Holmes und Ich

Hintergründe

Zum Stück

von Manuel Kreitmeier
Wirklich wir leben in verrückten Zeiten. Anstrengenden, ermüdenden, unsicheren und krisengeschüttelten Zeiten. Wie da noch mitkommen? Wie da noch weitermachen? Als Künstler, als Intellektueller gibt es Tage da mag man nur noch wie Thomas Mann seinerzeit in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ verzweifeln ob einer sich auflösenden und vermeintlich heileren Welt, wie wir sie vormals zu kennen glaubten, und einer Neuen, die uns in ihrer Eindimensionalität und Radikalität, ihrem gesellschaftlichen und medialen Wahnsinn nicht zu überzeugen vermag. 
 
So geht es auch Sherlock Holmes, dem Inbegriff des rationalen Denkers, des analytischen Beraters, der Königen und Dienstmädchen gleichermaßen zu Diensten stand, der nun 1918 abgehängt von den gesellschaftlichen Entwicklungen, erschüttert vom Irrationalismus des Ersten Weltkriegs und dem Verschwinden des alten Wertekodexes, den Fragen der Zeit und ihrem Personal nicht mehr zu folgen vermag. Zwar sitzt er noch immer in der Bakerstreet genau wie 1887 – literarische Figuren müssen halt nicht altern – doch hinter verschlossenen Türen. Denn es hat sich etwas verändert bei Sherlock Holmes: Er berät nicht mehr. Und da Holmes immer dann, wenn er nicht zu arbeiten in der Lage ist, in Depressionen versinkt, greift er nun angesichts der sich häufenden persönlichen wie gesellschaftlichen Krisen umso ungehemmter zu seinem vertrauten Fluchtmittel: den Drogen. Doch sein Absturz gerät dieses Mal außer Kontrolle. Holmes scheint einer Psychose - einer kompletten und allumfassenden Realitätsverneinung - zu erliegen. Sein einst brillanter Verstand lässt ihn nach und nach im Stich, der Weg in die persönliche Auflösung scheint unabwendbar. 
 
Doch hat Holmes die Rechnung ohne den Wirt, in diesem Fall die Wirtin gemacht: Mrs. Hudson. Die bodenständige, ältere Dame ist nicht bereit seinem Selbstmord auf Raten tatenlos zuzusehen und so entspinnt sich ganz langsam eine persönliche Beziehung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Menschen, die uns nur eines lehren kann: Alleine geht es nicht. Wir brauchen einander, wir brauchen Gemeinschaft, wir brauchen Zusammenhalt und Trost zwischen den Fronten, zwischen den Schützengräben aus Ideologie und Gewalt, Verneinung und Ausgrenzung. Ja, wir müssen wieder an einem gemeinsamen runden Tisch Platz nehmen, wie der große Poet Hanns Dieter Hüsch es einmal so schön formuliert hat: 
 
„Gott, wieviel Jahre träume ich schon den gleichen Traum vom gleichen Stoff, von Bruder und Schwester, Vater und Sohn und einer davon heißt Schretzmeier und ein anderer Oberhoff und alle reden und trinken, essen und denken nach Herzenslust und Gelüsten - mit Ausnahme der Faschisten! Den möcht' ich sehen, der mir untersagt dieses Lied öffentlich vorzutragen – den möcht' ich sehen! Deshalb sing' ich dieses Lied und wollte das hier mal sagen!“
 
Der Künstler, der Denker, der ganz normale Mensch hat vielleicht nicht immer ein Wort parat in diesen schnelllebigen Zeiten: Trost und Ermunterung womöglich schon gar nicht, aber schweigen darf er nicht. Deshalb sind auch für uns weiterhin die relevanten Fragen an uns selbst, Sie unsere Zuschauerinnen und Zuschauer und an diese, unsere gemeinsame Zukunft zu stellen. Und das wollte ich hier mal sagen.
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Sherlock Holmes als Kulturphänomen

von Arne Willée
Die Kunstfigur Sherlock Holmes ist eine Besonderheit. Seit ihrem ersten Erscheinen im Jahr 1887 erfreut sich der Privatdetektiv größter Beliebtheit und hat unsere kollektive Einbildungskraft nachhaltig geprägt, und ein fast archetypisches Bild von einem Detektiv in uns geschaffen. Dabei sind es sicherlich mehrere Charaktereigenschaften, die uns an der Figur Sherlock Holmes faszinieren. Zuerst verkörpert er den ästhetischen Intellektuellen, der durch seine scharfe Beobachtung und seine unbeirrbare Deduktionsmethode, allen Spuk in einer rationalen Erklärung auflöst. Seine andauernde Faszination bezieht er aber vor allem durch seine menschlichen Seiten - seiner Loyalität zu Doktor Watson, aber auch seinen Manien und Depressionen, die einem fast übermenschlichen Agieren als viktorianischer Superheld gegenüberstehen, und ihn erst zu einer Bezugsperson aus Fleisch und Blut machen.
 
