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Gut und Böse – so einfach !?

So einfach ist das jetzt wieder: Gut und Böse, schwarz und weiß. Einfaches Denken ist en vogue. Die Welt ist komplex und unübersichtlich geworden. Der Mensch sehnt sich nach Orientierung, nach einer klaren Standortbestimmung. Die Lösung liegt auf der Hand: Zurück zu den guten, alten Werten, der vermeintlichen Übersichtlichkeit des Nationalistischen. Zurück zur geistigen Kleinstadtidylle im Globalisierungszeitalter. Ist dies der Weg in die Zukunft? Blicken wir zurück!

Ein Dorf an der Oder. 1832. Tiefstes Biedermeier. Eine Welt wie von Carl Spitzweg gemalt. Tschechin – den Namen hat der Autor erfunden – eine typische deutsche Kleinstadt der Zeit: Eine Mühle, eine Kirche, ein Wirtshaus. Soweit, so einfach. Das Volk: Fleißig, gemütlich, protestantisch. Jeder kennt jeden und jeder hasst das Fremde. Verkörpert hier in Person der Gastwirtsfrau, einer Zugezogenen. Denn die verengte Perspektive des Kleinstädtischen lenkt die Aufmerksamkeit umso mehr auf das, was nicht dazu gehört. Nationalismus lebt von der Abgrenzung. Das sind wir, das die anderen. Alle negativen Attribute werden ausgelagert, übertragen auf andere. Die Bösen sind beliebig austauschbar. Jedenfalls werden Grenzen gezogen unter dem Motto der Selbsterhaltung, der Heimat, der bedrohten guten, alten Werte. Doch im heimelich Biederen liegt auch der Schrecken. Das wissen wir aus Erfahrung. War nicht auch Hitler und sein Gefolge ein Haufen zutiefst biederer Massenmörder? Blümchensofas auf dem Berghof, nachmittägliche Spaziergänge zum Mooslahnerkopf mit anschließendem Kaffeekränzchen. Das bieder Anständige ist nur die eine Seite der Medaille. Mord und Totschlag die andere. Hinter der Idylle lauert der Abgrund. Und so ist auch in diesem exemplarischen Dorf Tschechin aus Fontanes Novelle das Gemütliche und das Schreckliche eng miteinander verbunden. In mehrfacher Hinsicht. Und die Werteordnung alles andere als einfach, auch wenn vom Pastor des Dorfes Anderes suggeriert wird. Fontanes Ironie überall.

Der berühmte Satz des Dichters aus „Effi Briest“ lautet „Das ist ein zu weites Feld“ und könnte als Motto über allen Werken Fontanes, ja stellvertretend für sein gesamtes Denken mit all seinen Widersprüchen stehen. Liberaler oder Reaktionär? Bismarckkritiker und -bewunderer? Preußendichter oder Preußenkritiker? Der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder hat Fontane diesen Mangel an klarer Position vorgeworfen. Dieser Dichter hatte wahrhaft nicht das Zeug zum Revolutionär. Er war von seiner ganzen Art her das Gegenteil eines ideologisch denkenden Menschen, er war ein Humanist. Selbst die scheinbaren Bösewichte in Fontanes Werk sind noch mit den schattierten Farben des Verständnisses gemalt. Fontanes Protagonisten sind Täter und Opfer, aber immer beides. Und immer sind sie vor allem eines: Menschen. Menschen mit ihren Schwächen und Fähigkeiten und ihrer gesellschaftlichen Determinierung. Nicht anders Abel Hradscheck, der Kaufmann, Gastwirt und Mörder aus der 1885 erschienenen Novelle „Unterm Birnbaum“. Abels Dämon: Großmannssucht. Egomanie, Völlerei. Ein Spaßmacher und Witzeerzähler. Ein Trinker und Spieler. Und ein eiskalter Mörder aus Hinterlist. Ein Manipulator, und dennoch ein Opfer seiner eigenen Psyche und der fortgesetzten Demütigung durch die reichen Bauern des Ortes. Keiner will Abel Hradscheck hochkommen sehn. Seine Wirtschaft darf er betreiben, ja. Die Bauern an Status überholen, nein. „Unterm Birnbaum“ geschrieben in der Blüte der Industrialisierung ist auch eine Analyse des Kapitalismus und seinen Deformationen der Psyche des einzelnen und der Gesellschaft als Ganzes.

Überhaupt geht alles in diesem Dorf um Besitz und Geld. Ursel Hradscheck, zutiefst unglücklich als Außenseiterin, will wenigstens so leben, wie sie sich selbst eine Kaufmannsfrau vorstellt. Dieses Leben im Äußerlichen – Möbel, Kleidung, Statussymbole, hat  den Preis der Verschuldung. Und so lautet einer der zentralen Sätze der Novelle: „Nur nicht arm sein. Armut ist das Schlimmste, schlimmer als der Tod.“ Dies denkt nicht nur Ursel Hradscheck, dies denken Tausende Flüchtlinge aus Afrika. Und die anderen, die Gutsituierten, die Nationalisten, die Herren dieser Welt? Abschottung. Wir wollen unseren Status nicht verlieren. Das Blümchensofa, die schöne, heile, einfache, biedere Welt von Gestern.

(Manuel Kreitmeier)

 

 

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