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Paradies & Hölle

von Florian Wetter

Ein Stück über Lenins Zugfahrt von Zürich nach Petrograd zu schreiben, war unsere Ursprungsidee. Da sitzt ein Mann fernab der Heimat im Exil, mehrfach verbannt und eingesperrt, quasi zickzackförmig durch den Kontinent gereist, mit nur einer Idee im Kopf: die sozialistische Revolution. Das Deutsche Kaiserreich unterstützt die subversiven Umtriebe im Feindesland mit Millionen von Reichsmark, um den Gegner zu destabilisieren und so eine der lästigen Kriegsfronten loszuwerden, gestattet Lenin sowie einer Gruppe ausgewählter Exilrevolutionäre die Durchreise. Mit der Abfahrt des Zuges wird der Abzug gespannt, das Projektil rast über den Kontinent und trifft mitten ins Herz des Feindes. Soweit die Legende und soweit, so gut. Doch ist diese Zugfahrt lediglich ein Mosaiksteinchen in der Geschichte der Russischen Revolution, die eigentlich eine Folge mehrerer Revolutionen bzw. Aufstände ist. Denn die Revolution kam in Schüben. Je weiter wir recherchierten, umso klarer wurde uns, dass die wahrhaft interessante Geschichte unseres Stückes eine andere ist.

Uns geht es in dieser Arbeit nicht wie einem Historiker um die möglichst objektive Schilderung geschichtlicher Ereignisse. Als Künstler lesen wir die Geschichte subjektiv und suchen nach Mechanismen, die uns als Menschen der Gegenwart Erkenntnis über uns selbst geben können. Auf dem Spielfeld der Geschichte agieren die großen Spieler. Sie sind, durch den Strom der Zeit abgeschliffen, zu Ikonen geworden und stehen mehr für bestimmte Sachverhalte oder Prinzipien, als dass wir uns an ihre persönlichen Schicksale erinnern. Der Autor Wolfgang Hildesheimer bemerkte einmal, dass das Theater selbst bei größter Anstrengung nie so absurd sein könne, wie die Wirklichkeit. So zeigen wir unser Sujet im Gewand einer Farce – mit all ihren absurden Kleinigkeiten, auf die wir bei der Recherche gestoßen sind, und die wir als Details zur Charakterisierung unserer Protagonisten und deren Handlungen ins Spiel aufgenommen haben. Und weil wir die Ereignisschübe in Runden übertragen haben, hat jede Runde auch ihren thematischen Schwerpunkt und ihr Personal. Gleich einem russischen Roulette, wird nach jeder Runde das schwächste Glied einfach beseitigt, und ein neuer Spieler gibt den Ereignissen einen neuen Impuls.

Das ist die Ausgangslage im Februar 1917: Russland hat im Krieg schwere Verluste erlitten. Es gibt kaum noch Nahrungsmittel, selbst Mehl für Brot ist kaum noch da. Zar Nikolaus II. ist so unpopulär wie nie, und das will etwas heißen. Er hat die Zarenkrone nie gewollt und flüchtet sich ins Privatleben mit seiner geliebten Familie, gibt sich aber nach außen hin aus Prinzip erneut zaristisch brutal, hart und unnachgiebig. Den Aufstand 1905, in dem tausende von Arbeitern friedlich vor das Winterpalais gezogen waren, um ihm eine Petition zu überreichen, in der sie kürzere Arbeitszeiten, eine Verfassung und freie Wahlen forderten, hat er brutal niederschlagen lassen. Zwar musste er schließlich nachgeben und das Parlament – die Duma – wurde 1906 erstmal einberufen, doch hat das neue, demokratische Staatsorgan kaum Befugnisse und geht am Gängelband des Zaren. Als am Weltfrauentag 1917 die Textilarbeiterinnen der Wyborger Vorstadt Petrograds streiken, wächst der Aufstand spontan zu einer Massendemonstration an. Bis zum Spätnachmittag sind  es etwa 100.000 Menschen, die sich nicht von gesperrten Brücken abhalten lassen, sondern einfach über die zugefrorene Newja marschieren. In den nächsten Tagen weitet sich der Aufstand aus. Es werden Hunderttausende. Die Abgeordneten der Duma versuchen, den Zaren zum Einlenken zu bewegen – es ist vor allem die Hungersnot, die die Menschen verzweifeln lässt. Der Zar befiehlt erneut die gewaltsame Niederschlagung der Unruhen, es gibt mehrere Tote – ein erneuter Blutsonntag, wie schon 1905. Immer mehr Soldaten weigern sich, gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen, und schlagen sich auf die Seite der Rebellen. Gefängnisse werden gestürmt, Geschäfte und Paläste geplündert: ein anarchischer Zustand, den keiner mehr überblicken kann. Die liberale Fraktion der Duma, angeführt von Pawel Miljukow, versucht der Krise auf diplomatischem Weg Herr zu werden. Im Taurischen Palast sind hunderte von linken Aktivisten, Arbeiter und Soldaten eingezogen, die in einem Nebenzimmer einen Soldatenrat – einen „Sowjet“ – abhalten. Am Abend dieses unüberschaubaren Tages, dem 27. Februar 1917, erklären die in der Duma verblieben zaristischen Minister ihren Rücktritt. Damit ist Russland führerlos. Die Befehle des Zaren gelten nichts mehr, und weder die Duma noch der Arbeiter- und Soldatenrat haben offizielle Regierungsbefugnisse. Miljukow beruft wenige Tage später eine provisorische Regierung auf Zeit, die von den Sowjets unter Vorbehalt geduldet wird. Bis zur Wahl will die neue Regierung versuchen, die Staatsgeschäfte zu ordnen und so dem Parlamentarismus den Weg zu ebnen. Am 8. März dankt der Zar ab und wird in Arrest genommen.