Die Figur des Privatdetektivs Sherlock Holmes, ersonnen von Sir Arthur Conan Doyle, hat sich mit einem kometenhaften Aufstieg einen bleibenden Platz in unserem kulturellen Gedächtnis erworben. 
Und das nicht nur in der westlichen Welt. Zu den frühen Übersetzungen zählt z.B. die Türkische (1907), nur ein Jahr nach der ersten Übersetzung ins Deutsche. 
 
Dabei transzendiert die Figur Sherlock Holmes auch schnell sein ursprüngliches Genre: Der erste Film erscheint 1916 (Sherlock Holmes Baffled), es kommt zu Bühnenproduktionen (Sherlock Holmes von William Gillette am Broadway, 1899) und sogar ein russisches Ballett wird dem Privatdetektiv aus der Bakerstreet gewidmet (The Great Detective, 1912). 
 
Der sogenannte Kanon der Doyle Texte, der 56 Erzählungen und vier Romane umfasst, wurde dabei schnell erweitert, sei es durch Erzählungen, die im selben Kosmos spielen, oder auch durch eine sehr fruchtbare Satireproduktion, wie z.B. die sehr populären Misadventures of Sherlock Holmes.
Weltweit gibt es heutzutage sogenannte ‚Sherlockians‘, die sich der Welt von Sherlock Holmes verschreiben. Sie kann man als eine fortlaufende Entwicklung der Sherlock Holmes Gesellschaften verstehen, die sich in den 1930er Jahren in London mit der Sherlock Holmes Society und in New York mit den Baker Street Irregulars gründeten. Es folgen viele weitere in Dänemark, Indien, Australien und Japan. Auch gibt es Museen in London auf der berühmten Baker Street und in der Schweiz in Meiringen. Heute gibt es zahllose Podcasts und YouTube Kanäle, die sich ausschließlich mit ihm befassen.
 
Überhaupt Film. Das Guinness Buch der Rekorde führt Sherlock Holmes als meistporträtierten Charakter mit mehr als 70 Schauspielern in über 200 Filmen an.
 
Die Figur Sherlock Holmes wurde auch immer wieder für die Gegenwart aktualisiert. So zum Beispiel 1942 in dem Film Sherlock Holmes And the Voice of Terror, in dem Sherlock Holmes während des zweiten Weltkriegs dabei helfen muss, ein Netzwerk von Nazi-Saboteuren unschädlich zu machen. Oder in der Adaptation Sherlock, mit Benedict Cumberbatch, in dem wir einen gegenwärtigen Holmes zu sehen bekommen, der zeitgemäß mit seinem Handy in den Untiefen der sozialen Netzwerke navigieren kann und aus dem drei Pfeifen Problem, ein drei Nikotinpflaster Problem macht.
 
Sherlock Holmes bleibt und zeigt sich in immer neuen Formen. Ein Ende ist nicht absehbar – The game’s afoot, Sherlock!   
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Die Ecke der Welt

von Florian Wetter

“It’s all right that the world is crazy, as long as I make my little corner of the world sane.”
(Diane Lockhart in The Good Fight)

Eigentlich geht die Baker Street Ende des 19. Jahrhunderts nur bis Nummer 100. Arthur Conan Doyle hat die 221 B erfunden, um seinem Helden Sherlock Holmes eine respektable Unterkunft in guter Londoner Wohngegend zu verschaffen. Schön zentral, vor allem so, dass die Bahnhöfe mit ihren Verbindungen in unterschiedliche Himmelsrichtungen alle etwa gleich gut erreichbar sind. Denn er reist viel, der berühmte Privatdetektiv. In einer Zeit, wo man nicht so mobil ist wie heute – wo das Tempo der Droschken das Maß der Dinge ist und die 140 km/h mit dem Zug einem normalen Menschen die Haare zu Berge stehen lässt. Wo ein Ausflug ins eigentlich recht nahe gelegene Dartmoor schon beinahe exotisch anmutet, von der Schweiz, Deutschland oder Frankreich einmal ganz abgesehen.

