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Die Welt ist ein umgestürzter Hafen

Manuel Kreitmeier über seine Woyzeck-Inszenierung

Büchners „Woyzeck“ existiert nur als Fragment. Verschiedene Manuskriptseiten des Autors beinhalten ganz unterschiedliche Szenenentwürfe- und stadien, die Hand- und Kurzschrift selbst ist teilweise schlicht und einfach nicht (mehr) entzifferbar. Manche Szenen allerdings können als fertige Endfassung angesehen werden. So beispielsweise der komplette Schluss sowie alle Woyzeck/ Marieszenen.

In der Beschäftigung mit dem Text kann man dessen offene Struktur dennoch nicht verleugnen. Sie ist vielleicht gerade sein größter Reiz.

Wichtigstes Stilmittel Büchners ist die Gegenüberstellung von psychologischen und kommentierenden Szenen. Fast wie später bei Brecht oder Fassbinder. Vorbild der Inszenierung: Fassbinders „Satansbraten“. Eine komplett unwitzige, weil unheimliche Komödie. Büchner selbst lässt eine Figur, die er den Ausrufer nennt, mehrfach auftreten. Sie stellt das Stück immer wieder in den geistesgeschichtlichen und medizinischen Diskurs seiner Zeit, nimmt insbesondere aber des Autors eigene zivilisationskritische und antiidealistische Haltung ein. So ist „Woyzeck“ zuerst brillantes psychologisches Drama – Büchners scharfsichtige und sprachlich differenziert ausgestaltete Wandlung eines einfachen Soldaten zum Mörder – darüber hinaus aber ein ungemein politisches Stück über Unterdrückung und Ausbeutung des Schwächeren.

Dieser radikal realistische Ansatz des Autors verbindet sich mit Naturmetaphorik, Mystizismus, religiöser Symbolik und zeitgeschichtlichem Diskurs. Ein kurzes und gleichzeitig unglaublich vielschichtiges Stück Literatur, dem man nur mit klaren Brüchen Herr zu werden vermag. Um das Stück in seiner ganzen Schlagkraft heute noch zu begreifen, erschien mir wichtig die Figur des Ausrufers umzubauen zu einem das Stück kommentierenden Moderator. Inhaltlich durchaus an Büchners Gedankengänge angelehnt, ist dieser Eingriff in das Stück der Versuch, seine damals aktuelle kulturkritische Schlagkraft zurückzugewinnen. Gleichzeitig ist er Sprachrohr für Gedanken, die mir als Theatermacher auf den Nägeln brennen und die mit Büchners eigenen Vorstellungen gleichziehen, durchaus aber auch meine eigene Beschäftigung mit dem Genre des Volksstücks von „Kasimir und Karoline“ über „Heimarbeit“ bis zu „Woyzeck“ ausformulieren. War ersteres der Versuch das Volksstück als bunten Sommerspaß zuerst leicht verkostbar zu machen, um es dann umso nachhaltiger als Ansammlung von seelischen Grausamkeiten zu entlarven, war die Kroetz-Inszenierung intimes, klaustrophobisches Kammerspiel. Die psychologische Seite der Abgründe, die unsere Gesellschaft durchziehen.

„Woyzeck“ dagegen ist grelles Vaudeville, Comic und Geisterbahnfahrt. Mit allen dazugehörigen Gruseleffekten, Bösewichtern und Lachnummern. Eine Ansammlung von Monstrositäten und die Unfähigkeit der Hauptfigur und des Zuschauers dieser Vorführung – hier wird vorgeführt und gespielt was das Zeug hält – zu entkommen. Armut ist Horror. Bildung und Status ist Macht. So einfach lautet Büchners Moral. Ein Immoralist erster Stunde also.

Denn eigentlich haben hier alle das Zeug zum Mörder – alle außer Woyzeck. Die Katze wird so lange gepiesackt, bis sie zurückbeißt. Woyzeck muss zum Amokläufer werden – vielleicht wäre er sogar ein vorzüglicher Terrorist wenn er seine Unterdrückung nicht nur als singuläres Erlebnis begreifen würde – weil die anderen ihn Tag um Tag, Stück um Stück und Satz um Satz morden: Marie mit ihrem unverhohlenen Aufstiegswillen, der Doktor mit seinem medizinischen Größenwahn, der Hauptmann mit seinen moralischen Vorhaltungen, der Tambourmajor mit seiner eitlen Koketterie und schließlich Anders mit seiner Blindheit. Abseits steht der Narr. Er kann den Untergang zwar verkünden – aufhalten kann er ihn nicht. „Die Welt ist ein umgestürzter Hafen“, lässt ihn Büchner sagen. Damals wie heute.

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