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Kollegah versus Hofmannsthal

Kollegah versus Hofmannsthal

„Jedermann“ – das ist Salzburg, ist der Domplatz, ist die Hautevolee, die sich zu überteuerten Preisen „das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ansieht und sich an den Stars aus Film und Fernsehen, der gediegenen Ausstattung samt erbaulicher Botschaft ergötzt. Hier hat man längst verlernt sich von Theater und Kunst verändern zu lassen.

Verändern aber wollte der Autor Hugo von Hofmannsthal unbedingt. Ein Stück für ein zerfallendes Europa wollte er schreiben, ein restaurativer Appell an die Kulturgemeinschaft mit einer massiven Botschaft: Ein Leben im Materialismus, ein Leben ohne Mitgefühl, Menschlichkeit und höhere Werte ist Schall und Rauch und führt den Menschen geradewegs in die Barbarei. Ein ernster Mann war dieser Hugo von Hofmannsthal. Ein Feingeist, der den Schritt in die Moderne nie tun wollte und sie mit seinem „Brief des Lord Chandos“ doch eingeläutet hat. In diesem Werk postuliert er die Sprach- und Denkkrise des modernen Menschen, der sich in Dekadenz und Orientierungslosigkeit verloren hat, der lebt wie im Traum und seiner Zeit nur zusehen, sie aber nicht länger gestalten kann. Aus dieser Ich- und Weltkrise des jungen Hofmannsthal erwächst der Wunsch fürs Volk zu gestalten. Die Menschen Europas zu vereinen, ihnen den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen über die Rückbesinnung auf die große Kultur der europäischen Literatur und Philosophie und die gemeinsamen Werte des Christentums.

Die Immoralisten – der Name kommt ja bekanntermaßen von Nietzsche und bezeichnet bei ihm die Zerschlagung des traditionellen Wertesystems – machen nun auf Christentum und moralische Rückbesinnung? „Immoralistisch“ heißt für uns vor allem, dass Theater alle Themen diskutieren darf und nur den Regeln der Kunst gehorcht. Was uns antreibt den „Jedermann“ zu entstauben und ganz anders als in Salzburg zu zeigen ist zuallererst Rebellionsgeist: Ein großes Werk der Theatergeschichte von einem Autor, der gerade heute in Zeiten von Bildungsarmut und spiritueller Sinnsuche etwas zu sagen hat, verkommt auf dem Theater zum kommerziellen Großspektakel. Das war sicherlich das letzte was Hofmannsthal wollte. Gerade der „Jedermann“ entstand ja aus der Beschäftigung des Autors mit dem allumfassenden System der Modernen, dem Kapitalismus. Wie weit die Deformation von Profit, Konsum und reinem Materialismus auf die Seele des Menschen seit des Autors Zeiten fortgeschritten ist, wollen wir mit unserer Inszenierung zeigen.

Wir leben heute in einer Zeit des globalisierten Kapitalismus. Unüberschaubar ist das System geworden. Die Fäden laufen irgendwo bei den Superreichen zusammen. Die sitzen wahrscheinlich auch ab und an in Salzburg und lassen die Politiker ansonsten „am Schnürl tanzen“, wie Hofmannsthal seinen Mammon – die Verkörperung des Geldes – im Stück sagen lässt. Die Deformationen des System kriegen wir, das Volk, an Leib und Seele zu spüren. Mag man in den 60er und 70er Jahren noch darunter gelitten haben und mit Adorno und Erich Fromm über die Auswirkungen des Kapitalismus auf die Gesellschaft und die Psyche reflektiert haben, ist das Leiden nun in einen ununterbrochenen Traum aus Konsum und absoluter Mobilität übergegangen. Und zwischen dem Kauf eines neuen SUV, dem spirituellen Meditationsseminar und der Urlaubsplanung mit Nachhaltigkeitsgarantie sind uns die großen Fragestellungen abhanden gekommen. Eine Verrohung, Verdummung und Banalisierung des Lebens ist zu beobachten, wie es schon Hofmannsthal getan hat. Der Rapper Kollegah – Vorbild für unseren Jedermann – dichtet:

„Kuck mich an, ich glänze durch Gangsterarroganz,
Lenke den Benz die Straße lang, in dunkelgrauen Nächten.
Mein Dick ist wie Jesus – dafür bekannt in Jungfrauen zu stecken /
Ich bin von Grund auf der Beste, stapel meine Luxusgüter
Schlage bei der Schutzgeldübergabe kleine Musterschüler
Und sie büffeln fleißig, züchten eifrig Bonsaibäume
Und schicken Küßchensmilies an ihre Onlinefreunde.“

Hugo von Hofmannsthal und Die Immoralisten züchten weiter ihre Bonsaibäume und stellen sich den Fragen der Zeit. Darunter machen wir es nicht. Gute Unterhaltung!

(Manuel Kreitmeier)

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