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Nichts als die Wahrheit?

von Manuel Kreitmeier

Nichts als die Wahrheit?

Der Prozess in Stammheim war von Anfang an eine Farce. Die BRD hatte keinerlei Erfahrung mit politischen Prozessen und fuhr schwerstes Geschütz auf gegen die sogenannten Staatsfeine. Gesetze wurden erlassen oder geändert, um den Terroristen legal das Handwerk legen zu können. Maßgebliche Vertrauensanwälte der Angeklagten wurden kurz vor Prozessbeginn ausgeschlossen und durch sogenannte „Zwangsverteidiger“ (RAF Vokabular) ersetzt. Gespräche mit den verbliebenen Vertrauensanwälten wurden systematisch abgehört, Akten kontrolliert und jegliche Rechtsstaatlichkeit verlassen. Der Staat befürchtete, die Anwälte mißbrauchten ihre Stellung um den Angeklagten als Kuriere mit den in Freiheit befindlichen Kampfgefährten zu dienen. Eine ordentliche Prozessführung war vom ersten Verhandlungstag an unmöglich. Ordnungsstrafen, Geschrei und Auschlüsse wechselten sich ab. Der Staat war taub für weltanschauliche Argumente bezüglich des bewaffneten Kampfes der Terroristen, die RAF ihrerseits stellte intern klar „Wir haben an dieser Veranstaltung überhaupt nur Interesse, wenn wir sie umdrehen können“ (Andreas Baader). Letzten Endes wurde noch ein Gesetz erlassen, das die Fortführung des Prozesses auch ohne die Angeklagten möglich machte. Ein Drahtseilakt der Rechtsstaatlichkeit.

Die Öffentlichkeit war aufgebracht und politisiert. Die radikalen Hungerstreiks der Gefangenen im Vorfeld des Prozesses – der fünfte Angeklagte Holger Meins starb noch vor Prozessbeginn an Unterernährung, Horrormeldungen über die Haftbedingungen der politischen Gefangenen– Ulrike Meinhof saß 9 Monate vor ihrer Verlegung nach Stammheim in Isolationshaft im von ihr sogenannten „Toten Trakt“ der JVA Köln – und der Besuch von Jean- Paul Sartre bei Andreas Baader und dessen anschließender Bericht über die unmenschlich kahlen Zellen in Stammheim,  sorgten für Aufregung. Sartre allerdings sah überhaupt nicht die Haftzellen, sondern lediglich die Besucherzelle. Intern nämlich ging es den Gefangenen besser denn je. Der Staat wollte alle Möglichkeiten der RAF Propaganda bezüglich einer Fortführung von NS- Schauprozessen unterbinden und genehmigte unzählige Sonderhaftbedingungen in Stammheim. Zu der erhofften ernsthaften Zusammenarbeit der Gefangnen im Prozess kam es dennoch nicht. Die RAF Spitze nutze die Anklagebank von vornherein als Propaganda- und Kampfinstrument zur Mythologisierung der eigenen Biografie, vor allem aber zur Rekrutierung neuer Mitkämpfer. Wesentliche Protagonisten der zweiten und dritten RAF Generation haben sich letztlich durch den Prozess in Stammheim für ihren Weg in den Untergrund entschieden. Die Strategie der Angeklagten war somit einfach und radikal: Sie kalkulierte von Anfang an den eigenen Tod sowie den Tod anderer bewußt mit ein: „Die Waffe Mensch“.

Als Autor hat man es schwer mit solch einem Thema. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Der Versuch einer genauen Dokumentation des historischen Ereignisses, oder die Entscheidung für eine spezifische Atmosphäre, eine Erfahrbarmachung – trotz beziehungsweise dank aller Weglassung. Und so bleibt nach wie vor der beste Darsteller einer historischen Person nicht Bruno Ganz, sondern Charlie Chaplin. Nur in der weitest möglichen Abstraktion und Verfremdung kommt man dem historischen Gegenstand näher. Dies wusste schon Brecht. Sein Galileo Galilei ist nicht historisierendes Abziehbild, sondern Ideenträger. Genauso ging es uns bei Stammheim.

Einem solch unglaublichen Konvolut an Anträgen, Akten und juristischen Spitzfindigkeiten ist mit Mitteln des Theater dokumentarisch nicht beizukommen. Der Blick ins Gesicht solch monströser – weil überinterpretierter, eigentlich unfassbarer und allen Analysen und Mutmaßungen zum Trotz verzerrter Figuren, wie den Terroristen der ersten RAF Generation, bleibt uns verwehrt. Keiner weiß oder kann wissen, was tatsächlich in einer Frau wie Ulrike Meinhof während der Monate im Untergrund, im Guerillacamp in Jordanien, beim Zurücklassen ihrer geliebten Kinder oder nach Jahren der Isolationshaft vorgegangen ist. Letzten Endes ist dies für den Theatermacher aber auch nicht entscheidend. Die Terroristen in Stammheim sind Ideenträger, nicht historisch exakte Personen.

Ähnlich ist es mit dem Aufbau des Stückes selbst: Alle Texte, alle Vorkommnisse des Stückes sind durch Zeugenaussagen, Prozessmitschriften und O- Töne belegt. Dennoch erhebt das Stück keinerlei Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Sicherlich werden viele wichtige Ereignisse während der Zeit des Prozesses in Stuttgart angesprochen – der Ausschluss der Verteidiger, die Abhöraffäre, die schwierigen Haftbedingungen der Gefangenen, der Besuch von Jean- Paul Sartre und doch sind alle Szenen fragmentiert, laufen viel mehr auf der Bild und Musik – als der Textebene. Vermitteln also eher den Eindruck von Momentaufnahmen, denn einer echten Chronologie. Es ist am Zuschauer selbst, Zusammenhänge zu knüpfen, Leerstellen auszufüllen.

Wir können nicht zeigen, was in Stammheim abgelaufen ist. Wir können nur zeigen, wie Konflikte entstehen und wie Handlungen zu Gegenhandlungen führen: Aktionen zu Reaktionen, Worte zu Taten, Morde zu Staatsräson, Staatsräson zu Protest, Widerstand zu Mord. Wir können zeigen, wie Ungerechtigkeit aus dem Kampf für Gerechtigkeit auf beiden Seiten – der des Staates und der der RAF – zustande kam, wie die stärkste Kette irgendwann an ihrer schwächsten Stelle brechen muss, wie letzten Endes Extremismus und Machtausübung immer menschenverachtend sind, weil Faschismus etwas ist, das jeder politischen Ideologie, wenn sie das Individuum unterdrückt, wenn sie die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit verlässt, innenwohnt.

Dies ist also kein politisches Stück, dies ist ein Versuch über Menschlichkeit.

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