sie geradezu bedingt.

Quellen:
London Evening Standard, „Dennis Kelly: I can’t imagine a more violent writer than Shakespeare”
The New York Times, “President Bush’s Speech on Terrorism

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Die Welt ist ein umgestürzter Hafen

Büchners „Woyzeck“ existiert nur als Fragment. Verschiedene Manuskriptseiten des Autors beinhalten ganz unterschiedliche Szenenentwürfe- und stadien, die Hand- und Kurzschrift selbst ist teilweise schlicht und einfach nicht (mehr) entzifferbar. Manche Szenen allerdings können als fertige Endfassung angesehen werden. So beispielsweise der komplette Schluss sowie alle Woyzeck/ Marieszenen.

In der Beschäftigung mit dem Text kann man dessen offene Struktur dennoch nicht verleugnen. Sie ist vielleicht gerade sein größter Reiz.

Wichtigstes Stilmittel Büchners ist die Gegenüberstellung von psychologischen und kommentierenden Szenen. Fast wie später bei Brecht oder Fassbinder. Vorbild der Inszenierung: Fassbinders „Satansbraten“. Eine komplett unwitzige, weil unheimliche Komödie. Büchner selbst lässt eine Figur, die er den Ausrufer nennt, mehrfach auftreten. Sie stellt das Stück immer wieder in den geistesgeschichtlichen und medizinischen Diskurs seiner Zeit, nimmt insbesondere aber des Autors eigene zivilisationskritische und antiidealistische Haltung ein. So ist „Woyzeck“ zuerst brillantes psychologisches Drama – Büchners scharfsichtige und sprachlich differenziert ausgestaltete Wandlung eines einfachen Soldaten zum Mörder – darüber hinaus aber ein ungemein politisches Stück über Unterdrückung und Ausbeutung des Schwächeren.

Dieser radikal realistische Ansatz des Autors verbindet sich mit Naturmetaphorik, Mystizismus, religiöser Symbolik und zeitgeschichtlichem Diskurs. Ein kurzes und gleichzeitig unglaublich vielschichtiges Stück Literatur, dem man nur mit klaren Brüchen Herr zu werden vermag. Um das Stück in seiner ganzen Schlagkraft heute noch zu begreifen, erschien mir wichtig die Figur des Ausrufers umzubauen zu einem das Stück kommentierenden Moderator. Inhaltlich durchaus an Büchners Gedankengänge angelehnt, ist dieser Eingriff in das Stück der Versuch, seine damals aktuelle kulturkritische Schlagkraft zurückzugewinnen. Gleichzeitig ist er Sprachrohr für Gedanken, die mir als Theatermacher auf den Nägeln brennen und die mit Büchners eigenen Vorstellungen gleichziehen, durchaus aber auch meine eigene Beschäftigung mit dem Genre des Volksstücks von „Kasimir und Karoline“ über „Heimarbeit“ bis zu „Woyzeck“ ausformulieren. War ersteres der Versuch das Volksstück als bunten Sommerspaß zuerst leicht verkostbar zu machen, um es dann umso nachhaltiger als Ansammlung von seelischen Grausamkeiten zu entlarven, war die Kroetz-Inszenierung intimes, klaustrophobisches Kammerspiel. Die psychologische Seite der Abgründe, die unsere Gesellschaft durchziehen.

„Woyzeck“ dagegen ist grelles Vaudeville, Comic und Geisterbahnfahrt. Mit allen dazugehörigen Gruseleffekten, Bösewichtern und Lachnummern. Eine Ansammlung von Monstrositäten und die Unfähigkeit der Hauptfigur und des Zuschauers dieser Vorführung – hier wird vorgeführt und gespielt was das Zeug hält – zu entkommen. Armut ist Horror. Bildung und Status ist Macht. So einfach lautet Büchners Moral. Ein Immoralist erster Stunde also.

Denn eigentlich haben hier alle das Zeug zum Mörder – alle außer Woyzeck. Die Katze wird so lange gepiesackt, bis sie zurückbeißt. Woyzeck muss zum Amokläufer werden – vielleicht wäre er sogar ein vorzüglicher Terrorist wenn er seine Unterdrückung nicht nur als singuläres Erlebnis begreifen würde – weil die anderen ihn Tag um Tag, Stück um Stück und Satz um Satz morden: Marie mit ihrem unverhohlenen Aufstiegswillen, der Doktor mit seinem medizinischen Größenwahn, der Hauptmann mit seinen moralischen Vorhaltungen, der Tambourmajor mit seiner eitlen Koketterie und schließlich Anders mit seiner Blindheit. Abseits steht der Narr. Er kann den Untergang zwar verkünden – aufhalten kann er ihn nicht. „Die Welt ist ein umgestürzter Hafen“, lässt ihn Büchner sagen. Damals wie heute.