In der Baker Street 221 B lebt also Sherlock Holmes in einer Art Wohngemeinschaft mit seinem besten Freund, dem Arzt Doktor Watson, der mit einer Verletzung aus dem Zweiten Afghanischen Krieg zurückkam. Ein Schuss in Arm oder Bein – Doyle hält sich damit nicht auf, verwechselt in einer Geschichte sogar den Vornamen John mit James. Aber darum geht es auch nicht. Dieser Kosmos, den dieser faszinierende Autor erfindet, ist so voller Details und wunderbarer Beobachtungen. Ein kleines Universum für sich, dessen Mittelpunkt die berühmte Wohnung des Meisterdetektivs bildet. Im ersten und zweiten Stock logiert er. Mrs. Hudson, der das Haus eigentlich gehört (und die man vor allem daher kennt, dass sie den Besuchern die Türe aufmacht, Briefe überreicht oder einfach nur den Tee bringt), lebt im Erdgeschoss. Sie ist irgendwie immer da, um die Tür auf oder zuzumachen. Fast verstohlen und mit kindlicher Freude beäugt sie unaufdringlich das Tun ihrer zwei kapriziösen Untermieter. Dann ist es irgendwann nur noch Holmes, weil Watson heiratet und auszieht – eine Art Krisenmoment für Holmes, der soziophob, vielleicht schüchtern oder einfach nur mit Denken und anderen Dingen beschäftigt ist.

Chemischen Experimenten zum Beispiel. Um neueste kriminalistische Methoden zu erproben, zu verbessern und zu erfinden. Dabei fast das ganze Haus abfackelt oder zumindest die Feuerwehr auf den Plan ruft. Ohrenbetäubend Geige spielt, um der Virtuosität des Geistes einen musischen Ausdruck zu verleihen. Das ganze Zimmer vermüllt, weil er wieder irgendeine Droge eingeworfen oder gespritzt hat, wenn es mal keinen Fall gibt. Das Denken im Leerlauf durchdreht. Denn so oder so ist er ein Junkie. Der Verstand muss auf Hochtouren laufen. Läuft auf Hochtouren, nur nicht unbedingt immer sinnhaft. Wenn es nichts zu erkunden, zu beobachten, zu deduzieren gibt, muss die Leere mit anderem gefüllt werden.

Kein Wunder, dass Conan Doyle sich zunehmend bedrängt von seiner Kreatur fühlte. 1887 erscheint die erste längerer Geschichte „A Study in Scarlett“ in einem kleinen, unbedeutenden Blatt. Er verramscht sie für £ 25, wird sein Lebtag keinen einzigen Cent von den vielen Neuauflagen zu sehen bekommen. Zuerst hat er große Freude an seiner Schöpfung. Und schnell entwickelt das neu geschaffene Universum eine Eigendynamik. Sein Bruder zeichnet in einer ersten Illustration den Detektiv noch mit Schnauzbart, der Zeichner Sidney Paget allerdings, der die Optik in den nächsten Jahren entscheidend mitprägen wird, wählt seinen attraktiven jüngeren Bruder als Modell für Holmes. Und wer auch immer Holmes auf der Bühne oder in Film und Fernsehen spielen wird, misst sein Aussehen an diesen Illustrationen.

1893 bereits, hat Conan Doyle den Sherlock satt. Er beschließt, Holmes umzubringen. Dafür erfindet er den legendären Widerpart Professor Moriarty, und greift dafür auf den realen Zeitgenossen und Superschurken Adam Worth zurück, den man den „Napoleon des Verbrechens“ nennt, und der Scotland Yard wie eine Bande Vorschuldkinder aussehen lässt. Moriarty ist das Negativ des Detektivs – ein Schatten, ein Doppelgänger, der nur um den Preis des eigenen Lebens ausgelöscht werden kann. In einem Showdown stürzen beiden im Kampf ineinander verschlungen den Meiringer Reichenbachfall herunter. Das Publikum ist entsetzt. Für viele waren Holmes und Watson reale Menschen. Das Strand Magazine, in dem die Geschichte erscheint, entgeht knapp dem Bankrott durch den Entrüstungsstürm der Leser.

Der Autor widmet sich zehn Jahre lang anderen Dingen zu. Spiritistischen Sitzungen, Golf, Billard, Reisen, Forschung, schreibt Artikel über so ziemlich alles, schreibt historische Romane, Science-Fiction – und kehrt dennoch aus freien Stücken in die Baker Street zurück. So, als bräuchte die Welt eine Ecke, in der noch alles so ist, wie es immer war.

 

 

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