
In seiner Erzählung „Der Sandmann“ von 1816 beschreibt E.T.A. Hoffmann wie ein nie gelöstes Kindheitstrauma - die fixe Idee eines Sandmanns, der den Menschen die Augen stiehlt - das Leben seines Protagonisten und dessen Umfeld immer destruktiver zu beherrschen vermag.
Ein Jahrhundert vor Siegmund Freud seziert der Autor darin messerscharf und mit den Mitteln der „Phantastik“, wie der Student Nathanael einer Wahnidee verfällt und immer tiefer ins „Rabbit Hole“ seiner eigenen, sich scheinbar überall bestätigenden Beobachtungen und Scheinwahrheiten gerät. Und Nathanaels Angst vor dem Verlust seiner Augen wird tatsächlich Wirklichkeit, doch anders als von ihm befürchtet: Ihm werden tatsächlich die Augen genommen, wenn man das Erkennen von Wahrheit mit dem Besitz von Augen gleichsetzt, wie es Hoffmann tut. Die beschriebene Verzerrung der Realität durch falsche Perspektiven – die Motive von Gläsern, Brillen und optischen Geräten finden sich jedenfalls überall in der Erzählung - gipfelt im Nichterkennen des Unterschieds von Mensch und Maschine. Nathanael wirft seiner Freundin Clara, die seine dunklen dichterischen Visionen nicht mehr erträgt, vor, ein lebloser Automat zu sein, erkennt im tatsächlichen Automaten, dem KI-BOT des verrückten Wissenschaftlers und Möchtegern-Weltherrschers Spalanzani, der schönen Olimpia - gesegnet mit perfekter Technik und künstlicher Intelligenz, doch augen- und seelenlos - den scheinbar „echten“ Menschen.
Die Aktualität der Erzählung liegt auf der Hand und ist dennoch umso verstörender, scheinen wir doch in manchen Entwicklungen in Hoffmanns schwärzesten Fantasien angekommen zu sein. Verstörend gerade auch, weil Hoffmann assoziativ, statt didaktisch schreibt, erzähl-technisch aus verschiedenen Perspektiven das Ganze eher fragmentiert, als zusammenführt. Realität und Wahrheit verschwimmen damit umso mehr, werden aufgelöst und neu zusammengesetzt. Und bei aller Fabulier- und Spielfreude des Autors, der anders als seine Kritiker aus den Reihen der “Weimarer Klassik”, nie nach “stiller Einfalt und edler Größe”, sondern nach dem Abgründigen, dem Grotesken, ja den Spannungsfeldern innerhalb der gesitteten Bürgerlichkeit sucht, bewahren die Besten seiner “Nachtstücke” und “Teufelselexiere dennoch allgemein gültige Wahrheiten in sich. Man höre sich nur die Schlussbemerkung von Hoffmann im “Sandmann” an:
“Um nun ganz überzeugt zu werden, dass man keine Holzpuppe liebe, wurde von einigen Liebhabern verlangt, dass die Geliebte etwa taktlos singe und tanze, dass sie bei zu langen Erklärungen sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele usw. vor allen Dingen aber, dass sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche, dass dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze. Also kurz gesagt: Man hatte die Automaten erst einmal satt und erfreute sich wieder am Echten, Natürlichen, Menschlichen.”
Wunderbar! Hoffmann schlägt in wenigen Sätzen so viele Fliegen mit einer Klappe: Frauen sollen denken, statt nur zuhören. Technik kann nie das Lebendige ersetzen. Bleibt kritisch und besinnt Euch auf den Menschen als echtes Gegenüber, auf Empathie, Liebe! In der deutschen Rezeption nach Goethe fristete der Romantiker und Allrounder Hoffmann lange Jahre ein Nischendasein. Im Ausland aber erkannte man sein Genie und seine Modernität. Ein Edgar Allan Poe war ein erklärter Fan und sein eigenes Werk ohne Hoffmann undenkbar. Ebenso Baudelaire, Lovecraft und die ganzen weiteren Ahnen der “Phantastischen Literatur”. 2026 feiert der Autor seinen 250. Geburtstag und gilt mittlerweile als einer der ganz großen Romantischen Dichter weltweit.
Als Autor habe ich in meiner Bühnenbearbeitung versucht nah an Hoffmanns Originaltext zu bleiben, nichts zu überschreiben, wie es im modernen Theater der besseren Eingängigkeit halber so gerne gemacht wird, sondern die Ideen Hoffmanns weiter- und fortzuschreiben. Hierbei wollte ich eine klare Trennung der Stile erreichen. So dass immer klar wird, wo ist Originaltext, wo Fortschreibung. Und Hoffmann ist zwar kein Dramatiker, aber ein echter Kenner des Bühneneffekts. Als Regisseur ist es mir eine Freude seinen verrückten Ideen Gestalt geben zu dürfen, seine durchdachten Figuren noch weiter zu psychologisieren und dennoch nie als Ideenträger aufzuweichen.
Mit den Mitteln der Musik kommt nun genau jene Sphäre hinzu, die eine hohe Suggestivkraft und Farbigkeit ermöglicht, auch hier klar getrennt in analoge Klaviermusik für die innere Seelenverfassung der Protagonisten und synthetischer Musik für die Sphären von Angst, Horror und Virtualität. Denn der eigentliche Horror geht nicht von Nathanaels “Sandmann” aus, sondern von jenen Tech-Visionären, denen jegliche Ethik und jeder Humanismus abhanden zu kommen scheint, und uns, ihren immer willfähigeren Gefolgsleuten.