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Eine unfertige Frau

von Manuel Kreitmeier

„Fangt uns die Füchse. Die kleinen Füchse. Sie verwüsten die Weinberge, die blühenden Reben“

Dieses Zitat aus dem Hohelied des Salomon stellt die amerikanische Autorin Lillian Hellman ihrem Stück „Die kleinen Füchse“ als Motto voran. Hellman, überzeugte Marxistin, bezieht sich damit auf die Vorstellung, dass die Deformationen des kapitalistischen Gesellschaftssystems nicht allein bei den Großkonzernen und Banken zu finden sind, sondern die Zellen jedes Individuums befallen können. Die Gier – vorherrschendes Prinzip des Kapitalismus – greift im Stück und in der Gesellschaft wie ein Virus um sich: Die vielen kleinen Füchse sind es, die laut Hellman das Land zerstören. Die Autorin vertrat lebenslang die Überzeugung, dass in einem Land, das auf Gier, Profit und Ausbeutung ausgerichtet ist, der Humanismus verdorren muss, die Menschen zu wilden Tieren werden. Die glorreiche Vergangenheit der USA sieht Hellman dabei ebenso kritisch, weil nostalgisch realitätsfern, wie die Machenschaften der Frühkapitalisten. In ihrer scharfen Analyse zeigt sie, dass aus Schlimmem niemals Gutes wachsen kann. Auch die Träume der Familie Hubbard im Stück sind nur in deren Vorstellung rosarot. Sehr bald wird die Kehrseite des Traums von Glück und Wohlstand deutlich: Raffgier, Egoismus und Entfremdung. Das monsterhafte Gesicht auf dem Bild Willem de Koonings im Hintergrund unserer Bühne zeigt von Anfang an, wohin der Persönlichkeitswandel der Hauptfigur führen wird: Dorian Grays ewige Jugend hat ihren Preis: Statt seiner altert ein Gemälde und wird zum Sinnbild der schrecklichen Fratze seiner eigentlichen Persönlichkeit.

1939 wurden „Die kleinen Füchse“ geschrieben. Ein Jahr lang blieb das Stück am Broadway ein Riesenerfolg. Bette Davis konnte in der Verfilmung von William Wyler 1942 einen der Höhepunkte ihrer Filmlaufbahn verzeichnen. Neun Oscarnominierungen gab es für den Streifen. Nur in dieser Dekade der USA kann man sich solch ein linkes, amerikakritisches Stück überhaupt auf den Spielplänen des Landes vorstellen. Wenige Jahre später wurden linke Ideen sofort als sowjetische Infiltration wahrgenommen, Hellman selbst Opfer der Säuberungsaktionen gegen Linksintellektuelle und Kommunisten in den USA. Senator McCarthy und die Rechtskonservativen hatten den „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ gegründet vor dem neben Bertold Brecht und Thomas Mann, unzählige Intellektuelle, sowie auch Hellman und ihr Lebensgefährte Dashiell Hammett aussagen mussten. Berufsverbot und schwarze Listen waren die Folge.

Hellmans Karriere in Hollywood war damit zu Ende. Fortan betätigte sich die Autorin hauptsächlich als eine der streitbarsten Frauen der USA und erreichte mit ihrer dreibändigen Autobiografie „Eine unfertige Frau“ ein Millionenpublikum. Doch auch kritische Stimmen wurden laut: Große Teile ihrer Autobiografie seien erlogen, beziehungsweise die Memoiren von jemand anderem, maßgebliche Teile ihres Werkes von Dashiell Hammett verfasst. Einer der größten Schlammschlachten der Fernsehgeschichte entbrannte 1979 in der Dick Cavett Show, als Mary McCarthy – die andere einflussreiche Linksintellektuellen des Landes – befragt nach den am meisten überschätzten Autoren Hellman nannte und den berühmten Ausspruch tat: „Jedes Wort, dass Hellman geschrieben hat, inklusive „the“ und „and“, ist eine Lüge“. Hellman verklagte McCarthy daraufhin und die beiden Frauen zogen durch jahrelange Verleumdungsprozesse, durch die der gute Ruf der Autorin nachhaltig beschädigt wurde. Heute wird sie kaum mehr gespielt, was angesichts der unbestreitbaren Qualität und Aktualität ihrer Werke ein Jammer ist.

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