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Im Hinterzimmer der Politik

Es ist ein einzigartiges Dokument, das unserem Theaterstück zugrunde liegt: Das Transkript der Sitzungen des Viererrats in Paris. Paul Mantoux, Chefübersetzer von Clemenceau, hat jedes einzelne Treffen aufs Genaueste protokolliert. Und vor allem: Er hat nichts geglättet. Die Konflikte treten offen zutage, aber auch die enormen Anstrengungen der Vier für einen gerechten Frieden und ihr teilweise visionärer Geist für eine Neuordnung der Welt werden erkennbar.

Als der amerikanische Präsident Woodrow Wilson 1918 in Paris eintrifft, wird er als Messias gefeiert. Sein 14 Punkte Programmfür eine neue Art des Friedens wird allerorten bejubelt. Kein Siegfrieden soll es werden. Keine Geheimabsprachen mehr. Keine strategischen Gebietszusagen. Nein, ein Frieden, der dauerhaft sein soll, weil er gerecht ist. Weil er weder die Besiegten vernichtet, noch den Gewinnern Gebiete zuschachert, deren Grenzziehung nicht mit der nationalen Identität seiner Einwohner übereinstimmt. Das ist Wilsons große Idee, die gekrönt wird vom Gedanken eines Völkerbundes, der zukünftige Konflikte verhindern soll.

Wilson ist der erste Präsident mit einem Doktortitel. Ein kluger Mann also, fortschrittlich auf der einen Seite, aber auch ein unflexibler Starrkopf und rassistischer Religionsfanatiker auf der anderen. Vor allem aber: Wilson fehlt das politische Geschick. Er ist nicht geübt im Ränkespiel der politischen Weltbühne und doch ist er es, der die Verhandlungen in Paris zu einem ersten großen Versuch in Sachen Friedensschaffung machen wird. Der Versailler Frieden beinhaltet also tatsächlich visionäre Ideen, die allesamt von Wilson stammen, die aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg und weiteren 55 Millionen Toten funktionierend umgesetzt werden: Genannt werden müssen hier die Prozesse in Nürnberg gegen die Nazi- Kriegsverbrecher, der Internationale Gerichtshof in Den Haag und die Vereinten Nationen, die dem Völkerbund folgen. Diese Ideen basieren grundlegend auf Wilsons Überlegungen zum Versailler Vertrag, doch wie so oft in der Geschichte: Nur derjenige, der seinen Fuß auf den Mond setzt, ist der erste Mann auf dem Mond. Die Raumfahrenden vor ihm werden allenfalls als Marginalie behandelt.

Der Versailler Friede war sicherlich ein hehrer Versuch. Doch sein Scheitern ist immanent: Amerika verweigert seine Ratifizierung, Deutschland sinnt auf Rache, der Völkerbund ist zu schwach und unflexibel um als Konfliktinstrument brauchbar zu sein. Die Fehler sind allesamt im Vertrag selbst zu suchen und die Tragik der Geschichte ist es, dass diese Fehler den Männern von Paris bereits bei seiner Formulierung ins Auge stachen. Ja, nichts wollte man mehr als diese Fehler zu verhindern. War die Aufgabe zu groß?  Man wollte Deutschland bestrafen, aber auch nicht zu sehr. Man wollte Grenzen nach nationalen Identitäten und Zugehörigkeiten ziehen, aber konnte doch nicht verhindern, dass die Gier einzelner Länder dies unmöglich machte, ja, dass nationale Identitäten in Europa teilweise alles andere als klar zuordenbar sind.

Dies zeigt sich besonders am Hauptkonflikt der Pariser Verhandlungen im Viererrat, der diesen beinahe gesprengt hätte: Italien besteht auf der Annektierung Fiumes (heute Rijeke), alleinig weil Fiume einfachen Zugang zur Adria verspricht und mit der Begründung, die dort ansässigen 24000 Italiener heim ins Mutterland holen zu wollen. Doch in Fiume leben auch Serben, Bosnier und Kroaten. Gebietsverteilungen sind also bei weitem nicht so einfach wie von Wilson angenommen. Und es gibt hunderter solcher Fiume. Von der Schwierigkeit der Grenzziehung in den arabischen und afrikanischen Ländern ganz zu schweigen. Und es gibt Zusagen aus dem Krieg selbst, wie den Londoner Vertrag, der 1915 zwischen England, Frankreich und Italien geschlossen wurde, um Italien zum Kriegseintritt zu bewegen. Darin hat man Italien große Gebietszusagen versprochen, doch Wilson, der nicht beteiligt war am Londoner Vertrag,weigert sich diese Zusagen zu erfüllen.

 

Die größte Schwierigkeit in Paris aber ist die Unüberschaubarkeit der Aufgabe und die tickende Uhr. Alle Vier haben zuhause ein Volk, das ungeduldig wartet, das beruhigt und befriedigt werden will, das im Krieg geblutet hat und jetzt wütend, gierig, hungrig und unzufrieden ist. Doch wenn Realpolitik zu schwach erscheint, wenn Parlamentarismus zu komplex und langwierig agiert, dann begünstigt dies die Radikalen. Bereits 1922 macht sich Mussolini auf, die Welt zu erobern. Hitler folgt ihm 1933.

(Manuel Kreitmeier)

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