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Eine Stadt sucht einen Mörder…

In der schönen kleinen Stadt, in welcher mein Stück spielt, gibt es auch eine Vorstadt. Eine ganz miese Gegend. Hier ist alles morsch und verfallen und die Straßen sind nach berühmten Serienmördern benannt. So wie der Hintereingang von Dr. Jekylls Laboratorium eben auf eine dieser Straßen rausgeht – vorne auf dem Rathausplatz ist alles herrschaftlich und schön – so scheint es, als habe jeder Bürger dieser fiktiven Stadt auch ein Zimmer in der Vorstadt. Hier kann er ungestört die Sau rauslassen, morden und Böses tun. Hier hat Familie Hempel aus dem bekannten Reinhard-Mey-Lied Ihr Hackebeilchen unterm Bett.

Robert Louis Stevensons Novelle aus dem Jahr 1886 hielt der prüden viktorianischen Gesellschaft den Spiegel vor: Dr. Jekyll hat nämlich zwei Seelen in seiner Brust. Er ist ein angesehener Wissenschaftler, sein Ruf ist tadellos, wäre da nicht jene andere, dunkle Seite, die auch zu ihrem Recht kommen will. Mit Frauen hats der Doktor, seltsam jähzornig ist er und er bringt die Nächte in schäbigen Spelunken und Opiumhöhlen zu. Dieser Zweiteilung der Persönlichkeit des Doktors entspricht die formalen Zweiteilung der Novelle selbst. Der erste Teil ist eine Kriminalerzählung mit typischen Horrorelementen, die man gemeinhin als „gothic Horror“ bezeichnen kann. Wir erleben die Aufdeckung des Falles von Jekyll und Hyde durch des Doktors engste Freunde Utterson und Lanyon. Im zweiten Teil nun wechselt die Perspektive in die Ich- Erzählung. Jekylls großer Monolog lässt den Leser tief in die gespaltene Seele seines Protagonisten blicken und offenbart eine hoch narzisstische Persönlichkeit, die Gott spielen möchte und dabei vergisst, was den Menschen ausmacht. „Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust“ sagt bereits Faust, dessen Geschichte eng mit derjenigen von Dr. Jekyll verwandt ist. Was also ist so besonders an Stevensons Novelle? Vor allem, dass er seine Handlung im London der Gegenwart ansiedelt. Vor Stevenson war der Horror entweder in Transsylvanien oder anderswo weit weg, in anderen Kulturen und Zeiten angesiedelt. Stevensons Protagonisten dagegen sind staubige Londoner Junggesellen, Honoratioren der Gesellschaft, und doch sind sie Heuchler und Mörder. Denn nicht nur Dr. Jekyll hat Dreck am Stecken, auch die anderen vertuschen und lügen, was das Zeug hält.

Ich habe für mein Stück nun diese Elemente nebst formalem Aufbau übernommen und durch Zitate aus der Welt der Horrorliteratur und des Horrorfilms ergänzt. Natürlich gibt es Anspielungen an Kafka, den Meister des Surrealen, aber es treten ebenfalls auf: Die Prosituierte aus der „Jekyll und Hyde“ Verfilmung von 1941, der verrückte Wissenschaftler aus „Frankensteins Braut“ samt dazugehörigem Labor, der pfeifende Serienmörder aus Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, sowie dessen erstes Opfer Elsie Beckmann, die von mir durch eine dem Mörder durchaus ebenbürtige Rabenmutter ergänzt wurde. Die Welt, in der mein Stück spielt ist eine Mischung aus beschaulicher Kleinstadt und Gotham City. Die visuelle Ausgestaltung folgt der Graphic Novel. Der eigentliche Horror nämlich läuft in den Köpfen der Zuschauer ab und er liegt weit weniger in den ausgestellten Schauwerten, die prototypisch in jedem zweiten Gruselfilm vorkommen, als vielmehr in Sprache und Verhalten der scheinbar „normalen Bürger“. Diese „Normalen“ sind weitaus suspekter, als jener Mr. Hyde, der zwar böse, aber doch durchschaubar ist. Denn sie sind es, die mit zweierlei Zungen reden und dabei ungeniert mit dem Finger auf ihre Mitmenschen zeigen. So ist das eigentliche Thema meines Stückes die Spaltung unserer Gesellschaft, die Schizophrenie des Normalbürgers, der sauber zwischen Gut – und Wutbürger zu trennen versucht und doch immer wieder auf sein eigenes Janusgesicht im Spiegel blicken muss. Denn wir alle sind Jekyll und Hyde!

(Manuel Kreitmeier)

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