Die Wochen nach den Unruhen tragen die aufkeimende Hoffnung auf Besserung in sich. Allem voran steht der Wunsch der Menschen auf ein Ende des Krieges und eine Normalisierung der Verhältnisse, vor allem ein Ende der immer noch andauernden Hungersnot. Doch ein Ende des Krieges hieße, die Bündnisse mit den Alliierten aufzukündigen, schwere Gebietsverluste hinzunehmen und ohne jegliche Hoffnung auf Unterstützung auf sich allein gestellt zu sein. Vielleicht liegt darin der Schlüssel für die handschriftliche Notiz, die Außenminister Miljukow unter die offizielle Friedenserklärung der Regierung kritzelt, frei nach dem Motto: „Alles was sie so eben gelesen haben, hat keinerlei Gültigkeit.“ Miljukows Note wird Publik und nach öffentlichen Protesten muss der Minister zurücktreten. Auf ihn folgt der smarte Anwalt und Sozialrevolutionär Alexander F. Kerenski, der als erster und einziger Vertreter aus dem Lager der Sowjets bereit ist, Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Am 27. März besteigt Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich Lenin nennt, den Zug in Zürich. Er hatte nicht mehr auf eine Revolution zu hoffen gewagt. Doch für ihn ist klar, dass die Unruhen im Februar lediglich der Auftakt zu einer viel größeren Revolution sind. Die These von Marx leuchtet ihm völlig ein: Nach der Zerschlagung des Monarchismus und der Aristokratie als oberster Klasse, wird die Macht erst dann nach unten zu den einfachen Arbeitern, dem Proletariat, durchsickern, wenn auch die Macht der Bürgerlichen – der Bourgeoisie – zerschlagen wird. Natürlich lehnt er jegliche Unterstützung der neuen provisorischen Regierung ab. Für ihn ist die einzig logische Konsequenz ein Bürgerkrieg in Europa. Der bürgerlichen Revolution muss eine sozialistische folgen! Einen Tag nach seiner Ankunft in Petrograd verkündet er in einer Versammlung der Linken seine Thesen: Keine parlamentarische Demokratie, keine Republik nach westlichem Vorbild, dafür den Beginn einer sozialistischen Revolution. Die Genossen halten ihn für übergeschnappt. Wie soll ein Land, das aufgrund seiner rückständigen wirtschaftlichen Entwicklung noch nicht einmal ansatzweise in eine industrielle Phase eingetreten ist, plötzlich in einen spätkapitalistischen Zustand katapultiert werden, aus dessen Ende sich konsequenterweise dann der Kommunismus – die Gleichheit und freie Entfaltung aller Menschen – entwickelt? Dass Lenin mit seinen Aprilthesen durchkommt, mag der Sehnsucht nach klaren, wirkungsmächtigen Parolen geschuldet sein. Doch ist dies eine von mehreren Verrücktheiten, die Lenins Weg durch die Revolution begleiten werden.

Währenddessen ist Außen- und Kriegsminister Kerenski im Zwiespalt. In der Realpolitik angekommen, zögert auch er vor den unkalkulierbaren Folgen eines Friedens. Er wagt einen kühnen Sprung nach vorne. In einer aggressiven Sommeroffensive will er den Feind so weit zurückschlagen, dass Russland wieder Luft zum Atmen bekommt und sich so eine bessere Verhandlungsposition verschafft. Der Beginn der Juni-Offensive verläuft erfolgreich, der Feind wird schwer getroffen. Doch wenige Tage später schlagen die gegnerischen Truppen verheerend zurück. Es werden über 40.000 tote Soldaten gemeldet. Der Plan ist nach hinten losgegangen und Kerenski sieht sich nun in der bizarren Lage, diesmal selbst auf die Aufständischen in der Hauptstadt schießen zu müssen. Der Aufstand wird niedergeschlagen – es gibt niemand, der ihn organisiert und anführt. Selbst Lenin nicht. Mag sein, er ist erneut gesundheitlich angegriffen und erschöpft, mag sein, er hält die Zeit noch nicht reif genug für die Revolution. Wie auch immer, die Welle der Revolution verebbt und es kehrt so etwas wie Resignation und Apathie in der Hauptstadt ein.

