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Dichter der emotionalen Revolution

Manuel Kreitmeier über seine Inszenierung von García Lorcas „BERNARDA ALBAS HAUS“

Der spanische Dichter Federico García Lorca war ein Allroundtalent: Musiker, Maler, Lyriker und der sicherlich bedeutendste Dramatiker seines Landes im 20. Jahrhundert. „Bernarda Albas Haus“ ist sein letztes vollständiges Stück – im Jahr seiner Ermordung durch die Faschisten vollendet – und der letzte Teil einer Trilogie von Dramen über die repressiven Strukturen im dörflichen Leben Andalusiens. Als fotografisches Dokument (so ist das Sück bewusst untertitelt) will der Dichter sein Werk verstanden wissen. Und auf den ersten Blick ist es genau das: Die akribische Beschreibung einer matriarchalischen Diktatur im erzkatholischen Spanien der 30er Jahre. Doch Lorcas „fotografischer Realismus“ geht weiter, durchdringt wie Röntgenstrahlen die reine Oberfläche und bildet neben äußeren Geschehnissen vor allem psychische Zustände und emotionale Zwischenwelten ab. Er zeigt, wie sich Diktaturen nicht nur der äußeren Unterdrückung von Freiheiten, sondern der daraus resultierenden psychischen Degeneration schuldig machen. Wie Opfer wiederum selbst zu Tätern werden – jeder der drei Akte endet mit einem Gewaltexzess – weil Gewalt sich fortpflanzt, unterdrückte Emotionen zu Aggressionen werden. Hierarchien ziehen sich bis ganz nach unten durch. Die Unterdrückten werden selbst zu Unterdrückern, die Gefolterten zu Folterern. Dies lässt sich in allen Mikrokosmen beobachten, in denen Menschen andere Menschen beherrschen, demütigen und sie ihrer physischen und psychischen Selbstverantwortlichkeit berauben.

Bernarda Albas Haus“ gab und gibt es dutzendfach auf dieser Welt: Es steht im Spanien Francos ebenso wie im Deutschland Hitlers, in der islamischen Welt wie im amerikanischen Süden oder im Russland Putins. Lorca war zuvorderst ein politischer Dichter, ein linker Freiheitskämpfer, aber auch ein schwuler Mann. Als letzterer oblag er selbst der jahrzehntelangen Unterdrückung durch seine eigene Familie. Lange Zeit wurde ein Mantel des Schweigens über diese Seite seiner Persönlichkeit gebreitet. Systematisch Briefe verbrannt – das Werk bewusst umgedeutet. Dass „Bernarda Albas Haus“ neben der offensichtlichen Lesart als Parabel über jede Form der Diktatur auch eine andere, geheimere Lesart zulässt ist kaum erstaunlich, kennt man andere Werke des Dichters. Ähnlich wie sein amerikanischer Dichterkollege Tennessee Williams schreibt Lorca über starke Frauenfiguren, die ihm Identifikation und Sprachrohr für homoerotische Sehnsüchte sind. So ist nicht nur „Bluthochzeit“ – das zweite Stück aus Lorcas „Trilogía de tragedias rurales“, sondern auch die „Sonette der dunklen Liebe“ durchdrungen von chiffrierten Bilderwelten dieser Leidenschaft.

Uns war es ein Anliegen Lorcas großartigen Text so authentisch wie möglich auf die Bühne zu bringen: Florian Wetters Neuübersetzung versucht, die krude Bilderwelt des spanischen Originals erfahrbarer als die vorigen Übersetzungen zu machen. Wir haben ebenfalls bewusst auf eine modernisierte Regietheateridee verzichtet, bringen das Drama also ganz nah am Text auf die Bühne und wollen dennoch 80 Jahre nach seiner Entstehung eine Weiterdeutung, eine Emanzipation der emotionalen Seite dieses Textes versuchen: Das Objekt der Begierde aller Frauen in „Bernarda Albas Haus“ – jener „Übermann“ Pepe el Romano tritt im Drama selbst nie auf. Er ist es, dem alle verfallen sind, von dem sie sich nicht losreißen können, der am Ende „als Löwe über dieses Haus herrscht“. Doch ist Pepe el Romano nicht vielleicht nur die andere, nicht gelebte Seite der eigenen Persönlichkeit? Ist die Vereinigung mit ihm vielleicht nur die Emanzipation der eigenen Gefühle aus Bevormundung und Ausgrenzung? Kommt mit ihm zum weiblichen das männliche Prinzip hinzu? Wird Pepe – diese Verkörperung alles Männlichen – wiederum durch die Vereinigung mit der weiblichen Seite zu einem anderen Mann? Die Ichfindung, die Geburt des eigenen Fühlens aus den Fesseln der Konformität ist ein wesentliches Thema des Dramas und ihm kommt entscheidende Bedeutung zu in Zeiten, in denen Frauenrechte im Nahen Osten in weiter Ferne sind, in denen Transsexuelle in Russland den Führerschein abgeben müssen, schwule Menschen in Afrika auf Todeslisten gesetzt werden. Lasst uns Federico García Lorca als Dichter der emotionalen Revolution wiederentdecken!

(Manuel Kreitmeier)

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