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Spielzeit 2012/13

Starke Stücke haben wir gesucht. Stücke, die uns alle angehen, am Puls der Zeit sind, kein Blatt vor den Mund nehmen. Stücke, die zu uns passen – hier sind sie:

Wir widmen Sommer und Herbst dem Volksstück. Ein faszinierendes Genre!

Ödön von Horváth ist in dieser Hinsicht ein Meister seines Fachs. Am Mikrokosmos Oktoberfest zeigt er in Kasimir und Karoline (Sommer 2012), wie die Menschen plötzlich im Würfelbecher durcheinander geschüttelt werden, wenn nur genug Alkohol und Versuchung im Spiel ist, und sich in abstrusen Konstellationen neu zusammenfinden.

Versuchung ist übrigens das Stichwort für Heimarbeit (ab 27.9.) von F.X. Kroetz. Martha erwartet ein uneheliches Kind. Ihr Gatte Willy ist davon wenig begeistert. Doch Abtreibung ist keine Heimwerkertätigkeit: Hier finden wir sie wieder, die schwarzen Löcher in den Wohnzimmern dieser Welt …

Der Woyzeck (ab 8. 11) von Georg Büchner fügt sich wie von selbst in diese Reihe. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, er sei eine Art Volksstückurahn. Ein realer Mordfall hat Büchner inspiriert. Das Ergebnis ist das Labor einer Menschenversuchsanordnung, die ihren Protagonisten in die Zwischenwelt von Wirklichkeit und Wahnsinn treibt.

Wie eine Laborsituation erscheint auch Dennis Kellys Waisen (ab 25.4.2013). Die Geschichte eines Unfalls beginnt harmlos, doch artet im Laufe des Abends aus zur atemberaubenden Parabel über Fremdenhass und Terrorismus.

Parabelhaft und wie ein Psychogramm über die junge verlorene Generation der Weimarer Zeit wirkt Bertolt Brechts frühes Stück Baal (ab 7.2.2012). Wir zeigen es als zweiten Teil unseres geförderten Triptychons „Pulverfass: Weimar!“ mit neu komponierter und live aufgeführter Bühnenmusik.

Last not least: Alles andere als ein Museumsstück ist Lessings Emilia Galotti. Ein anarchischer Prinz und seine gewissenenlose Hofschranze erobern ein tugendhaftes Mädchen und gehen dabei ans Äußerste.

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Historix‘ Geisterstunde

Schaurige Geschichten, wohliges Grauen und auch blankes Entsetzen erwartet Sie in einer Lese-Reihe, die das Team vom Historix in unserem Theater präsentiert. Peter Haug-Lamersdorf und Oliver Genzow lesen und erzählen literarische Gespenster-Geschichten. Achtung: Fühlen Sie sich nie sicher – grausige Überraschungen sind zu erwarten …!

Mit: Oliver Genzow und Peter Haug-Lamersdorf
Redaktion: Hartmut Stiller

Karten zu € 12,- und € 8,- (ermäßigt)

Karten

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Neuer Internetauftritt

Nicht nur das Gesicht hat sich verändert: Viele neue Funktionen und Rubriken sollen Ihnen die Benutzung erleichtern und Ihnen einen noch umfassenderen Überblick über uns und unsere Arbeit geben.

Karten können Sie nun zukünftig bequem im Menü Spielplan bei der Vorstellung direkt reservieren.

Und neben unseren aktuellen Stücken haben Sie unter Archiv nun auch Zugang zu unseren vergangenen Arbeiten.

Wie bei jedem neuen Internetauftritt, sind wir noch in der Erprobungsphase und werden unsere Inhalte beständig erweitern und verbessern. Momentan arbeiten wir noch an den interaktiven Besetzungslisten für jedes Stück und einem Backstage-Bereich.

Wir hoffen, dass Sie jetzt schon Freue daran haben werden, in unserem neuen virtuellen Zuhause zu herumzuspazieren …

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Kurse

Auf vielfachen Wunsch bieten wir ab Herbst Kurse und Workshops in vielen unterschiedlichen Bereichen an.

Dabei richten wir uns nicht nur an SchauspielerInnen und diejenigen die es werden wollen, sondern auch und gerade an Leute, die in ihrem Beruf und Alltag Körper und Stimme verstärkt einsetzen und in der Öffentlichkeit stehen.

Unser Angebot umfasst dabei diverse Profitrainings, Einstiegs- und Aufbaukurse zu allen wichigen Themen:

Körperwahrnehmung
Bühnenpräsenz
Atemtechnik
Stimme
Sprechen
Textvortrag & Gestaltung
Präsentationstraining
Schauspiel & Performance
Rollenarbeit
Improvisation

Auf Anfrage können Kurse individuell oder für Kleingruppen nach Bedarf abgestimmt werden!

Kontakt: info@immoralisten.de