Kerenski ist inzwischen Premier der geschwächten provisorischen Regierung geworden und sieht sich zunehmend zerrieben zwischen den Interessen der Rechten, die sich nach Zucht und Ordnung sehnen, dem Großkapital, das seine Fälle davonschwimmen sieht und endlich wieder klare Geschäftsgrundlagen möchte, und den diversen linken Gruppierungen, denen er doch eigentlich entstammt und zu deren Idealen er sich einst bekannt hatte. Druck bekommt er von General Kornilow, der in der Sommeroffensive erfolgreich gegen den Feind zu Felde gezogen ist. Am liebsten würde der General mit seinem Heer in die Stadt marschieren und ein für alle Mal für Ruhe und Ordnung sorgen. Doch Kerenski hält ihn im Zaum. Es kommt Ende August zu einer Machtprobe, deren Hintergründe bis heute uneindeutig bleiben, weil sich hier die Quellen und Schilderungen der Ereignisse diametral entgegenstehen. (Kerenski selbst, korrigierte sich im Laufe seines 89jähirgen Lebens in diesem Punkt mehrfach). Ein Abgeordneter der Duma überbringt Kornilow – eigenmächtig oder in Kerenskis Auftrag? – die Nachricht, Kerenski sei bereit, alle Macht auf ihn zu übertragen und einer Militärdiktatur zustimmen. Kornilow ist höchst erfreut und stellt der Regierung ein Ultimatum. Kerenski wiederum gibt sich entrüstet über die Drohungen des Generals und versetzt die Stadt in Aufruhr. Die rechten Truppen versuchen die Hauptstadt zu stürmen und schüren Angst vor einer unmittelbar bevorstehenden deutschen Invasion. Die Arbeiter und die Zivilbevölkerung der Stadt setzen sich zur Wehr. Kerenski lässt alle Arbeiter bewaffnen auch die Bolschewiki. Kornilows Revolte endet erfolglos, Kerenski Regierungszeit ist offensichtlich eine auf Abruf.

Lenins Bolschewiki, einst eine radikale Splittergruppe der Linken, sind die Gewinner der Stunde. Sie gewinnen immer mehr an Zulauf. Mitte Oktober ist die Partei auf mehr als 200.000 Mitglieder angewachsen. Kerenski ist noch immer damit beschäftigt, die rechten Kräfte zu bändigen. Er gibt den Befehl, die näher rückenden Truppen an die Front zu verlegen. Doch die Soldaten verweigern den Befehl. Sie haben den Krieg satt! Der charismatische und rhetorische brillante Lew D. Trotzki installiert ein „Militärisches Revolutionskomitee“ im Sowjet und legt den „Schutz der revolutionären Ordnung vor konterrevolutionären Angriffen“ in deren Hände. Damit hat Trotzki auf raffinierte Weise die revolutionäre Regierung Kerenskis als „konterrevolutionär“ (also der Revolution entgegengerichtet) umgedeutet und überredet die Soldaten zum Aufstand. Er installiert seine Männer an allen zentralen Schlüsselpositionen und lässt die Regierungsgebäude stürmen. Am 25. Oktober kontrollieren die Bolschewiki die Stadt. Lenin erklärt eine neue Regierung, den Rat der Volkskommissare – einen Ausdruck, den er der so bewunderten Französischen Revolution entlehnt. Kerenski gelingt im letzten Moment die Flucht aus der Hauptstadt.

In den folgenden Jahren werden die Bolschewiki unter Lenins Führung das Land vollkommen umgestalten. Der Phase der sozialistischen Revolution folgt die Diktatur des Proletariats. Ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, in dem die letzten Reste der alten Ordnung beseitig werden, damit ein geklärter, reiner Zustand der Gleichheit einkehren kann. Die Mittel hierzu sind schmerzhaft, aber notwendig. Lenin versucht immer wieder korrigierend einzugreifen und bessert seine Thesen nach. Der Totalitarismus aber ist schon längst an der Tagesordnung. Die Geheimpolizei Tscheka verbreitet Angst und Schrecken, Konterrevolutionäre jeglicher Couleur werden „gesäubert“, Gulags zur Umerziehung falscher Denkmuster installiert. Aus der Gleichheit aller ist die Diktatur durch die einzige und eine Partei geworden, die naturgesetzmäßig die Gleichheit aller vertritt und deren Repräsentanten eine Clique scheinbar besonders Befähigter ist.

Lenin treffen 1922 mehrere Schlaganfälle. Er sitzt nunmehr hilflos im Rollstuhl und diktiert mit letztem Willen über Zeichen seine Instruktionen. Sein Nachfolger bringt sich bereits in Stellung: Genosse Stalin – ein Mann, mit dem niemand gerechnet hat – bringt sukzessive seine Männer in Position und wartet auf die Machtübernahme. Als Lenin 1924 stirbt ist er bereit. Er nennt Trotzki den falschen Termin zu Lenins Beerdigung und verliest am Grab ein gefälschtes Testament, das ihn zu Lenins legitimen Nachfolger macht.
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