Kleinstadt in Rot

 von Manuel Kreitmeier

Die 1950er-Jahre in den USA waren eine Zeit des Wohlstands und erzkonservativer Moralvorstellungen und doch zerrissen von Generationskonflikten, Bürgerrechtsunruhen und der paranoiden Angst vor dem Kommunismus. In dieser prüden Zeit strenger Zensurauflagen entstanden Filme wie „Invasion of the Body Snatchers“ (1956) und viele andere Horror- und Science-Fiction-Filme dieser Art, die auf den ersten Blick unverfängliche Unterhaltung boten, bei genauerer Betrachtung aber sehr schlüssige, wenn auch chiffrierte Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Zuständen widerspiegeln. 

Das Setting: eine Kleinstadt. Gemütliche Häuserreihen, der Marktplatz, die Kirche. Man kennt die Figuren, die solche Filme bevölkern: der Doktor, der Sheriff, der nette Gemischtwarenhändler. Dazu Tante Bette, Onkel Harry und der freche kleine Junge mit dem Fahrrad. Bis heute werden diese Kleinstadtbilder erfolgreich in Serien wie „Stranger Things“ vermarktet. 

Der Doktor – ein Intellektueller und irgendwie nie ganz Angekommener in dieser Stadt – wird Zeuge mehrerer Vorfälle, bei denen Menschen ihre nächsten Angehörigen nicht mehr zu erkennen glauben. Im Laufe des Films findet er heraus: Außerirdische Pflanzen wurden in die Häuser der Bewohner gebracht und diese daraufhin ausgetauscht – zu quasi stalinistischen Robotern, die sich nach nichts mehr als Emotionslosigkeit und Gleichschritt sehnen. Gewaltbereit sind sie natürlich überdies, denn Individualität und Abweichungen von der Konformität werden nicht geduldet.  

Das Spannende an diesen Filmen: Sie arbeiten mit den Mitteln des strengen Realismus. Obwohl die Vorkommnisse und der Plot fantastisch und völlig absurd anmuten, ist die Durchführung der Handlung bierernst, als zeige man hier tatsächlich etwas ganz Reales und jederzeit Denkbares: eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Land selbst und dem Geist, der es bewohnt. 

Ein Stück über das Amerika unter Donald Trump zu schreiben, schien mir unmöglich. Ist der Mann selbst und seine Politik doch nicht einmal mit den Mitteln des „Absurden Theaters“ abbildbar. Längst übersteigt der narzisstische Irrsinn jedes vorstellbare Maß selbst des dystopischsten Amerikakritikers. Deshalb griff ich zu den Mitteln dieser Filme, wagte mich quasi an ein modernes Remake der „Body Snatchers“. 

Gerade weil diese Filme die Kleinstadtidylle als Ausgangspunkt haben, kann man darin die Deformationen der Gesellschaft unter einer rechts-christlichen Ideologie mit all ihren autoritär-denkenden Suppenköchen aus der “MAGA-Bewegung”, den “Evangelikalen” und den “Longterministen” des Silicon Valley genau beschreiben. Und dann gibt es natürlich immer auch den skrupellosen Geschäftemacher oder korrupten Bürgermeister. Denjenigen also, der den Hals nie voll genug bekommen kann und sich nur darum mit dem “Bösen” einlässt, weil er ein Riesengeschäft wittert.  

Der Ausgangspunkt musste also ähnlich absurd sein wie die Trumpsche Großmachtpolitik: Tomatenaliens. Ja, warum nicht. Denn Tomaten können viel sein, ein Land übernehmen und führen sollten sie aber nicht. Mag Trump bereits als Immobilienmakler mit denselben menschenverachtenden und mafiösen Methoden gearbeitet haben wie heute als Präsident – schlimm genug. Aber an die Spitze eines Staates wie der USA gehört diese Tomate nicht. Denn dort kann sie Unvorstellbares anrichten. Ähnlich dem „Schicklgruber“ aus dem Männerwohnheim in Wien.  

Solche Soziopathen, die Unterwerfung oder Vernichtung fordern, die unsere Welt umzubauen versuchen nach den Prinzipien des Tomatenstrauchs, an dem alle Menschen gleichförmig zu hängen haben und dienen dürfen – oder eben nicht dazugehören wie Unkraut –, kennen nur ein für- oder gegen sich. Hier wird Politik zur reinen Unterwerfungsgeste Doch wie gut ist man beraten mit einem Gärtner, der in letzter Konsequenz bereit sein dürfte die eigene Tomatenplantage in die Luft zu jagen, wenn dies seinem irrationalen Herrscherimpuls entsprechen sollte? Denn dann sind selbst die guten Tomaten alle Matsch und die ganze Kleinstadt in rote Soße getaucht.

Die Musik zum Stück stammt von Béla Bartók, Anton von Webern, Gustav Holst und Ruth Crawford Seeger.

Ein INTERVIEW mit dem Regisseur zum Stück gibt es --> HIER zu hören. 

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