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Die Sau auf dem Rad

Zu unser Produktion GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD

Das große Märchenbuch wird aufgeklappt, in der Luft ist ein Singen und Klingen und die Donau walzert pappsüß vor sich hin. Das ist Idylle, hier kann der Mensch sein – so wie er ist, fesch, pfundig, Herz am rechten Fleck. Das Volksstück im 20. Jahrhundert als Ausdrucksform des modernen Theaters? Das wirkt schon wie ein Widerspruch in sich. Nestroys scharfe Zunge hängt als niedliches Kuriosum in der Jausenstation, wo sich der Kleingeist an seinen eigenen liebenswerten Schrullen erfreut.

Doch Horváth ist ein radikaler Theaterinnovator und erkennt das Potential, das in dem Genre steckt. Das Grauen kommt aus der Provinz und Provinzialität, wo der Mensch noch Vieh sein darf und sich nur durch einen Spiegel die eigene Fratze blicken kann. Konsequent setzt also Horváth dort an, wo Arthur Schnitzler aufgehört hat. Der Bildungsjargon des Kleinbürgertums ersetzt den Dialekt: Das Geplappere über das, wie die Welt halt so ist, was man halt so macht und was nicht, über die Planetenbahnen, die neusten Kampfkunsttechniken, Religionstrends und die Qualität der Blutwurst bilden die Hülsen, in denen Momente der Erkenntnis geradezu deplatziert aufpoppen.

Das wäre schon was mit der Erkenntnis, denn – das ist das Motto, das Horváth seinem Stück voranschreibt: „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“ Dummheit, jene „charmante Niedertracht“, ist die Grundausstattung des Kleinbürgers. Und das hat nichts mit Liebenswürdigkeit zu tun, denn vergessen wir nicht, wir stehen am Vorabend der Machtergreifung Hitlers, eben auch einer jener Provinzler mit dem Herz am „rechten“ Fleck: „Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint!“ (A. Hitler: „Mein Kampf“)

Doch wir wollen kein Museumstück präsentieren und uns mit entrüsteter Überlegenheit am erhobenen Zeigefinger lecken. Die Sehnsucht nach der Blutwurst und dem Abstechen der Sau ist auch uns geblieben und wir können uns nur immer wieder am Riemen reißen, um unserer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) zu entkommen, die den schmalen Grad zwischen Mensch- und Viehsein bildet. Die Schärfe in Horváth Text liegt in den Zwischentönen, den ätzenden Bitterstoffen, die er im pappigen Sirup verklebt. Seine Regieanweisungen enthüllen den wahren Charakter des gräulichen Zuckergebäcks. Dies zu zeigen ist Ausgangspunkt unseres künstlerischen Konzepts. Ein Zeremonienmeister am Schalthebel dieses perversen Reigens fremdbestimmt mit Horváths Originalanweisungen die Akteure und diktiert ihnen im Übrigen auch die Pausen: Stille ist der Moment, wenn die Phrasen versagen und die unbewussten Triebe und Empfindungen ins Vorbewusste blubbern.

Aufgeschraubt auf sein Schicksalsrad ist bei uns das willige Schlachtvieh Mensch. Wie fremdgesteuerte Roboter kleben die Akteure in ihrer stillen Straße im achten Bezirk, verbringen ihr Leben mit Ritualen, die sie für selbstbestimmt halten. Doch was ist schon Selbstbestimmung? Und inwiefern ist der Mensch überhaupt dafür geschaffen? Den Versuch einer Antwort gibt Horváth in der Gegenüberstellung seiner beiden weiblichen Hauptfiguren: Marianne beschließt zwar, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, handelt aber naiv und aus verkitschter Illusion. Valerie reagiert pragmatisch auf die wechselnden Konstellationen ohne daran ihr Seelenheil festzumachen – wohl die schmerzfreiere Haltung in einer Welt, die keinen wirklichen Sinn macht und über die ein Gott wacht, der ein Scherzkeks ist.

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