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Die Tragödie der Political Correctness

Hintergründe zu unserer Produktion WAISEN …

„Da ist noch ein Fleck … Fort, verdammter Fleck, fort, sag ich!“
(William Shakespeare: MACBETH)

Weit weg stehen die Twin Towers, ein Ozean – über eine Dekade – zwischen uns und ihrem Einsturz. Der „gefährliche neue Krieg“ gegen den Terror ist nicht unserer, nie gewesen. Wir sind aufgeklärt, gefeit gegen falsche Polemik, wertfest, moralisch integer, tolerant (zumindest politisch korrekt) und genießen die Früchte unseres verdienten Wohlstands.

Doch ist durch den Aufprall der herabstürzenden Trümmer von einst ein kleiner Riss in unserem Fundament zurückgeblieben. Die Bedrohung durch Terror ist nicht etwas, das von außen kommt, sondern eine Angst, die in unserer Mitte entspringt.

Dennis Kelly, britischer Autor mit irischen Wurzeln, ist spät, erst mit 17, zum Theater gekommen. Er stammt aus den einfachen Verhältnissen der für Großbritannien typischen „lower middleclass“ – ein bisschen ärmer als alle anderen, aber keine schlechte Kindheit. Bis heute wehrt er sich gegen das Bild der gewaltdominierten, rassistischen Unterschichtssubkultur, in das ihn die Rezeption seiner frühen Stücke drängen wollte: „Die Leute sind geschockt, wenn sie mich treffen. Ich denke sie erwarten von mir, dass ich vor ihren Augen eine Katze töte oder etwas in der Art“.

Vielleicht liegt das daran, dass Kelly es liebt, seine Figuren immer wieder in Extremsituationen zu bringen und dabei bis ans Äußerste zu gehen. Es sei fast schon seine Verantwortung, so sagt er, „sie in schlimme Situationen zu bringen und zu schauen was passiert“. Es ist seine Faszination für Shakespeare, die diese Sicht bestätigt. Die wahre Fallhöhe eines Menschen zeigt sich nur in der Zuspitzung durch Tragödie, die wahrhaftige Einsicht – der „dramatic insight“ – kommt erst dann, wenn alles zu spät ist.

Als wir Waisen zum ersten Mal lasen, war uns klar, dass die Bühne in der Mitte sein musste, sie sollte so eng sein wie möglich – eine Keimzelle, die berühmte Keimzelle der gehüteten Familie, auf der unser ganzes Gesellschaftsbild beruht. Deren Einrichtung ist weiß, rein, makellos, stilistisch unangreifbar, weil geschmacklich durch teuren Mainstream-Wohnkomfort über jeden Zweifel erhaben. Der feine Riss geht diagonal durch ihr Zentrum, die Beziehung der drei Figuren ist von vornherein strapaziert, angerissen.

Dramaturgisch wollten wir die Schraube in den vier Teilen immer weiter anspannen, von Shakespeare und dem Absurden Theater lernen, dass Komik aus der Tragödie nicht wegzudenken ist, ja sie geradezu bedingt.

Quellen:
London Evening Standard, „Dennis Kelly: I can’t imagine a more violent writer than Shakespeare”
The New York Times, “President Bush’s Speech on Terrorism

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