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Zurück in die Zukunft

Hintergründe zu unserer Inszenierung JULIUS CÄSAR!

Ein selbstherrlicher Diktator lenkt das Geschick einer ganzen Nation mit Willkür, Grandezza und der notwendigen Prise Populismus, eine Gruppe Andersdenkender verschwört sich, will den Wandel, stürzt den Diktator und hinterlässt ein Trümmerfeld aus dem ein noch viel schrecklicherer Machthaber wie Phoenix aus der Asche steigt. Dieses Muster legt den Schluss nahe, Revolutionen seien von vornherein zum Scheitern verurteilt. Schließlich könne aus dem Nährboden totalitärer Strukturen kein echter Wandel hervorgehen, da in ihm Demokratie nicht als Saatgut angelegt ist. Ein fatalistischer Schluss, der jede Rebellion gegen Diktatur unsinnig machen würde.

In der Tat finden sich historisch viele Belege dafür, dass sich Umwälzung oft genauso abspielt, wie eben in groben Zügen geschildert – die Französische Revolution (1789) oder die Russische Revolution (1917) sind prominente Belege hierfür. Doch im Beispiel von Julius Cäsars Fall und Ende gibt es eine entscheidende Variante: Die Römer hatten bereits um 509 v.Chr. mit Tarquinius Superbus den letzten König vertrieben und sich im Laufe der Jahrhunderte eine stabile Republik aufgebaut, in der die Vorherrschaft der Aristokratie allmählich zurückgedrängt wurde. Doch viele hundert Jahre später ist die Republik durch innen- und außenpolitische Unruhen sowie mehrere Kriege empfindlich geschwächt. Julius Cäsar – genialer Politiker, Stratege und Heerführer, schließlich letzter, verbleibender popularer Konsul – beginnt 49 v.Chr. quasi als Befreiungsschlag den Bürgerkrieg, erobert schließlich Rom und ganz Italien. Nach seiner Rückkehr aus Ägypten lässt er sich 46 v. Chr. für zehn Jahre zum Diktator ernennen – ein Amt, das in der Republik eigentlich nur im Ausnahmezustand und auf ein halbes Jahr begrenzt eingenommen werden konnte.

Nach seiner Ermordung an den Iden des März (15. März) 44 v.Chr. durch eine Gruppe verschworener Senatoren, fliehen die Hauptakteure Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Langius aus Rom. Beide begehen nach verlorenen Schlachten gegen Marcus Antonius sowie Cäsars Ziehsohn Octavius zu Philippi Selbstmord. Antonius und Octavius werden zu Rivalen und bekriegen sich ihrerseits. Antonius unterliegt und Octavius wird 31 v.Chr. der erste römische Kaiser Augustus. Damit zeigt sich deutlich, dass selbst aus demokratischen Bestrebungen heraus totalitäre Strukturen entstehen und erstarken können.

Ein Alarmzeichen für uns und Ausgangspunkt unserer Überlegung: So sicher haben wir uns geglaubt, dass wir durch die Erfahrung unserer Geschichte Totalitarismus und Nationalismus überwunden haben. Doch wir sehen in unseren europäischen Nachbarländern und selbst in unserem eigenen Land, dass starke Gebärden wieder im Kommen sind; dass terroristische Anschläge wieder präsidiale Ausnahmerechte ermöglichen und immer stärker in die bürgerlichen Freiheitsrechte eingegriffen wird. Erzählen wir die Geschichte Cäsars für uns und unser Land neu, so lassen sich Parallelen in einer fiktiven Zukunft zeichnen. Demokratie ist altbacken und unerträglich verkrustet geworden, Heroismus und Nationalismus wirken dagegen erfrischend sexy und belebend. Die heroische Pose des nationalen Superhelden hat den bürokratischen Verwaltungsapparat abgelöst – Superschwert zerbröselt Leibnizkeks. Doch wie all die Diktatoren der Jahrhunderte ist auch dieser Cäsar nur ein schwächliches Männchen, dessen Superkraft allein auf Schreckensherrschaft, Inszenierung und Massenspektakel beruht.

Die Revolution gegen diesen Granden misslingt hier nicht, weil Revolutionen im Allgemeinen zum Scheitern verurteilt sind. Sie scheitert an der Eigennützigkeit des Cassius und der fast schon naiven Selbstlosigkeit des Brutus. Cassius weiß, dass ein Umsturz nur dann gelingen kann, wenn alle Störfaktoren beseitigt sind. Aber Brutus, der sich selbst als wandelnder kategorischer Imperativ begreift, schreckt vor der Notwendigkeit zurück, bis zum Äußersten zu gehen. Moralisch konsequent, doch strategisch fatal: Antonius bleibt verschont, mehr noch: Er darf dem Cäsar die Totenrede halten.

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