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Narzissmus als Lebensprinzip

Narzissmus als Lebensprinzip

Rigorose Selbstverwirklichung sei das einzig erstrebenswerte Ziel des Lebens, predigt Lord Henry Wotton, Oscar Wildes scheinbares Alter Ego in seinem einzigen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. Und er fügt hinzu: „Der Tod, der Verfall dauern endlos. Die Jugend, die herrliche Jugend nur so kurze Zeit. Leben Sie jetzt. In vollen Zügen. Sie haben alle Möglichkeiten dazu. Carpe diem!“ Dorian Gray, der schöne, unbedarfte Jüngling ist berauscht von den Worten des Älteren und sofort bereit dessen Wahlspruch zu folgen. Was dann kommt ist ein Leben außer Rand und Band. Ein Leben auf der Überholspur, bei dem sich Genuss an Genuss reiht und am Ende nur Leere und Zerstörung übrig bleibt.

Oscar Wildes Roman von 1891 ist es wert neu durchdacht zu werden, leben wir doch selbst in einer Zeit des rigorosen Narzissmus, der Egomanie auf Kosten des sozialen Zusammenhalts. Vergessen wir nicht, dass die Ausschweifungen der Upperclass damals mit ihrer prüden, doch bereits ausgehöhlten Sexualmoral und die Whitechapelmorde eines Jack the Ripper, die zwei Seiten derselben Medaille sind – Spiegel eines Landes, das sozial und moralisch zutiefst zerrissen war, das geprägt war von Kolonialismus und rigoroser Selbstentfaltung. Oscar Wilde ist der exemplarische Protagonist seiner Zeit. Sein Leben und Denken schwankt zwischen Exzess und Katholizismus, Nihilismus und Empathie. Wohl wenige Leben sind so widersprüchlich: Er war Dandy, Gesellschaftslöwe, Sozialist, Katholik, Familienvater und Homosexueller Auf dem Gipfel seines Ruhms hatte er die Deutungshoheit in England in Sachen Mode, Literatur und Lebensart. Er war der meistgespielte Theaterautor seiner Zeit. Am Ende seines Lebens war er ein verurteilter Straftäter und Verbannter.

„Das Bildnis des Dorian Gray“ ist Ausdruck dieses Lebens, öffentliches Outing und schonungslose Selbstoffenbarung zugleich. Und natürlich birgt der Roman dieselben Widersprüche wie Wildes Leben. Er ist Bibel des Ästhetizismus und dessen eigene Kritik. Er ist voll vergifteter Theorien und zugleich hoch moralisch. Eine Dramatisierung bietet sich geradezu an – der Roman ist voll herrlich ironischer Dialoge – und doch bleibt er für einen heutigen Leser stark zeitverhaftet und seine Wirkung weit hinter der Schlagkraft, die er bei seiner Erstveröffentlichung hatte, zurück. In einer Dramatisierung muss es also um eine Neuschaffung und einen Transfer zur Gegenwart gehen. Als Autor ging es mir darum, die Dialoge des Romans nicht einfach zu übernehmen, sondern sie neu zu gestalten auf Grundlage der Gedanken und der Dramaturgie des Originals. Das Buch und auch das Stück sind wie ein Labyrinth, in dem sich die Figuren verlaufen haben. Sie halten sich allesamt für Auserwählte, grenzen sich ab von der Gesellschaft und den von ihnen verachteten gewöhnlichen Menschen. Sie frönen unverhohlen ihrem eigenen Narzissmus, dem wir auch heute in mannigfacher Weise begegnen. Seien es die Terroristen, die sich anmaßen Gott zu spielen, seien es Staatsmänner wie Donald Trump, die einen verqueren Egofaschismus predigen, seien es wir selbst, die der Welt unsere Facebookposts und unsere Instagramfotos zumuten zu müssen meinen, als wollten wir in der globalisierten Ödnis rufen: Seht her, wir sind Versinkende, aber wir versinken schöner und besser als alle anderen!

Wo Oscar Wilde und seine Figuren noch Zerrissene sind zwischen der Anbetung ihrer eigenen Fetischobjekte und einem zutiefst verwurzelten Gefühl von Schuld und Vergebung, sind wir Heutigen beinah gänzlich befreit von Letzterem. Wir sind aufgeklärte Menschen, wir verachten die bürgerliche Moral und misstrauen den Erklärungsansätzen der Religion. Wir glauben uns rundum informiert und mitspracheberechtigt. Wir halten unsere Meinung für relevant, sind aktiv im Leben und leistungsstark in der Gesellschaft. Doch darunter ist die Leere, die Depression. Unserer Erklärungsansätze sind selbstbezogen, da sie letztlich nur uns selbst und die eigene Illusion von Wichtigkeit zum Zentrum haben. Am Ende der Illusion vom narzisstischen Größenwahn steht aber nicht die ewige Jugend und der vollkommene Genuss, sondern ein Abscheu erregendes Bildnis und ein Leben voll Leere und Sinnlosigkeit. Wo das eigene Selbst alleiniges Zentrum des Lebens ist, kann nichts Wertvolles entstehen. Ja, es ist wert Oscar Wildes Roman neu zu durchdenken.

(Manuel Kreitmeier)

 

 

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