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Das Gift wirkt

Manuel Kreitmeier über seine Hamlet- Inszenierung

Manuel Kreitmeier über seine Hamlet- Inszenierung

Hamlets Vater wurde ermordet. Was schlimm beginnt muss schlimmer enden. Hieran lässt Shakespeare keinen Zweifel, so sehr sich seine Figuren auch dagegen abstrampeln. Das Gift, einmal im Körper des Organismus wird letztendlich alles zur Strecke bringen, was mit ihm in Berührung kommt. Es ist ein langsamer Tod, einer der zur Qual wird für Opfer und Täter und der keinerlei Erkenntnisse mit sich bringt, außer dass aus Bösem niemals Gutes werden kann.

Dieser Konflikt beginnt im Stück ab der ersten Minute: Claudius und Gertrud, die beiden Mörder, wollen das geschehene Unrecht vergessen, endlich ein gutes Leben führen inmitten von Macht, Luxus und sexuellem Glück. Dies wird jedoch vereitelt durch ihr lebendiges schlechtes Gewissen, Hamlet. Dieser ist nicht bereit den Mord am Vater aus seinem Gedächtnis zu tilgen. Im Gegenteil: Rache und Erinnerung wird zu dessen einziger Lebensaufgabe. So bilden das Königspaar und Hamlet die gegensätzlichen Pole der gleichen Geschichte: Gegenwart gibt es nicht. Die einen leben nur in Zukunftsträumen, verdrängen die Geschichte, der andere vergräbt sich im Schmutz der Vergangenheit und kann so nur zum Todesanbeter werden.

Es ist dieser Fatalismus der Tat, der Kommunikation als Lösungsmöglichkeit völlig ausschaltet. Es gibt wohl kein anderes so beredtes Stück in der Weltliteratur, in dem so wenig miteinander gesprochen wird, indem Kommunikation und Reflektion so wenig Lösungsmöglichkeit bietet. Im Gegenteil: Sie führt zu folgenschweren Missverständnissen. Scheinbare Lösungen, Pläne, Intrigen und Gesprächsangebote führen immer nur an den Punkt der Explosion aus heiterem Himmel, die von den Figuren in dieser Stärke nicht einmal erahnbar war. Unsere Textfassung legt besonderen Wert auf die Gegenüberstellung von Aktion und Reaktion. Gerade um die Unfähigkeit der Figuren zur adäquaten Handlung, zur umsichtigen Ausführung ihrer Pläne zu zeigen, wird gehandelt was das Zeug hält. Alle Handlungsansätze jedoch führen zu Kettenreaktionen und enden für die handelnde Person im Untergang. Wie bei einer allergischen Reaktion werden Unverträglichkeiten so potenziert, dass Aktion und Reaktion in keinem Verhältnis mehr zueinander steht und absurd wird.

Hinzu kommt eine Bühnensituation, die diese kommunikative Entfernung der Figuren physisch greifbar machen will. In dieser Familie werden Konflikte nicht besprochen, es gibt keinen Raum hierfür, kein Privates. Was Hamlet beim Stiefvater und der Mutter nicht erreichen kann: Einsehen, Reue, Verständnis und Schuldbewusstsein, das hat er selbst in seinen Gewaltakten gegen Ophelia und Polonius auch nicht. Es ist, als ob die Figuren immer nur im Gegenüber Schuld und Unrecht sehen könnten, niemals allerdings bei sich selbst. Diese Unfähigkeit zur Reflektion des eigenen Tuns bei gleichzeitigem Überhang an Selbstbespiegelung ist einmalig in der Weltliteratur und trägt bei Shakespeare absurde und existentialistische Züge. So scheitert Claudius in seinem berühmten Monolog beispielsweise daran, Vergebung von Gott zu erlangen, weil er zwar reingewaschen werden will von Schuld, andererseits aber keine seiner Taten bereut. Eine Gleichung die nicht aufgehen kann. Bis zum Schluss sucht der störrische Mensch Schlupfwinkel und Ausflüchte, die sich wie Lösungsmöglichkeiten anfühlen, doch letztendlich vom vergifteten Anfang an geradewegs zum Schafott führen. Das Gift wirkt.

 

 

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