
Dem Luxus verfallen, ständig bedroht von finanziellen Sorgen und Alkoholabstürzen, schuf Francis Scott Fitzgerald einige der bedeutendsten Romane und Erzählungen der amerikanischen Literatur. „Der große Gatsby“ erschienen 1925, ist ein Roman der Masken, Symbole und Gegensätze. Ein Roman, der wie kein anderer den „Amerikanischen Traum“ beschreibt, einen vermeintlich unschuldigen Traum voller Idealismus und grünem Hoffnungsschimmer. Sein Protagonist: einer wie Michael Jackson oder Andy Warhol – im Herzen ein ewiges Kind. Unschuldig, schillernd und abgründig zugleich. Ein dunkler Engel, ein Sternenkind mit Mondaugen, bereit zu träumen, ja, aber auch bereit alles für die Verwirklichung seines Traums zu opfern, einschließlich sich selbst. Menschen werden von Gatsby nur benutzt und eingesponnen in seinen romantischen, seinen wahnsinnigen Plan die Vergangenheit zurückzudrehen in eine scheinbar heile Welt vor dem Krieg. Hierzu dient ihm die Wunderpracht seiner Willy-Wonka-Welt. Doch auch das Amoralische ist dort zu Hause. Hinter verschlossenen Türen in verrauchten Drugstores in den Seitenstraßen von New York. Die schmutzigen Geschäfte mit der Mafia. Denn Gatsby braucht immer mehr Geld und Luxus um seinen romantischen Plan von der großen Liebe wahr werden zu lassen.
Daisy – sein „Love interest“ – nämlich mag reiche Männer. Doch noch mehr mag sie Männer mit Macht. Bullige, protzige und gewalttätige Footballtypen wie Tom Buchanan. Da Gatsby, der Weiche, nichts als seinen jungenhaften Charme und eine mangelhafte Biografie vorweisen kann, muss er also umso mehr Materielles auftischen, um sein Gegenüber blenden zu können. Besonders absurd gezeigt wird dieses Element von Fitzgerald in der berühmten „Hemdenszene“ des Romans. Aber trotz aller Risse in Gatsbys Charakter, siegt am Ende die romantisch- heroische Figur von Jay Gatsby über die Abgründe und die Unreife des echten James Gatz. Selbst Nick, der Ich-Erzähler der Geschichte, nimmt am Ende Gatsby von seinem fatalistischen Urteil über jenen Sommer und die „Herzen der Menschen“ aus. Denn Nick ist wie Gatsby ein Romantiker.
Neben den Träumern und den rücksichtlosen Kapitalisten und Neureichen (Daisy und Tom) beschreibt Fitzgerald aber auch die Schattenseiten des „Amerikanischen Traums“ vom Erfolg. Er zeigt die Verlierer am Rande der Einöde, die tagaus, tagein auf ein riesiges Billboard starren müssen, darauf die Augen T.J.Eckleburgs, der Gott der Verlierer. Der reale Eckleburg – ein Optiker, der versuchte sein Business im Vorort von Queens aufzuziehen, wurde wahnsinnig oder ist fortgezogen, überhöht als Mythos, thront er aber weiterhin auf seiner ausbleichenden Werbetafel und erinnert jeden daran, dass auch sein Traum früher oder später scheitern muss. Denn das Scheitern und nicht der Erfolg sind die exemplarische amerikanische Storyline.
Für diese harten, eigentlich desillusionistischen Geschichten findet Fitzgerald die schönsten und poetischsten Worte der Weltliteratur. „Der große Gatsby“ ist vor allem ein Buch, das eine bestimmte Atmosphäre atmet. Jede Adaption muss misslingen, die jene Erzählpassagen streicht, die zum Genialsten gehören, was die amerikanische Literatur hervorgebracht hat. Sie sind es, die diesen Roman zurecht auf jede Bestenliste der Weltliteratur setzt. Nick, der Erzähler ist wie Gatsby auch ein Teil von Fitzgerald selbst. Der Chronist, der ewige Voyeur, der partizipiert am Partyleben und sich dennoch immer außen vor fühlt – Zuschauer bleibt. Der zu kompliziert ist um einfach mitmachen zu können, der dem Strudel des Untergangs macht- und handlungslos zusehen muss, dafür allerdings wunderbar poetische Beschreibungen für diesen Komplettverlust an Glück bereithält. Denn:
„Morgen werden wir schneller laufen, die Arme weiter strecken und eines schönen Tages... - Und so rudern wir weiter, Boote gegen den Strom, unablässig der Vergangenheit entgegen.“