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Mission Rose

Hintergründe zu unserer aktuellen Produktion EMILIA GALOTTI

Odoardo Galotti – welch ein Mann! Superheld auf „Mission Mensch“ oder besser „Mission Rose“: Vater einer unterm Glassturz herangezogenen Tochter, deren Natur er nicht versteht. Denn im Gut/Böse-Kaleidoskop fallen alle schwarzen und weißen Teilchen eindeutig auf ihre Positionen und trennen das Lichte vom Dunklen.

Doch das wahre Wesen des Universums erfasst er nicht, dieser Galotti-Mensch mit seinen klaren Vorstellungen von Moral und Logik. Seine Odyssee wird dort endlos, wo der Raum sich zu krümmen beginnt und das Unerwartete alle Grenzen der Vorstellungskraft sprengt.

So irdisch Lessings Stück über royale Willkür und bürgerliche Moralverstrickung von 1772 auch anhebt, umso flimmernder wird bei genauerem Hinschauen seine universale Aussagekraft für die Frage nach der Tragweite menschlicher Existenz. Denn schwarz und weiß sind die Figuren dieses Dramas nur auf den ersten Blick, vielmehr stehen sie für energetische Prinzipien, die letztendlich doch alle Teil desselben Kosmos und voneinander untrennbar sind. Wie das Schachbrett bedingen sich Hell und Dunkel und ergeben nur im Miteinander einen Sinn.

Alles ist verbunden, das lernt der Prinz in kleinen bitteren Lektionen von seinem Diener Marinelli – die Tat ist bereits mit dem Wunsch vollbracht. Kaum ausgesprochen fällt auch schon der Schuss, kaum herbeigewünscht ist die Angebetete auch schon da. Nur der Preis ist nicht ausgemacht, weil nicht angefragt. Der Prinz wünscht verantwortungslos und flüchtete sich durchs Hintertürlabyrinth, wenn die Rechnung kommt. Der Blankopassierschein lässt dem zerstörerischen Prinzip Marinelli allen Freiraum zu schalten und walten wie es will. Nur möchte dieses auch in seiner ganzen genialen Effizienz verstanden werden. Und das kann es nur von etwas Ebenbürtigen.

Die Gräfin Orsina ist die Energie, die nach der Zerstörung übrig geblieben ist: chaotisch, brillant, abgrundtief. Sie ist das schwarze Loch, das den Raum zum Nullpunkt krümmt. Sie versteht Marinelli, weil sie mehr ist als er und er sie deswegen nicht dienstbar machen kann.

Das Gegenbild zur Zerstörung ist Emilia, ein Lichtwesen, blank, rein, voller Drang, lebendig zu sein. Doch wie lebendig sein, wie sich ausbreiten können, wenn das Lebensvorbild die Enge ist? Wie die eigenen Sehnsüchte stillen können, wenn die abstrakte Idee von Unschuld allem übergestülpt ist? Die Frage nach der Unschuld ist hier keine sexuelle. Nicht weil Emilia, den Prinzen auch begehren, sogar lieben könnte, ist sie an ihrem eigenen Untergang mitverantwortlich, sondern weil es ihr nicht gelingt, die eigene Natur gegen den Widerstand ihrer Umgebung durchzusetzen. Ihre Mutter ist das vorgelebte Beispiel dieser Unfreiheit, des Arrangierens mit den engen vier Wänden. Sie sitzt zu Hause, damit der Superheld durch den Weltraum tappen kann.

Doch wie in Stanley Kubricks „2001, A Space Odyssey” versteht der Entdecker nicht was er sieht. Wie kann er auch? Er müsste sich selbst auf eine neue Existenzstufe hieven. Dass er aber das auslöscht, was ihn eigentlich retten könnte, ist die eigentliche Ironie an der Sache.

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