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Boote gegen den Strom

Hintergründe zu unserer Produktion „Der große Gatsby“

Dem Luxus verfallen, ständig bedroht von finanziellen Sorgen und Alkoholabstürzen schuf Francis Scott Fitzgerald einige der bedeutendsten Romane und Erzählungen der amerikanischen Literatur. Der große Gatsby – das ist natürlich der Autor selbst: Einer, der sich seine eigene Biografie ausgedacht und früh beschlossen hat, reich und berühmt zu werden. Auch das Wissen um das Scheitern dieses Traums gehörte von Anfang an mit dazu. So wurde Fitzgerald, der sich mit seinem ersten Roman „Diesseits vom Paradies“ aufmachte seinen „Amerikanischen Traum“ zu leben, bereits mit „Der große Gatsby“ – seinem zweiten Roman – zum Chronisten von dessen Untergang.

Und doch handelt der Roman letztlich vom Hoffen. Der „romantischen Bereitschaft zu Hoffen“, wie Fitzgerald die Haltung seines Protagonisten zum Leben beschreibt. Hoffen auf etwas, das unerreichbar scheint – vielleicht unerreichbar ist – und dennoch als Ziel postuliert werden muss. Gatsby als Figur verkörpert das Prinzip „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Das ist Amerika. Das ist der unerschütterliche Optimismus des „Yes, we can“, dessen Grundfesten in der amerikanischen Verfassung liegen, dessen goldenes Zeitalter die „Roaring Twenties“ sind mit ihrem Swing aus Luxus, Reichtum und Glamour, der drohenden Wirtschaftskrise und dem aufkommenden Faschismus im Rücken. Auch davon handelt das Buch. Von den kleinen Erschütterungen, die den Riss der Geschichte ausmachen werden: Tom Buchanan, Gatsbys Gegenspieler, ist erklärter Rassist. Gatsby selbst ist über zwielichtige Geschäfte mit Gangstern an Geld gekommen. Wilson – der Bewohner des „Tals der Asche“ – ist bereits das personifizierte Scheitern des „Amerikanischen Traums“ schlechthin. Seine Tankstelle steht auf dem Schutthaufen der Gesichtslosen, der Underdogs, der Traumleichen. Geld jedenfalls ist hier nicht zu machen. Glück und Erfolg – für Fitzgerald unbedingt Synonyme – gibt es hier nicht.

Will man solch ein gewaltiges Buch – gewaltig trotz seiner Kürze von etwa 150 Seiten im Original – für die Bühne adaptieren, steht man schnell vor erheblichen Schwierigkeiten. Denn „Der große Gatsby“ ist ein Buch, das vor allem eine bestimmte Atmosphäre atmet, das sich über Geruch und Geschmack erzählt, nicht über einen spektakulären Handlungsverlauf. Woher kommt der ganz eigene Charakter dieses Buches? Er liegt in der Haltung, in der Bewertung und Beschreibung des Erzählers Nick Carraway. Deshalb muss jede Adaption – inklusiver zahlreicher Verfilmungen – misslingen, die diesen Sachverhalt außer Acht lässt. Der Erzähler ist das Salz in der Suppe dieser Geschichte. Und Nick ist natürlich auch Fitzgerald – die andere Seite des Autors – der Chronist, der ewige Voyeur, der Teil hat am Partyleben und sich dennoch immer außen fühlt – nur Zuschauer ist. Der zu kompliziert ist, um einfach mitmachen zu können, der dem Strudel des Untergangs macht – und handlungslos zusehen muss, dafür allerdings wunderbar poetische Beschreibungen für diesen Komplettverlust an Glück bereithält.

Und natürlich darf auch Gott im Buch nicht fehlen. Ein Gott der Hoffnung selbstverständlich: Eine riesige Werbetafel, die „Augen von Dr. T.J. Eckleburg“, die über der Aschelandschaft als Symbol der Erlösung thronen: „Morgen rennen wir schneller, strecken uns höher ….und dann – eines schönen Morgens – Und so kämpfen wir uns voran, Boote gegen den Strom, unablässig der Vergangenheit zu.“

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